Karim und Aschenbrödel

Karim und Aschenbrödel

15.11.-02.12.2021 La Gomera – La Palma – El Hierro, Logstand seit Start: 2511 Seemeilen

Wir sind vor ein paar Tagen in Bequia angekommen, wieder online und gehen zurück zum 15. November 2021.

Nach der ersten Nacht vor Anker an der Südspitze von Lanzarote war uns klar, dass wir hier nicht allzu lange bleiben wollten. Die Bucht war zwar schön anzusehen, aber so rollig, dass wir uns vor Anker wie beim Segeln vorkamen. An Land zu gehen war bei den Brechern am Strand auch ausgeschlossen wenn wir nicht das Risiko eingehen wollten mit dem Dinghy zu kentern. Also fragten wir bei den nächsten Häfen auf unserer Route nach Südwesten wegen einem Liegeplatz an und bekamen überall die gleiche Antwort (so sie denn überhaupt antworteten) «Sorry we’re full!». Es war Hochsaison und offenbar gar nicht so einfach einen Hafenplatz für einen Katamaran zu bekommen. Nachdem wir auf La Gomera eine Zusage bekamen (allerdings für max. 7 Tage) beschlossen wir, unseren ursprünglichen Plan per Inselhopping durch die Kanaren zu segeln, aufzugeben. Stattdessen gingen wir nun in einem Schlag auf direktem Weg, vorbei an Fuerteventura, Gran Canaria und Teneriffa nach La Gomera, zu unserem geplanten Endziel vor der Atlantiküberquerung. Dann geht es halt eine Woche früher rüber als ursprünglich geplant, aber das war uns eigentlich auch recht. Und wir freuten uns auf ein paar Tage Sightseeing auf La Gomera als Ausgleich für den ausgefallenen Inselhoppingtörn.

Bye, bye Lanzarote

Nach einer sehr ruhigen Nachtfahrt, meistens unter Motor, da die Winde zu schwach waren um unter Segel rechtzeitig bei Tageslicht anzukommen, legten wir uns am Nachmittag des 18. November in den letzten freien Katamaranplatz in San Sebastian auf La Gomera. Jetzt hatten wir sieben Tage Zeit um das Boot atlantikklar zu machen und noch ein wenig von La Gomera zu sehen.

Unser Liegeplatz für sieben Tage in La Gomera

Auf der Überfahrt dorthin war mir ein komisches Quietschen im Mast aufgefallen. Jedes Mal, wenn der Wind das Vorsegel blähte hat es im Masttop gequietscht. Das musste unbedingt vor der Atlantiküberquerung angeschaut werden. Am Freitag konnten wir einen Riggspezialisten auftreiben, der am Samstagmittag in den Mast hochgehievt wurde. Der Grund für das Quietschen war schnell gefunden und mit etwas Fett behoben, aber was er noch entdeckte, hat uns fast die Sprache verschlagen: Der Bolzen, der die Umlenkrollen für das Grosssegelfall und die Dirk (beides Seile, die elementar sind, um das Grosssegel verwenden zu können bzw. den Grossbaum daran zu hindern runter zu fallen), war schon halb draussen. Beide Umlenkrollen waren rausgefallen und die Seile hingen nur am Bolzenrest bzw. am Ausschnitt im Alumast. Beide Seile waren schon ziemlich schwer beschädigt und kurz vor dem Brechen und es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen bis uns entweder das Grosssegel geklemmt hätte oder der ganze Baum runtergefallen wäre. Wie den Galliern der Himmel wäre uns womöglich der Baum auf den Kopf gefallen und zwar höchstwahrscheinlich irgendwann während der Atlantiküberquerung… Nach einigen Stunden Aufwand waren wir nicht nur emotional, sondern auch um ein paar Hundert Euro erleichtert, aber hatten dafür das gute Gefühl einen Schaden rechtzeitig entdeckt und behoben zu haben, um schlimmeres zu verhindern.

Bilder einer drohenden Katastrophe im Masttop

Für Dienstag hatten sich Freunde aus Deutschland, die gerade auf Teneriffa Ferien machten, bei uns zu Besuch angemeldet. Sie wollten mit der Fähre rüberkommen und wir würden zusammen eine Wanderung machen. Das liess uns noch zwei Tage Zeit, um das inzwischen leck geschlagene Beiboot zu flicken und die noch fehlenden Lebensmittel für die Atlantiküberquerung einzukaufen. Als Abfahrtstermin war Donnerstag, der 25. November geplant.

Bei Gesprächen mit anderen Seglern war plötzlich die Rede von einem herannahendem Sturm. Das hat mich bewogen, schon am Wochenende die Wetterprognosen zu studieren. Und tatsächlich: Ein für diese Jahreszeit und die Gegend völlig untypischer Tropensturm war im Anzug. Das rotierende Tief «Karim» sah alles andere als lustig aus. In den Kanaren wurde für Teneriffa, La Gomera, La Palma und teilweise Gran Canaria «Warnstufe Gelb» ausgesprochen. Es wurde vor Windstärken mit bis 60 Knoten (ca. 110 km/h) und bis zu vier Meter hohen Wellen gewarnt. Und das sollte kurz nach unserer geplanten Abfahrt über die Kanaren und damit zwangsläufig auch über uns draussen auf dem Atlantik hereinbrechen. 

Zitat von Sebastian Wache von Wetterwelt.de, Windstärken und Wellenhöhen in der Wetterapp

Also mussten wir schauen, welche Optionen uns blieben. Bewusst in den Sturm reinlaufen – No Way! Ein Sprichwort sagt: Es gibt alte und es gibt mutige Segler. Es gibt aber keine alten mutigen Segler. Also – No Way! Im Hafen San Sebastian bleiben ging auch nicht, da uns – trotz der Sturmwarnung! – keine Verlängerung gewährt wurde. Der einzige Hafen, der noch Platz hatte und uns eine Reservation anbot war Santa Cruz auf La Palma. La Estaca auf El Hierro hat gar nicht geantwortet, wäre wohl aber noch frei gewesen. Bei der Wettervorhersage auf gut Glück nach El Hierro zu segeln war uns aber zu riskant und wir entschieden uns für La Palma. Der Vulkan war ja weit auf der anderen, westlichen Inselseite und der Hafen und der Flughafen an der Ostküste waren ja offen.

Um bei den noch schwachen südlichen Winden nach La Palma zu kommen, haben wir uns schweren Herzens entschieden, den Freunden samt Ausflug abzusagen und sind frühmorgens am Dienstag, den 23. November nach La Palma gefahren. Die See war spiegelblank und kein Windhauch hat die Wasseroberfläche gekräuselt. War das die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm?

Kurz vor La Palma wurde RARE BREED das erste Mal mit Vulkanasche gepudert… Wenn wir da schon gewusst hätten was uns die nächsten Tage bevorstehen sollte, ich weiss nicht, ob wir nicht lieber den Sturm genommen hätten?

Masken gegen Vulkanstaub sowie Corona in La Palma

Der Vulkan liegt südwestlich von Santa Cruz und die ganze Aschewolke hing über die Stadt. Man konnte förmlich zuschauen, wie alles langsam von der runterrieselnden Vulkanasche schwarz wurde. Am ersten Abend haben wir das Schiff bis lange nach Einbruch der Dunkelheit mit Wasser abgespritzt, um die Asche von Bord zu bekommen. Als wir am nächsten Morgen aufwachten war wieder alles voll. Und so ging es vier Tage lang bis der Wind endlich auf Nordost kehrte. Am Mittwoch nach unserer Ankunft war es wenigstens noch warm und sonnig, aber danach fielen die Temperaturen und es setzte ein Dauerregen ein, der uns die restliche Zeit auf La Palma begleiten sollte. Entgegen meiner naiven Vermutung, dass der Regen die Situation verbessern würde, geschah das genaue Gegenteil – er wusch noch mehr Asche aus der Luft und unser Boot versank im schwarzen Regen.

Asche, Asche, Asche….
Paddington Bär?
Schwarzer Ascheregen
Regenbogen im Hafen von La Palma
Raindrops keep falling on my head…
Santa Cruz de La Palma ist für seine verschnörkelten Balkone bekannt
Stadtbummel bei „Traumwetter“….

Da wir an der Situation sowieso nichts ändern konnten, haben wir uns wenigstens zwei Mal ein Auto gemietet und konnten endlich mal etwas Sightseeing machen. La Palma ist wunderschön! Wir sind auf unserer Nordtour durch Urwälder aus Lorbeerbäumen und Farnen gewandert und bestaunten die grössten Pinienwälder Europas.

Impressionen vom nördlichen Teil von La Palma

Wir erkundeten mit einem Fiat 500 (eine Rakete! Bergauf im 2. Gang mit 30 km/h) auf der Südtour die überall vorhandenen Bananenplantagen, besuchten schwarze Vulkanstrände und Felsen und picknickten mit Stechmücken und unzähligen roten Krabben am Strand von El Aljibe.

Unsere Rennsemmel trug uns (wenn auch mit spürbarer Anstrengung) um den Südteil von La Palma
Bananen soweit das Auge reicht
Alles Banane oder was?

Und wir sind nachts auch in die Nähe des Vulkans Cumbre Vieja gefahren, um die Lavaströme und den Ausbruch live zu sehen. Extra «Vulkantourismus» zu betreiben finden wir fragwürdig, aber da wir schon hier waren, wollten wir uns dieses einmalige Naturschauspiel nicht entgehen lassen. Es war übrigens erstaunlich, wie «cool» und gelassen die Leute auf La Palma mit dem Vulkanausbruch umgingen. Niemand wirkte nervös oder ängstlich, das Leben schien seinen normalen Gang zu gehen (bis auf die Tatsache, dass die Leute hier konsequent auch draussen Maske trugen), wenigstens auf der Ostseite der Insel. Bei den Menschen, die näher am Vulkan leben, die Gase und Asche aushalten müssen oder womöglich sogar ihre Häuser und Lebensgrundlagen verloren haben sieht das natürlich anders aus. Diese Leute tun einem unheimlich leid und es ist nur zu hoffen, dass es bald ein Ende hat und die gespendeten und gesammelten Hilfsgelder sinnvoll eingesetzt werden können. (Aktuelle Meldung: Seit 25. Dezember 2021 ist der Vulkanausbruch laut Behörden offiziell beendet – Dauer der Eruption 85 Tage und 18 Stunden) 

Eruption, Lavaströme und „glühende“ Wolken
Der Rauch vom Vulkan hing sogar im Tunnel

Karim – ach ja, der hat sich übrigens «in Luft aufgelöst» und aus den angesagten Sturmwinden wurde nur ein manchmal etwas frischer Wind. Wenn wir das vorher gewusst hätten…

Während der Tage auf La Gomera und La Palma kam uns immer öfter der Gedanke, die Atlantiküberquerung um ein Jahr zu verschieben und stattdessen ein Jahr die Kanaren zu bereisen. Es gab hier soviel Schönes und wir hatten bis jetzt noch fast nichts davon gesehen. Seit dem Losfahren im Juni waren wir ständig unter Druck weiter zu kommen oder hatten die Hafenzeiten für Reparaturen und Besorgungen verwendet. Urlaub, Land und Leute kennen zu lernen ist immer viel zu kurz gekommen. Wir waren – so komisch es manchem vielleicht vorkommen mag – ausgelaugt und gestresst. Die Vorstellung, ein paar Monate hier zubleiben war durchaus reizvoll. Was uns aber schlussendlich dazu bewog doch weiter zu fahren, war die Tatsache, dass es eben nicht nur ein paar Monate, sondern ein ganzes Jahr hier werden würde. Wegen der Wirbelstürme im Sommerhalbjahr macht es keinen Sinn mehr in die Karibik zu segeln und zu den Azoren oder ins Mittelmeer wollten wir jetzt (noch) nicht. Und schlussendlich hatten wir uns und das Boot so gut auf diese Überquerung vorbereitet, dass es irgendwie schade gewesen wäre, sie jetzt nicht zu machen.

Also doch über den Atlantik, aber vorher mussten wir irgendwie diesen ganzen Aschestaub loswerden. Inzwischen sah auch das Wetter wieder gut aus. Also wurde geplant. 

Wegen Corona muss man schon vor der Abfahrt diverse Anmeldungen und Dokumente an den Zielort in der Karibik schicken. Je nach Land sind die Formalitäten unterschiedlich, aber allen gemeinsam ist, dass nur vollständig Geimpfte MIT einem negativen PCR-Test, der frühestens 72 Stunden vor dem Verlassen des Abfahrtshafens gemacht werden muss, reingelassen werden.

Die Papiere von den spanischen Behörden für die Karibik mussten besorgt, ein PCR-Test gemacht werden und zwar alles nicht länger als 72 Std vor Abfahrt. Tricky, da alles nur mit Voranmeldung über spanische Webseiten möglich war. Am Montagmorgen, am 29. November haben wir ausklariert, am Mittag den PCR-Test gemacht und am Dienstag vor Sonnenaufgang sind wir Richtung El Hierro ausgelaufen.

Ausfahrt aus Santa Cruz de La Palma vor Sonnenaufgang

Als wir nach einer schnellen (Rückenwind :-)) Reise nachmittags in El Hierro ankamen, kamen auch die Mails mit den Resultaten der PCR-Tests an. Bingo, die Rechnung ist aufgegangen! Dienstagabend und der Mittwoch gingen drauf, um RARE BREED innen und aussen zu putzen, inkl. alle Segel, Leinen usw. vom besagten Aschestaub zu befreien. Als Stegnachbarn hatten wir Peter und Judith von der FANTASEA, mit denen wir uns auf Anhieb sehr gut verstanden haben. Es ist immer schön, dass die Kontakte unter Langfahrtseglern so schnell geknüpft sind. Man hat ja nur wenig Zeit um sich kennen zu lernen, aber für ein gemeinsames Mittagessen und abendlichen Klönschnack hat es gereicht.

Die FantaSea mit Peter und Judith

Die meisten Boote hier waren entweder lokale Boote oder Langfahrtsegler, die sich auf die Atlantiküberquerung vorbereiteten. Jeden Tag liefen zwei bis drei Boote aus und wurden von den anderen mit Jubelgeschrei und Gehupe verabschiedet. 

Zwei Stunden vor Abfahrt

Am Donnerstag, den 2. Dezember um 14 Uhr – genau 73 Std nach den Tests (fast geschafft, aber unser «Abwaschstopp» in El Hierro war ohnehin incognito ;-)) sind auch wir unter lautem Abschiedsgetröte von den anderen Booten zur Atlantiküberquerung ausgelaufen. Ca. 2’800 Seemeilen (etwa 5’200 km) bis Bequia in den Grenadinen lagen vor uns.

Es geht los – Karibik wir kommen!

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Aus aktuellem Anlass…

Aus aktuellem Anlass…

…unterbrechen wir die gewohnte chronologische Berichterstattung um euch darüber zu informieren, dass wir morgen von El Hierro aus zur Atlantiküberquerung ansetzen. Wir rechnen mit einer Reisedauer von ca. drei Wochen. Wenn alles klappt, melden wir uns in gewohnter Form, wenn wir drüben angekommen sind (und eine lokale SIM-Karte besorgt haben).

Die Vorhersage aus dem Wetter Routing Programm sieht gut aus. Mal sehen, ob das Wetter sich auch daran hält…

Als Erinnerung – man kann unsere aktuelle Position entweder auf https://share.garmin.com/SVRareBreed oder https://forecast.predictwind.com/tracking/display/RareBreed/ verfolgen.

Wir wünschen euch allen eine wunderschöne Adventszeit!

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Do the To-Do-List!

Do the To-Do-List!

29.10.-14.11.2021 – Lanzarote

Den Liegeplatz in der Marina in Lanzarote haben wir bis zum 15. November bezahlt, also blieben uns ziemlich genau zwei Wochen nach unserer Ankunft Ende Oktober, um unsere To-Do-Liste abzuarbeiten, bevor wir wieder loswollten.

Der Sattler, der unser Bimini (Stoffabdeckung über dem Cockpit) bis zu unserer Rückkehr hätte fertigmachen sollen, hatte das alte Bimini zwar abgenommen, aber das Neue war – was zu erwarten war – natürlich noch nicht fertig: „Waaas, ihr seid schon hier, ich dachte, ihr kommt erst im November?!?“. Das Wetter war wunderschön sonnig und windstill, was nach dem Morgenfrost der letzten Tage in Bayern hochwillkommen war, aber so ganz ohne Beschattung stieg das Thermometer im Bootsinneren teilweise auf über 35°! Das war dann des Guten doch etwas zu viel. Ja, ja ich weiss, bei den meisten Lesern wird das angesichts des Novemberwetters zuhause nur mässiges Mitleid auslösen ;-).

Die vielleicht dringendste Aufgabe nach der Rückkehr: Das Boot aussen vom allgegenwärtigen Saharasand und Staub zu befreien, damit wir das nicht dauernd ins Boot schleppten. Da Sand bekanntlich den Gesetzen der Schwerkraft gehorcht, bin ich mitsamt Wasserschlauch in den Mast hochgeklettert und habe von oben runter alles wo ich hinkam abgespritzt, um danach mit dem Deck weiter zu machen. Wenn ich damals schon gewusst hätte, wieviel schlimmer Vulkanasche als Sand ist, hätte ich diese Arbeit wohl genossen.

Um Platz im Boot zu schaffen, wurde alles was an Deck gehörte, wie die Rettungsinsel, Rettungskragen, Leinen und auch die Segel so schnell wie möglich raus- und wieder angebracht bzw. angeschlagen.

Danach ging es innen weiter. Es hatte sich bei längerer Motorfahrt immer etwas Wasser im rechten Motorraum angesammelt, nicht viel, aber ich wollte die Ursache finden. Also haben wir die ganze Gästekabine ausgeräumt, damit ich an die Rückwand und an den dort befindlichen Deckel zum hinteren Teil des Rumpfes rankam. Dort verläuft der Abgasschlauch und dessen Ende, welches zum Motorraum hinging hatte tatsächlich Spuren von einem Leck. Das heisst, das Wasser kam nicht von aussen rein, sondern wurde vom Motor während des Laufens „produziert“. Seitdem die Schlauchschellen vom Abgasschlauch nachgezogen sind, scheint es jetzt dicht zu sein – toi toi toi, dass es so bleibt.

Als wir eh schon an diesem schlecht zugänglichen Ort waren, hat Biggi gleich in mühevoller Kleinarbeit den verrosteten Ruderquadranten entrostet und geschmiert.

Vorher – nachher!

Unsere Dauerbeschäftigung – Lebensmittel bunkern und umstauen – kam auch dieses Mal nicht zu kurz. Wollten wir jetzt doch das Boot im Hinblick auf die Atlantiküberquerung und die Zeit in der Karibik fertig verproviantieren. Konserven und Grundnahrungsmittel haben wir immer noch mehr als genug vom Rieseneinkauf in Neustadt an Bord, jetzt ging es mehr um „Details“ wie spanischer Rotwein, Olivenöl usw. Insbesondere der Wein war ein Thema. Da Flaschen an Bord aus gewichtsgründen generell vermieden werden, hatten wir meistens Wein in Kartonboxen an Bord. Komischerweise gab es aber davon fast keinen mehr in der Bilge (der Raum unter den Bodenbrettern – quasi der Keller). Aber hier in Spanien gibt es den bei Seglern wohlbekannten „Don Simon“ in Einliterbriks mit Schraubverschluss. Nach einer Verkostung wurde von der gesamten Mannschaft einhellig entschieden zulasten vom Bier den vorhandenen Stauraum eher mit Rotwein zu füllen. Dass wir bereitwillig weniger Bier mitnehmen hat einen guten Grund: Während unserer Abwesenheit sind mehrere Dosen vom „Faxe“-Bier in der Bilge leck geschlagen und ausgelaufen. Die ausgelaufene Sauerei stank zum Himmel und hat zu einer explosionsartigen Vermehrung von Fruchtfliegen geführt. Noch Tage nach dem Reinigen schwirrten die ungebetenen Gäste im Schiff rum. Unser Vertrauen in Bierdosen ist seither etwas angeknackst.

Wie schon im Sommer war auch jetzt kein Mietwagen zu bekommen und so fiel einerseits das erhoffte Sightseeing aus, aber auch die Einkäufe mussten alle zu Fuss angeschleppt werden. Während ich an Bord oder mit Handwerkern beschäftigt war, ist Biggi daher mit dem Rucksack zum Einkaufen gelaufen. Da die Läden teilweise kilometerweit weg waren, hat sie sich gehörig abgeschleppt. Als die wichtigsten Sachen an Bord erledigt waren, sind wir zusammen losgetigert und haben insgesamt drei (!) Touren zum örtlichen Ikea („nur“ 3.5 km weg von der Marina) gemacht, um dort unter anderem neues Geschirr und grosse Plastikboxen zu besorgen. Fünf grosse Boxen passen perfekt in den grossen Stauraum zwischen Wassertank und Salonsitzbank und damit sind unsere Sachen besser organisiert. Der Clou war wohl, als wir im lokalen „Mediamarkt“ neben dem Ikea noch einen Brotbackautomaten kauften und zu Fuss zur Marina geschleppt haben. Wieso einen Brotbackautomaten an Bord, wird sich jetzt wohl mancher fragen? Ganz einfach: Wir haben in der Regel mehr als genug Strom und laden die Batterien mit den Sonnenzellen täglich neu auf. Unser Gasofen wird – wie der Name sagt – mit Gas betrieben, welches wir jeweils nachkaufen müssen. Daher kochen (und jetzt auch backen) wir soweit irgend möglich nur noch elektrisch. Als positiver Nebeneffekt heizt sich der Innenraum vom Boot nicht so auf und wir haben weniger Sorgen vor einem allfälligen Gasleck. Mit dem kleinen Induktionskochfeld, dem Wasserkocher und der Microwelle sind wir – also eigentlich Biggi ­– in der Lage, fast jedes Gericht zu kochen.

Backautomatenbrot und sonstige kulinarsche Verwöhnungen an Bord

Zurück zum Sattler: Als der schliesslich das neue Bimini gebracht hat, war es natürlich noch nicht ganz perfekt und so ging es dann schlussendlich anderthalb Wochen und x Besuche an Bord bis alles fertig war. Zusätzlich zum Bimini haben wir uns zwei weitere kleine Sonnendächer und Sonnenabdeckungen für die Fenster, wo wir keine Sonnenblenden hatten, anfertigen lassen. Die schrägstehenden Fensterflächen sind in nördlichen Breiten toll, hier im Süden führen sie zu einer enormen Aufheizung des Innenraumes. Die zusätzlichen Abschattungen machen einen erstaunlichen Unterschied aus.

Wir hatten im Vorfeld zuhause aus Resten von Tauwerk sogenannte Tausendfüssler oder Baggywrinkles geflochten. Diese lagen immer noch an Bord und jetzt war es an der Zeit sie anzubringen. Das sind ca. zwei Meter lange Fransengirlanden, welche von unten nach oben um die Wanten (Metalldrähte, die den Mast daran hindern seitlich umzukippen) gewickelt werden, um zu verhindern, dass das Gross-Segel sich gegen das Metall reibt. Durch die konstante Bewegung und Reibung zwischen Tuch und Metall während langer Segelpassagen wird jedes Tuch zerstört. Man muss zuerst rausfinden, wo genau sie hinmüssen, denn sie werden nur dort angebracht, wo das Segel anliegen würde. Wenn sie angebracht sind, sieht es ein bisschen wie längliche Wattebausche oder Vogelnester aus. Das Anbringen selber ist eine Fleissarbeit, welche sitzend in einem Bootsmannsstuhl (ein Sitz der durch ein Seil nach oben in den Mast gezogen werden kann) gemacht wird. Genau wie alle Arbeiten im Rigg bedingt sie eine gewisse Schwindelfreiheit – ähm – die mir aus unerfindlichen Gründen abhanden gekommen ist. So muss ich mich für jede Arbeit dort oben regelrecht überwinden. Ich hoffe, dass ich das mit der Zeit wieder hinbekomme. Und so war ich froh, als das alles endlich erledigt war.

An den grossen Luken montierten wir eine Edelstahlgewindestange als Einbruchschutz. Es ist zwar kein 100%-er Schutz, aber genug, um zu verhindern, dass jemand unbemerkt durch die Luke ins Schiff einsteigt. So können wir die Luken zum Lüften offenlassen, während wir schlafen.

Jetzt hat Rare Breed endlich auch den Heimathafen angeschrieben.

Dazwischen lag noch Biggi‘s Geburtstag. Mit der Ukulele, die ich tatsächlich in Arrecife auftreiben konnte, erfüllte ich ihr einen unausgesprochenen Wunsch. Wobei „in“ Arrecife wohl etwas übertrieben ist, denn der Laden lag in einem Industriegebiet weit ausserhalb des Stadtzentrums. Aber Bewegung ist gesund und davon hatte ich weniger als Biggi in den letzten Tagen. Auf meiner Tour entdeckte ich nebenan einen Decathlon und so sind wir tags darauf zusammen losmarschiert, um ein SUP mit Pumpe und Paddel, ein Neopren-Shorty, Flossen, Brille und Schnorchel für Biggi und je einen Bleigurt inkl. Gewichte zu kaufen. Als wir schwerbeladen zum Laden raus sind und Biggi meinte, dass wir damit die 4 bis 5 km zum Hafen laufen, habe ich gestreikt und auf ein Taxi beharrt! Alles hat seine Grenzen!

Happy Birthday to you!!

Langsam war ein Ende in Sicht. Die letzten beiden offenen Punkte auf der To-Do-Liste: Wäsche waschen und den Aussenborder fürs Beiboot testen. Wie testet man einen Aussenborder? Man lädt die Mannschaft zu einer kleinen Hafenrundfahrt mit dem Schlauchboot ein. Das Schlauchboot war seit Reiseanfang nie zum Einsatz gekommen, hing schlapp in der Aufhängung und musste erstmal richtig aufgepumpt werden. Dann den Motor hinmachen und es konnte losgehen. Der Motor war in Fehmarn frisch gewartet worden und somit würde das eine reine Vergnügungsfahrt werden. Denkste! Das Biest ist erst fast nicht angesprungen und dann, schon nach wenigen Metern unvermittelt wieder verstummt.  Erinnerungen an eine traumatische Beibooterfahrung aus den Dänemarkferien vor zwei Jahren wurden plötzlich wach… Aber er war doch frisch gewartet worden? Irgendwie konnte ich ihn wieder ankriegen und wir sind mutig weiter raus in den Vorhafen getuckert, bis der Motor nach ein paar Minuten endgültig schlapp machte und sich auch nicht mehr starten liess. Einfach tot, und dabei war er doch erst ca. 15 Jahre alt! So ein Mist. Reparieren fiel aus (hier wollten wir definitiv kein Geld mehr reinstecken!) und ohne Motor, wären wir künftig am Ankerplatz verloren. Es ist nahezu aussichtslos ein Schlauchboot gegen Wind und Welle zu rudern bzw. zu paddeln (…im Hafen geht’s J). Ein neuer Aussenborder musste her und zwar subito. Entgegen den Aussagen von Arrecifekennern: „Hier bekommst du das nicht, alles ausverkauft!“ hatten wir Glück und ein Laden hatte tatsächlich einen neuen 3,5 PS Mercury an Lager. Und sogar zu einem absolut fairen Preis. Es hat sich seither mehrfach gezeigt, dass man nicht immer die Aussagen der alteingesessenen Yachties für bare Münze nehmen soll, sondern besser selber recherchiert und rum frägt. Am nächsten Vormittag konnte ich den frisch in Betrieb genommenen Motor in Empfang nehmen und bekam obendrauf eine gründliche Einführung in dessen Bedienung, zwar auf Spanisch und mit Händen und Füssen, aber durchaus verständlich. Die Lieferung im Uraltlastwagen umfasste sogar einen extra Tankstopp, um die neu erstandenen Benzinkanister zu füllen. Die versprochene Hafenrundfahrt führte mit dem neuen Motor doch noch zu einem Happy End J. Der alte Motor wurde mir beim Entsorgen von einem Spanier, der sich immer im Hafen rumtrieb regelrecht aus den Händen gerissen. Ich hoffe, er weiss auf was er sich da einlässt…

Am Sonntagvormittag, am 14. November – ein Tag vor Plan – liefen wir endlich aus dem Hafen aus. Nur ein kurzer Sprung um die Südspitze von Lanzarote zu einem Ankerplatz vor einem Sandstrand. Dort wollten wir ein bisschen Ferien machen und die Rümpfe und Propeller vom Bewuchs durch das lange Stillliegen im Hafen reinigen.

Danach sollte es in gemütlichen kleinen Sprüngen von Insel zu Insel durch die Kanaren Richtung SW gehen. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt, aber dazu im nächsten Beitrag mehr.

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Von zuhause ins Daheim

Von zuhause ins Daheim

25.08.-29.10.2021, Schweiz, Schweden & Bayern

Ja! Nach langem mal wieder ein Blog-Eintrag. Seit dem letzten ist jedoch so viel passiert, dass wir es in mehrere Beiträge aufteilen.

Ende August habe ich RARE BREED in der Marina Lanzarote in Arrecife zurückgelassen und bin mit Annika und Lynne zurück in die Schweiz geflogen. Nach fast drei Monaten an Bord war es schon speziell wieder zurück in die Schweiz und die eigene Wohnung zu kommen, vielleicht auch, weil es dieses Mal definitiv die letzten Monate in der Schweiz sein würden.

Ich bzw. wir hatten das enorme Glück, einen wunderschönen goldenen Herbst in der Schweiz und später auch in Bayern erleben zu dürfen. So fiel es uns fast schon ein wenig schwer alles aufzulösen, war es doch noch sooo schön zuhause.

Die letzten Wochen in Nänikon geniessen
Wanderung mit guten Freunden im Glarnerland

Die Zeit bis Mitte Oktober – während Biggi noch ihre letzten Arbeitstage absolviert hat – habe ich dazu verwendet nochmals auszumisten, eine Reise nach Schweden zu meinem Vater zu machen und mich in der Schweiz ein letztes Mal mit Freunden zu treffen.

Sommerliches Idyll in Värmland
Mein Vater und Lena im Sommerhaus

Am Samstag den 16. Oktober gab es eine Abschiedsparty bei uns zuhause. Das Wetter hat auch da voll mitgespielt und so konnten wir sogar noch draussen auf der Terrasse feiern.

Vorbereitung ist alles!
Das schöne Wetter hat Durst gemacht 😉

Danach ging es Schlag auf Schlag: Biggi hatte am 18. ihren letzten Arbeitstag, der 19. war mit Packen, Notartermin und vielem anderem gut gefüllt. Am 20. holten wir den Lieferwagen ab und brachten ein paar Schränke zu meiner Mutter zum Einlagern. Am 21. wurde der Lieferwagen gepackt und noch zwei Autoladungen Sachen zum Entsorgen bzw. in die Brockenstube befördert. Spätabends war die Wohnung bis auf die Matratzen und Handtücher geleert und wir waren fix und fertig und vor allem hungrig. Noch schnell zum Stamm-Italiener etwas essen – als wir feststellten, dass Biggi barfuss war und alle ihre Schuhe entweder eingepackt oder in den Müll gegeben hat… In einer Nacht und Nebel Aktion mit Stirnlampe bewaffnet wurde der bereits entsorgte Abfallsack nochmals aus dem Container gefischt und die vorschnell weggeworfenen Schuhe gerettet.

Die letzten Behördengänge.
Packen, packen und es hört nie auf…
… bis plötzlich die Wohnung leer(!) und dafür der Lieferwagen voll ist…
…und wir mit der restlichen Habe abfahren konnten.

Am 22. Oktober ging es frühmorgens los in Richtung Uffing am Staffelsee, wo wir die kleine Einliegerwohnung bei Biggi’s Schwester Sigi beziehen durften. Gegen Mittag kamen wir an und mit tatkräftiger Hilfe von Biggi‘s Bruder Thomas, Sigi und Sepp war der Lieferwagen ruckzuck leer. Unser Bett, das Sofa, ein paar Kleinmöbel und Kisten mit Kleidern und persönlichen Gegenständen hat die kleine Wohnung schnell gefüllt.

Die Einliegerwohnung in Uffing

Am Tag darauf kamen weitere Geschwister von Biggi an und am Abend wurde ein grosses Familienfest im Gasthof Lieberwirth in Schöffau gefeiert. Neben gutem Essen und den vielen netten Gesprächen wird uns vor allem das von Biggi’s Geschwistern vorgetragene Abschiedsständchen in guter Erinnerung bleiben. Super! Jaja, yippieyippie, Jej! Danke euch allen!!

Die Geschwisterschar.

Nach einer kurzen letzten Stippvisite in der Schweiz, um den Lieferwagen zurück zu bringen sind wir gleichentags wieder nach Uffing zurückgekehrt.

Blutroter Sonnenaufgang in Uffing

Die verbleibende Zeit bis zum Abflug haben wir mit Besuchen, Besorgungen und abends fröhlichen Runden im engsten Familienkreis verbracht. Das dabei die eine oder andere Flasche Wein, Bier oder Schnaps geleert wurde, hat zwar manchmal zu Brummschädeln geführt, aber vor allem sehr lustige Erinnerungen hinterlassen. Gell, Andi, das portugiesische Bier ist nicht mal so übel? 😉

Die von Beat mitgebrachten Dubler-Mohrenköpfe fanden auch in Uffing begeisterte Abnehmer!

An dieser Stelle nochmals ein riesen DANKESCHÖN an alle, die uns die letzten Wochen unterstützt, beschenkt und Zeit mit uns verbracht haben! Allen voran natürlich Biggi’s Verwandtschaft, die uns die Einliegerwohnung zur Verfügung gestellt hat.

Am 29. Oktober hat uns Sigi frühmorgens bei Minusgraden und Nebel zum Flughafen nach München gebracht – der goldene Herbst hatte sich punktgenau zu unserer Abfahrt endgültig verabschiedet.

Mit zwei Koffern von je (genau!) 30 kg und zwei Handgepäckstücken – die wir zum Glück nicht wiegen mussten – sind wir als erstes nach dem Einchecken in die Europa-Lounge und haben ein ausgiebiges Sektfrühstück genossen. So ein Business Class Flug ist schon was feines. Haben wir zwar „nur“ wegen dem Plus an Gepäck gebucht, aber wenn schon denn schon! Unterwegs gab es natürlich auch ein warmes Essen an Bord und wir sind pappsatt auf Lanzarote angekommen. Naja, während der letzten Wochen hatten wir sowieso schon zugenommen, indem wir ein letztes Mal all die feinen Sachen – wirklich ALLE – zuhause schlemmten, da kam es darauf auch nicht mehr an.

Sektfrühstück in der Business Lounge.

Nach einer kurzen Taxifahrt vom Flughafen zur Marina standen wir wieder vor RARE BREED. Sie schwamm friedlich so wie ich sie zwei Monate vorher verlassen hatte, naja fast: Sie war unheimlich schmutzig vom Saharasand und das Verdeck war weg. Aber ansonsten war alles bestens, sogar die Batterien hatten die lange Zeit ohne Ladung sehr gut überstanden. Da ich alles, was nicht niet- und nagelfest war unter Deck gebracht hatte, war auch ohne unser beeindruckendes Gepäck unter Deck alles vollgestellt. Nach einem beherzten Einsatz war wenigstens die Elektrik wieder in Betrieb, der Wassertank gefüllt und wir hatten ein Ort zum Schlafen.

Aber vor allem – es war angenehm warm und sonnig hier. Wir sind – nach jahrelanger Vorbereitung und Planung endgültig im Leben 2.0 angekommen. Von zuhause in unser neues Daheim auf RARE BREED.

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Familienbesuch und eine unangenehme Überraschung

Familienbesuch und eine unangenehme Überraschung

12.-29.08.2021, Marina Lanzarote, Arrecife

Nach den langen Segeletappen und erholsamen Tagen in der Bucht vor La Graciosa waren wir wieder in der Zivilisation bzw. einer etwas grösseren Stadt angekommen. Jetzt hiess es RARE BREED wieder etwas Pflege zukommen zu lassen, bevor wir sie für zwei Monate alleine in der Marina zurücklassen würden. Als erstes wurde sie gründlich mit viel Süsswasser abgespült und geschrubbt, dann kam der Innenraum dran und zum Schluss ging es den Klamotten an die Wäsche. 

RARE BREED – der grösste Wäscheständer der Welt? 🙂

Da wir nur wenige Tage Zeit hatten bis Biggi wieder heimfliegen musste, wollten wir natürlich auch gerne 1 bis 2 Ausflüge machen. Daher haben wir Vollgas gegeben und sofort mit den Arbeiten und Abklärungen angefangen. Nur um ziemlich schnell festzustellen, dass kein einziges verfügbares Mietauto aufzutreiben war. Wegen Corona hatten die Autovermietungen ihre brachliegenden Flotten massiv verkleinert und nun gab es dafür gar keine Autos mehr, obwohl es nur sehr wenig Touristen auf der Insel hatte. Ob da alles mit der Planung so durchdacht gewesen war…? Es blieb uns nicht viel mehr übrig als Arrecife zu Fuss zu erkunden. Die Inselrundfahrt muss warten, bis wir im Herbst zurückkommen.

City-Tour durch Arrecife. Wegen der Salzwasserlagune im Stadtzentrum auch „Venedig der Kanaren“ genannt.

Neben den Pflege- und Einwinterungsmassnahmen für RARE BREED haben wir natürlich auch den Luxus einer Marina in stadtnähe genutzt und die kulinarischen Seiten der Kanaren genossen.

Essen wie Gott in Spanien 😉

In den letzten Monaten haben wir bemerkt, wie die Leistungsfähigkeit des in Fehmarn neu installierten Inverters immer mehr abgenommen hat. Der Inverter zieht 12V Gleichstrom aus den Batterien und erzeugt daraus 220V Wechselstrom. Dies ermöglicht uns auch unterwegs oder vor Anker normale Haushaltgeräte wie Staubsauger, Wasserkocher, Microwelle, eine kleine Induktionskochplatte, aber vor allem auch die 220V-Wasserentsalzungsanlage zu betreiben. Das bedeutet natürlich einen grossen Stromverbrauch und dicke Kabel auf der Gleichstromseite. Mit den Lithiumbatterien und den grossen Sonnenzellen haben wir in der Regel Strom in Überfluss, aber dieser Strom muss mit möglichst wenig Verlust beim Inverter ankommen. Und genau das schien nicht mehr der Fall zu sein. Schon bei relativ kleinen Belastungen leuchtete die ”Low Battery”- oder sogar die „Overload“-Lampe auf. Ich vermutete, dass der Widerstand seit der Installation zugenommen hatte. Nur der wahre Grund war mir bis jetzt verborgen geblieben.

Die Batterien waren in einem verschlossenen Fach im Doppelboden des Cockpits untergebracht. Lithiumbatterien brauchen, im Gegensatz zu herkömmlichen Bleibatterien, eine ziemlich komplexe Regelelektronik, die ebenfalls in diesem Fach installiert war. Beim Öffnen des Faches hat mich fast der Schlag getroffen: Die nur wenige Monate alten Komponenten waren schwer korrodiert und kurz vor dem Kollaps! Irgendwie muss da Salzwasser reingekommen sein und sein zerstörerisches Werk in aller Stille unentdeckt vollbracht haben. Die Kabel und Anschlüsse waren zum Teil so schwer korrodiert, dass der Innenwiderstand immer grösser geworden sein muss. Die logische Konsequenz war, dass der Inverter über die Wochen hinweg immer weniger Spannung von den Batterien bekommen hatte.

Das Originalbatteriefach und die Spuren der Zerstörung – alle diese Teile sind gerade mal vier Monate alt!

Als die Batterien draussen waren, ist der Grund dafür zum Vorschein gekommen. Das Fach hatte hinten in der Ecke einen Schlauchstutzen der zur Unterseite des Brückendecks, also zur Wasseroberfläche hin, offen war. Die Werft hatte schlichtweg vergessen den oberen Teil (Ablauföffnung im oberen Cockpitboden mit einem Schlauch der auf diesen Stutzen hingehörte) zu montieren. So wurde das Fach regelmässig mit Salzwasser gesprayt, wenn Wellen von unten an den Cockpitboden geschlagen sind.

Der Übeltäter! Rechts die richtige Installation. (Da diese Teile alle über der Wasserlinie sind, sind keine doppelten Schlauchschellen nötig.)

Dieser von aussen schwer erkennbare Schlauchstutzen ist mir bei der Montage der Batterien diesen Frühling leider entgangen. Es ist wohl einfach bis jetzt niemandem aufgefallen, weil der Voreigner nur bei schönem Wetter unterwegs gewesen war und ich in der Ostsee auch keinen grösseren Wellen begegnet bin. Auf dem Atlantik sah das natürlich ganz anders aus.

Es war völlig klar, dass wir das so nicht einfach lassen konnten. Die Konsequenz wäre ein Totalausfall der Stromversorgung an Bord und zwar in erschreckend naher Zukunft. Die Vorstellung, mit einer solchen Ausgangslage über den Atlantik zu segeln will ich mir lieber nicht ausmalen… 

Die Leckstelle war schnell behoben, aber es blieb die Tatsache, dass die Batterien in diesem Fach weiterhin in einer sehr korrosiven Umgebung wären. Hier musste eine nachhaltige Lösung gefunden werden und – wenn wir schon dabei waren – auch die unbefriedigende Situation mit den zu langen und zu dünnen Batteriekabeln zum Inverter zu optimieren. Es war wieder soweit – RARE BREED musste wohl oder übel in eine Gross-Baustelle verwandelt werden. Hört das denn nie auf?

Wohnlich ist anders…

Die ganze Arbeit habe ich mit Chris, einem französischen Segler, der wegen Corona hier steckengeblieben war, geplant und gemacht. Chris hat mehrere Jahre in Schottland gelebt und spricht perfekt Englisch. Habt ihr schon mal einen Franzosen Englisch mit Schottischem Akzent sprechen hören – Yey? 

Als ehemaliger Elektroingenieur hat er sich hier schnell einen guten Ruf gemacht und war jetzt über beide Ohren mit Arbeit zugedeckt. Als er mein Debakel sah war ihm auch klar, dass wir hier unbedingt etwas machen müssen und hat zugesagt das mit mir zusammen die folgende Woche zu erledigen.

Das Ganze war insbesondere auch vom Timing her blöd, weil meine Tochter Annika mit ihrer Freundin Lynne zeitgleich für zwei Wochen zu Besuch kommen würde.

Die Mädels mussten sich in dieser Zeit irgendwie alleine vergnügen und möglichst wenig an Bord sein. Das war schlussendlich gar kein Problem. Sie haben sich Mieträder organisiert und die Strände und Kleiderläden in der näheren Umgebung unsicher gemacht. Die Taschen und Tüten mit einschlägigen Logos wurden immer häufiger irgendwo an Bord gesichtet und gefühlt jeden zweiten Tag wurde stolz ein neu erstandenes Kleidungsstück präsentiert. Insofern war meine Unabkömmlichkeit für ihre Selbstentfaltung wohl eher von Vorteil 😉

Die Mädels an Bord

Auch sonst haben die Mädels für frischen Wind gesorgt und ihre morgendliche Yoga Stunde auf dem Vordeck wurde auch von den Passanten auf der Hafenpromenade geschätzt.

Da die Pantry (für Nichtsegler = Schiffsküche) in diesen Tagen oft nur bedingt benutzbar war, „mussten“ wir ab und zu auswärts essen, aber für Fajitas und Spaghetti an Bord hat es trotzdem gereicht 😉

Foodies 😉

Und dann ging es unserem Stromproblem an den Kragen! Chris (voll der Optimist) meinte noch, dass die ganze Aktion in zwei Tagen erledigt sein würde. Ich (eher der Pessimist) bin sicherheitshalber von drei, vielleicht sogar vier Tagen ausgegangen. Gedauert hat es dann fünf.

Zuerst haben wir entschieden, dass die Batterien ein neues trockenes Zuhause in einer der Salonbänke bekommen würden. Folge: Minus ein Staufach für Lebensmittel. Daraus ergab sich, dass der Inverter neu in die vordere Gästekabine umgezogen werden musste, damit die Kabel von den Batterien zum Inverter so kurz wie irgend möglich sind. Mit diesen Vorgaben konnten wir die benötigten Kabellängen und anderes Material eruieren. Der erste Halbtag ging schon mal mit dem Besorgen des Materials drauf. Zum Glück hatte ich Chris (und er ein Auto) dabei, alleine wäre es schlicht weg unmöglich gewesen, all das Zeugs so schnell zu finden und zum Boot zu bringen.

Auch die Verfügbarkeit vom Material war nicht bei allem gegeben und so mussten wir manchmal etwas improvisieren und Sachen wie Sicherungshalter und elektrische Verteilerschienen selber herstellen. Die 70 mm2 dicken Batteriekabel zwischen den Batterien und dem Inverter hatten wir mit 2 mal 150 cm gemessen, im einzigen Laden mit dicken Kabeln gab es aber in dieser Dicke nur Kabel für 2 mal 145 cm (und noch dickere hatten sie gar nicht). Beim Holz war es dann umgekehrt, sie haben nur ganze Platten verkauft, obwohl wir nicht mal eine halbe benötigt hätten. Schlussendlich hatten wir aber alles zusammen und konnten loslegen.

Das neue Zuhause der Batterien und das benötigte Material
Do It Yourself Sicherungshalter und Verteilerschienen
PS: Die Edelstahlbolzen im Sicherungshalter wurden mangels anderem Material in Arrecife nur als temporäre Lösung verwendet. Sie werden im Herbst gegen solche aus Messing ersetzt, um die benötigte Leitfähigkeit sicher zu stellen.

Jeder der schon mal einen grösseren Umbau in der Elektroinstallation eines Bootes gemacht hat, weiss was jetzt auf uns zukommen würde. Holzfundamente einkleben, um die Komponenten sicher montieren zu können, dicke und unhandliche Stromkabel mussten quer durch Bänke, Zwischenböden, Treppen usw. gezogen und verlegt werden. Und da es nicht überall Durchbrüche gab bzw. diese zu eng waren mussten auch diverse Löcher gebohrt werden – aber NUR im Schiffsinneren – gegen Löcher nach aussen habe ich etwas…!!

Nach fünf Tagen, in denen wir viel gelernt (ja auch Chris kam manchmal an seine Grenzen) und gehörig geschwitzt haben (manchmal war es wegen einer aussergewöhnlichen Hitzewelle bis zu 40° Grad warm im Schiff) war das Werk endlich vollbracht. Die Batterien waren trocken untergebracht, angeschlossen und endlich lieferte der Inverter wieder seine volle Leistung – YESS!!

Alles trocken und solide verkabelt und sauber abgesichert

Als kleine Randbemerkung: Wenn ich die Qualität und Sorgfalt von Chris‘ Arbeiten mit denen von einigen deutschen Handwerkern auf Fehmarn vergleiche, muss ich sagen, dass ich für den Begriff „Deutsche Wertarbeit“ leider nur ein müdes Lächeln übrig habe.

Nach den ganzen Bastelstrapazen hatte ich nun endlich Zeit für einen Ausflug mit Annika und Lynne per öffentlichen Bus zum berühmten Kaktusgarten von César Manrique.

César Manrique war ein Künstler, Architekt und Umweltschützer, der massgeblich dafür verantwortlich war, dass auf Lanzarote mehrheitlich die traditionelle Bauweise beibehalten worden ist. Man sieht fast nur weisse, maximal zweistöckige Häuser. Besonders erwähnenswert: Er hat die in Spanien sonst allgegenwärtigen Reklametafeln an den Strassenrändern in Lanzarote verbannen lassen.

In einem alten Steinbruch „rofera“ hat César Manrique in jahrelanger Arbeit einen riesigen Kakteengarten mit hunderten verschiedenen Kakteen aus mehreren Kontinenten erschaffen. Das Ganze wirkt wie ein grosser Vulkankrater der von den Rändern des Steinbruchs umgeben und entsprechend windgeschützt ist. Bei der sengenden Sonne war es eine Wohltat zur Maismühle am Rande des „Kraters“ hoch zu steigen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen.

Essen aus Kakteen: Leider hat der Vegiburger aus Kakteen wesentlich interessanter ausgeschaut als er geschmeckt hat.

Am 29. August ging es dann auch für mich per Flugzeug wieder zurück nach Hause. Dort werden wir jetzt die Wohnung und unsere restliche Existenz in der Schweiz auflösen. Ende Oktober geht es wieder zu RARE BREED zurück – dieses Mal aber ohne klares Enddatum 🙂

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Die letzten Meilen in diesem Sommer

Die letzten Meilen in diesem Sommer

04.08.-11.08.2021: Porto Santo bis Arrecife, Lanzarote

Nach gerade mal zwei Nächten durchschlafen haben wir am Morgen des 4. August wieder den Anker aufgeholt und Segel gesetzt. Ziel: Die Insel La Graciosa nördlich von Lanzarote.

Adieu Porto Santo

Dies sollte unser letzter längerer Schlag vor der Rückkehr in die Schweiz sein. 270 Seemeilen und die Wettervorhersage war ein frischer Nordost-Passat von 15 bis 20 Knoten. Mit unserem Kurs nach SSE hiess das „halber Wind“ bis leicht „raumer Wind“, was bedeutet der Wind kommt von der Seite in etwa 90-120° zum Kurs des Bootes. Diese Windrichtung ist ein Garant für schnelle Fahrt (ein Segelboot segelt in der Regel am schnellsten, wenn der Wind von der Seite bis schräg hinten kommt), aber die Vorhersage unseres Wetterroutingprogramms erschien mir dann mit 1,48 Tagen Reisedauer und 7,8 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit etwas gar optimistisch.

Selten so getäuscht!

Biggi versucht es dieses Mal mit Akupressur-Bändern gegen die Seekrankheit.

Wir hatten das Grosssegel schon in der Bucht gesetzt und kurz danach in weiser Voraussicht nur die Fock und nicht die grössere Genua – zum Glück, denn ab dann ging die Post ab! Zuerst schrieb ich den starken Wind dem Kapeffekt vom Südkap von Porto Santo zu, aber es blieb dabei, auch als wir uns schon einige Seemeilen von der Insel wegbewegt hatten. Die Geschwindigeit pendelte sich um 8 Knoten mit gelegentlichen Surfeinlagen bis fast 11 Knoten ein. Und die Bewegungen und das Klatschen der Wellen waren entsprechend kräftig. 

Das war zwar nur eine Momentaufnahme mit mehr als 10 Knoten Speed, aber wir waren schnell unterwegs – für unsere Verhältnisse SEHR schnell! Kleines Detail, oben rechts kann man die verbleibende Zeit bis zum Ziel erkennen: Nach 8 Stunden unterwegs wären es bei diesem Tempo nur noch etwa 20 Stunden zum Ziel…

Das war für Biggi’s lädierte Rippe alles andere als lustig und so hat sie einen grossen Teil von diesem Törn liegenderweise in der Koje verbringen müssen. Ich habe die Nachtwachen alleine gemacht, was aber angesichts des fast vollständig fehlenden Schiffsverkehrs kein Problem war.

Sitzend/liegend im Cockpit war es für Biggi noch halbwegs aushaltbar.

Es war schon schnell klar, dass wir bei diesem Reisetempo tatsächlich nur etwa 36 Stunden für die 270 Seemeilen brauchen würden und ich mich mit einer Abfahrt am Morgen verschätzt hatte. Wenn wir nicht langsamer würden, wäre eine Ankunft mitten in der Nacht unvermeidbar. Also haben wir bereits am Vormittag vom zweiten Tag die Segelfläche reduziert. Zuerst die Fock etwas eingerollt, dann das Grosssegel komplett weggenommen und gegen Abend waren wir nur noch mit einem kleinen Fetzen vom Vorsegel unterwegs.

Gerefft um RARE BREED soweit wie möglich auszubremsen

Der zweite Tag und vor allem die Nacht waren dementsprechend ruhiger und auch angenehmer von den Schiffsbewegungen her. Im Morgengrauen des dritten Tages standen wir kurz vor La Graciosa und ich habe mich still und heimlich an die Ankerbucht rangepirscht, während Biggi noch schlief. Nicht mal das Anstellen von den Motoren hat sie geweckt und sie ist wirklich erst an Deck aufgetaucht, als ich kurz davor war den Anker zu werfen. Sie hätte sich noch gewundert, dass RARE BREED so schön ruhig war. Die Schmerzmittel waren wohl auch richtige Schlafmittel. 

Sonnenaufgang auf See von innen aus dem Seitenfenster aufgenommen
Die Kartenansicht…
… und in Realität: Einfahrt in die Ankerbucht „Playa Francesca“ von La Graciosa

Die folgenden fünf Tage haben wir uns nicht vom Fleck bewegt und zum ersten Mal seit der Abfahrt aus Neustadt am 20. Juni so richtig Ferien gemacht. Es wurde zum ersten Mal ausgiebig gebadet, gesonnt und gefaulenzt. 

Sun, fun and nothing to do 🙂

Biggi ist hier vor Anker nach den langen See-Passagen zur Hochform aufgelaufen und hat Brötchen gebacken und unsere restlichen Frischwaren zu schmackhaften Mahlzeiten verwandelt. Ich wurde kurzerhand aus der Küche vertrieben und durfte mich von A bis Z verwöhnen lassen. Von mir aus mache ich gerne das „Full Service“-Programm wenn wir unterwegs sind, weil Biggi im Gegenzug den Bootshaushalt schmeisst wenn wir vor Anker sind. Bin ja mal gespannt, wie sie das sieht, wenn das Verhältnis zum üblichen 20% Segeln & 80% Ankern vom Langfahrtsegeln kippt 😉

Biggi’s Lebensgeister & kreative Küchenkünste sind zurück. Ob das am Kafi oder dem fehlenden Geschaukel liegt?

Das Wetter war ein bisschen speziell, da es am Vormittag fast immer bewölkt war, aber gegen Mittag hat es aufgeklart und es wurde richtig heiss. Ab dann ging es auch heiss zu und her in der Bucht: Jeden Tag kamen zwei grosse Ausflugskatamarane und manchmal auch noch das Glass Bottom Boat und hat gefühlt hunderte von spassbedürftigen Tagestouristen ausgespuckt. Es wurde gepaddelt, gesurft und gebadet was das Zeug hielt, aber vor allem wurde Lärm gemacht. Die Boote hatten alle Musik- und Lautsprecheranlagen und haben sich gegenseitig in der Beschallung zu übertrumpfen versucht. Zwischen 16 und 17 Uhr war der Spuk dann vorbei und das beschauliche Buchtleben ging weiter. 

Sonnenaufgang – die Ruhe vor dem täglichen Ansturm von Ausflugsbooten…
… der Rummel geht los…
… und abends kehrt die Ruhe wieder ein

Also so ganz ohne etwas Wursteln schaffen wir es wohl doch nicht und so haben wir an einem Tag unsere Lebensmittelvorräte inventarisiert und so gestaut, wie es uns logisch erschien. Wieder einmal haben wir festgestellt, dass wir in Neustadt VIEL zu viel eingekauft hatten und wohl nur wenig nachkaufen müssen, wenn wir im Dezember über den Atlantik segeln wollen. Zu oft hatten wir in den letzten Wochen vergeblich nach etwas gesucht „Ich WEISS dass wir das irgendwo an Bord haben!“ um entnervt aufzugeben. Mit dem neuen System bzw. den Listen sollte das hoffentlich seltener passieren. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

So langsam waren auch unsere Obst- und Gemüsevorräte aus l’Aber Wrac‘h aufgebraucht und am Mittwoch den 11. August war es dann vorbei mit der Ruhe und wir haben zum letzten Hopser zur Marina in Arrecife angesetzt. Der Nordostpassat weht hier auf den Kanaren in den Sommermonaten beständig und kaum hatten wir das Nordkap von Lanzarote gerundet, ging die Genua hoch und wir segelten die letzten 20 Seemeilen zur Marina. Dieser letzte Schlag war wirklich toll. Warmer Wind von hinten, ruhige See und eine überschaubare Distanz. Ein schöner Abschluss der ersten Etappe unserer Reise.

Kaffeesegeln zum Abschluss 🙂
RARE BREED’s neues Zuhause für die kommenden Monate
Und das wohlverdiente Anlegerbier! 🙂

Wir haben in den etwa 52 Tagen seit dem Start in Neustadt im Holstein insgesamt 2‘308 Seemeilen zurückgelegt. 1‘500 Seemeilen (was ziemlich genau einer halben Atlantiküberquerung entspricht) davon in den letzten zwei Wochen, bis auf den Halt in Porto Santo, mehr oder weniger nonstop. Damit sind wir jetzt sogar weiter südlich als wir uns ursprünglich vorgenommen hatten.

20.06-11.08.2021: Dauer, Distanz & Strecke von der 1. Etappe. Woher er das „Max Tempo“ von 26 Knoten hat, ist uns allerdings schleierhaft 😉

Wir sind dankbar dafür, dass alles so gut gelaufen ist, dass wir nie wirklich schweres Wetter oder unüberwindbare technische Probleme hatten. Und wir sind beide – immer noch – hochmotiviert dieses Leben zu führen!

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Und täglich grüsst das Murmeltier

Und täglich grüsst das Murmeltier

1. August 2021 – 13. Nachtwache in Folge

Wer mich ein bisschen kennt, der weiss was ich für ein Murmeltier sein kann. Und das geht so: müde, müder, Augen zu und es schläft – immer und überall. Ich kann dagegen ankämpfen, aber selbst wenn ich wollte – ich kann nicht gewinnen. Zuletzt ist mir das passiert, als ich mich mit Katrin in Kiel getroffen habe. Das war im Juni, kurz bevor wir in den NOK (Nord-Ostee-Kanal) eingebogen sind. Wir hatten uns eine gefühlte Ewigkeit nicht gesehen, der Abend war lang und wir hatten uns so viel spannende Geschichten zu erzählen. Doch auf einmal war ich so müde, dass ich – während Katrin sprach 🙄 – einfach kurz eingenickt bin – Sekundenschlaf. Liebe Katrin, ich hoffe, du verzeihst mir, es war wirklich nur ein klitzekleiner Moment 😇.

Katrin und Biggi in Kiel – Holtenau

Also, langer Rede, kurzer Sinn. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das mit mir klappen sollte, wenn ich auf RARE BREED für die Nachtwache eingeteilt bin.

Die erste Wache von 20 bis 23 Uhr war Jan‘s Part, von 23 bis 2 Uhr war ich dran, für die dritte von 2 bis 5 Uhr war wieder Jan zuständig und ich schliesslich von 5 bis 8 Uhr. Da hiess es: wach sein und wach bleiben – schliesslich hatte Jan bzw. ich in dieser Zeit die Verantwortung für Schiff und Besatzung. 

Ok, 23 Uhr bis 2 Uhr morgens. Das war einfach. Schnell mal die Zeit zurückgespult auf 1986 (als ich Anfang 20 war) und das gleiche Prozedere von damals durchgeführt. Um 20 Uhr ins Bett gehen, Wecker stellen, vorschlafen, raus aus den Federn, Wasser ins Gesicht, rein in die lange Unterwäsche und Ölzeugs drüber (früher natürlich duschen, schminken und Ausgehklamotten anziehen). Und dann anstelle in die Disco, ab in den Steuerstand. Statt abzutanzen ging es hier darum, Wetter, Wind und Segelstellung sowie den Schiffsverkehr über das AIS im Auge zu behalten.

1. August 2021 um 00.01 Uhr – Medi Serapo unterwegs mit 14.3 Knoten – geht vor uns durch 😉

Und: Alle 15 Minuten einen Rundumblick zu tätigen, ob nicht irgendwo ein Boot ohne AIS auftaucht. Pünktlich um 2 Uhr kam Jan zur Wachablösung und schickte mich mit einem „Hab eine schöne Freiwache“ zurück in die Koje. Und das liess ich mir nicht zweimal sagen. Raus aus den Klamotten, Wecker stellen, hinlegen und weg war ich. Um 4:45 Uhr grölte die Melodie von Miss Marple aus dem Handy – es war Zeit wieder aufzustehen, damit Jan in seine wohlverdiente Freiwache entschwinden konnte. Das Aufstehen kurz vor 5 ging locker vom Hocker – fast wie zuhause an einem ganz normalen Arbeitstag. Dass hier drei Stunden später schon wieder der Feierabend eingeläutet wurde, kam mir gerade recht. Und täglich grüsst das Murmeltier ging’s wieder ab in die Falle für ein paar Stunden. Ab der 5. Nacht, die Schiffsbegegnungen hatten sich auf 1 bis 0 pro Schicht reduziert, konnten wir sogar zwischen den 15-Minuten-Kontroll-Ausgucken ein kurzes Schläfchen wagen. Auch hier hat Miss Marple dafür gesorgt, dass ich keinen „Guck“ verpennt habe.  Nach einigen Tagen wird auch das zur Routine und ich bin froh, dass bis jetzt alles so gut geklappt hat. 

In den ersten drei Wache-Tagen haben wir ja die berühmt berüchtigte Biscaya überquert (ihr kennt das Gebiet bestimmt vom Wetterbericht: Das Tief, dass über die Biscaya zieht. … Biscaya, mit dem Titel gibt es übrigens auch ein tolles Lied von James Last).  Anyway, da war’s auf jeden Fall nachts wirklich frisch und warme, winddichte Kleider, dicke Socken und Schuhe dringend erforderlich. 

Je weiter südlich wir kamen, mit der Nortada (portugiesisch für Nordwind, der zwischen Juni und September vorherrschende Wind in diesem Gebiet) im Rücken, konnten wir nach und nach erst das Ölzeugs an den Haken hängen, dann die lange Jacke und schliesslich Schuhe und Socken weglassen. 

Ich habe den Atlantik in den letzten sieben Nächten in allen möglichen Facetten erleben dürfen. Mit kaltem Wind und viel Welle, welche furchteinflössend wie Beton von unten gegen das Boot krachten, mit Mondaufgängen in blutorange, mit wilder See und brechenden Wellen (für mich als Segelneuling zumindest), bis hin zu windstill mit fast glatter See, mit Sonnenuntergängen, deren Schönheit sich so spät am Abend bei Wachübernahme nur noch erahnen liess, einer Neumondnacht in denen Millionen von Sternen am Himmel funkelten – einfach nur gewaltig.

Meer – und noch mehr Meer ⛵️

Danke an den Wettergott und alle anderen „dafür Zuständigen“, dass wir die etwa 1000 Nautischen Meilen ohne Störungen zurücklegen konnten.

Ich schreibe das hier während meiner 23-bis-2-Uhr-Nachtwache und wir haben noch ca. 90 Nautische Meilen (ca. 166 km) bis Porto Santo bei Madeira.

Bald haben wir es in die Ankerbucht geschafft ⚓️

Wir laufen mit 6 bis 7 Knoten (nach 5 Tagen mal wieder mit Volvounterstützung von Steuerbord) bei relativ ruhiger See, die Nacht ist bisher sternklar und der Wind und die Luft lauwarm – kurze-Hose-Wetter! Wir sind so langsam auf der Barfussroute angekommen.

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Blauwassersegeln, wenn schon, denn schon!

Blauwassersegeln, wenn schon, denn schon!

Blauwassersegeln ist, wenn man die flachen Küstengewässer hinter sich lässt und immer weiter raus aufs Meer segelt. Jenseits des Kontinentalsockels, wo das Meer Tausende von Metern tief wird und die Farbe des Wassers dieses tiefe intensive Blau bekommt. Rund ums Boot nichts als Wasser und Himmel, tagsüber Sonne und Wolken, nachts Sterne und Mondlicht. Kein Land in Sicht, keine Funkverbindung und tagelang kein anderes Schiff. Man sieht höchstens mal einen Vogel, ein Fischschwarm oder Delfine. Das Boot befindet sich gefühlt immer am gleichen Fleck Wasser. Der Autopilot steuert und die Segel stehen tagelang unverändert und schieben das Boot unermüdlich vorwärts – rund um die Uhr. Die zurückgelegte Strecke wird aber nicht wahrgenommen, sondern nur durch den wandernden Punkt auf der Karte visualisiert. Die Tage und Nächte fliessen übergangslos ineinander.

Der Tag geht langsam in die Nacht über

Nach Tagen oder Wochen taucht plötzlich wieder Land am Horizont auf. Das kleine private Universum in dem man sich befunden hat verschwindet und man kehrt wieder ins „normale“ Leben zurück. Man kommt womöglich sogar an einem anderen Kontinent oder einer Insel in einem neuen Kulturkreis an, dabei hat man doch gefühlt eben erst aus einer ganz anderen Welt abgelegt.

Impressionen von unterwegs

24.07.-03.08.2021: l’Aber Wrac’h nach Porto Santo, 1’200 sm in 8,5 Tagen

Routenplanung für die kommenden Tage

Am Samstagabend, den 24. Juli war es endlich soweit – Biggi‘s Flieger ist mit ca. 45 Min. Verspätung um kurz nach 23 Uhr in Brest gelandet. Müde, aber froh wieder hier zusammen zu sein, haben wir bei einem Leberwurstbrot die Lage besprochen. In den kommenden drei Wochen wollten wir RARE BREED an den Ort bringen, von wo wir im Herbst endgültig starten konnten. Das heisst soweit in den Süden wie möglich, damit wir nicht im November unter Umständen atlantisches Winterwetter erleben müssen. Von unseren Startpunkt – l’Aber Wrac’h in der Bretagne – hiess das, zuerst die Biskaya zu überqueren und danach noch möglichst bis Lissabon oder besser noch weiter südlich zu kommen. Die Biskaya ist bekannt für ihre starken SW-lichen Winde oder sogar Stürme. Was hier besonders ist, der Meeresgrund in der Biskaya fällt in wenigen Kilometern von Hunderten auf bis zu Dreitausend Meter Tiefe ab. Wenn ein Tiefdruckgebiet mit starken westlichen Winden über dieses Gebiet kommt, baut sich hier ein Seegang auf, der auch grösseren Schiffen zum Verhängnis werden kann. Jeder Segler, der da durch will, versucht ein möglichst optimales „Wetterfenster“ ohne herannahendem Tiefdruckgebiet oder starke westliche Winde zu erwischen. So natürlich auch ich und alle anderen Segler, mit denen ich mich in den letzten Wochen hier unterhalten hatte. Da es für die meisten die erste Biskaya-Überquerung und für viele sogar die erste Passage über offenes Meer, ohne Möglichkeit einen Schutzhafen aufzusuchen, war, waren alle etwas nervös. Zusammen hatten wir die Wetterentwicklung verfolgt und uns über den besten Zeitpunkt für den Absprung unterhalten. Die einhellige Meinung war, dass der Sonntag (also am Tag nachdem Biggi angekommen ist) DER ideale Tag sein würde.

Abfahrt aus l’Aber Wrac’h bei diesigem Wetter

So kam es, dass Biggi nach nicht mal 6 Stunden Schlaf sonntagmorgens um 6 Uhr im Ölzeug an Deck stand und beim Ablegen half. Schnell los wollten wir ja schon, aber das war jetzt schon etwas heftig. Ich hatte im Vorfeld natürlich alles vorbereitet, eingekauft und für zwei Tage vorgekocht. Aber so ohne Eingewöhnung und noch müde von der Anreise für einen mehrtägigen Törn über eines der berüchtigtsten Seegebiete von Europa loszufahren, war eigentlich entgegen allen gängigen Regeln. Erst recht, als es auch das erste Mal sein würde, dass Biggi über das offene Meer segeln würde. Dass sie das klaglos mitgemacht hat zeigt mir, dass ich keine bessere Partnerin hätte finden können! Die Abfahrt am frühen Morgen war, wie in diesem Gebiet üblich, durch die Gezeiten und den damit verbundenen starken Strömungen gegeben.

Noch müde von der Anreise

Die ersten Stunden sind wir unter Motor gegen leichten Westwind, aber mit immer stärker werdendem mitlaufendem Strom zu der Ile d’Oussant rausgefahren. Westlich von der Insel konnten wir abdrehen und auf unseren Zielkurs von ca. 230° gehen. So schön es ist mit bis zu 7 Knoten mitlaufendem Strom geschoben zu werden, so schlimm sind die dabei entstehenden Wellen und Verwirbelungen im Wasser. Während vielleicht 30 Minuten sind wir durch ein Gebiet gefahren, wo das Wasser regelrecht gekocht hat und RARE BREED wurde derart durchgeschüttelt, dass die arme Biggi auch noch richtig seekrank wurde und das Frühstücksmüesli den gleichen Weg zurück nahm,  wie es vor einer halben Stunde genommen hatte… Das war jetzt alles andere als ein optimaler Ferienstart bzw. Start vom ersten Blauwassertörn auf unsere Reise.

Kaum los und schon hat sich die Reffleine der Rollanlage eingeklemmt und muss „enttüddelt“ werden. Da ist man froh, wenn das Wasser ruhig ist!

Der erste Teil der Biskaya-Überquerung war durch durchzogenes Wetter mit viel Wolken und eher schwachem Gegenwind geprägt. Da wir uns in dieser Gegend nicht unnötig lange aufhalten wollten, haben wir bei Geschwindigkeiten unter 3 bis 4 Knoten jeweils einen der Motoren mit 1500 bis 1600 Umdrehungen mitlaufen lassen. So konnten wir mit möglichst wenig Dieselverbrauch eine Geschwindigkeit von ca. 5 Knoten halten. In den Morgenstunden des zweiten Tages haben wir den Kontinentalschelf überfahren und hatten danach etwa 3‘000 m Wasser unter uns. Jetzt war Biggi zum ersten Mal im Leben wirklich weit draussen auf dem Meer. 

„Over the Abyss“: Überfahren des Kontinentalsockels ins wirklich tiefe Wasser – hier fällt der Meeresgrund steil von wenigen hundert Metern auf bis zu 3’000 Meter Tiefe ab

Während der ganzen fast 4 Tage, die wir gebraucht haben, bis wir durch die Biskaya waren, sind wir von der Berufsschifffahrt umgeben gewesen. Die meisten haben uns mit genug Abstand gekreuzt oder überholt. Wenn es drohte eng zu werden, haben wir sie per Funk angerufen und auf uns aufmerksam gemacht. Das hat bis auf einmal tadellos geklappt und sie haben, wenn nötig, den Kurs ein wenig angepasst, um uns nicht zu nahe zu kommen. Anders als z. B. im Englischen Kanal hat ein Segelboot auf offener See sogar vor den grössten Tankern Wegerecht. Aber sich darauf zu verlassen oder dies sogar „einzufordern“ wäre töricht. Daher haben wir ständig das AIS (eine Art Transpondersystem, welches alle meldepflichtigen Schiffe im Umkreis von ca. 10 Seemeilen anzeigt) am Laufen, welches uns bei drohenden Kollisionen mit einem akustischen Alarm warnt. Mit dem AIS ist es ein leichtes, den Kurs, Geschwindigkeit und andere Angaben von allen Schiffen in der Nähe zu sehen.

Tanker am Horizont – Begleitung in die Nacht

Die meisten Grossen verhalten sich vorbildlich und nehmen auf uns Rücksicht, aber Ausnahmen gibt es immer. Natürlich nachts und natürlich während Biggi’s Wache kam ein Dampfer von hinten immer näher. Die Angaben im AIS sagten voraus, dass er uns mit 0 (=Kollision!!) bis 50 m Abstand passieren würde. Biggi hat mich dann doch geweckt, weil es ihr (zu Recht) langsam mulmig wurde. Auf meinem Funkspruch hin kam die übliche Antwort „Yes I have seen you and will keep clear of you.“ Aber er änderte seinen Kurs kein bisschen (Das kann man auch im AIS sehen, da dort sogar die Winkelgeschwindigkeit/Minute angegeben wird – wir sehen also, ob ein Schiff Ruder gibt, oder nicht) und er kam unaufhörlich immer näher. Das auf offener See geltende Recht zur Vermeidung von Kollisionen gibt vor, dass der Überholende dem Überholten ausweichen muss und dass der Überholte im Gegenzug Kurs und Geschwindigkeit beibehalten soll. Also taten wir, wie uns geheissen und harrten der Dinge die da kommen mögen (selbstverständlich bereit jederzeit korrigierend einzugreifen). Schlussendlich ist er mit weniger als 100 m Abstand (viel zu nah) an uns vorbei und wir konnten dem direkt in die Brücke reinschauen. So ein Depp!!

Darstellung auf der AIS-Anzeige

Was auf der ganzen Strecke durch die Biskaya schön war, war die häufigen Besuche von Delfinen und einmal zog sogar ein Rudel Schweinswale an uns vorbei.

Delfine am Bug

In der dritten Nacht ist eine Wolkenwand aufgezogen und hat uns während knapp fünf Stunden Wind bis 25 Knoten gebracht. Wir liefen unter Fock (dem kleineren Vorsegel) und Gross so hoch wie möglich am Wind und sind mit konstant 7 bis 8 Knoten, in Spitzen fast 10(!), regelrecht durch die Nacht gerast. Das war auch für mich eindrücklich zu erleben wie RARE BREED mit diesen Bedingungen umgegangen ist. Die überladene Lady war ja doch nicht so träge, wie ich angenommen hatte! 

Wolken mit Regenschauern ziehen auf

RARE BREED ist zwar ein Katamaran, aber anders als die meisten moderneren französischen Modelle, die vor allem auf viel Raum ausgelegt sind, ist sie weniger breit, hat weniger hohe Aufbauten und ist insgesamt stromlinienförmiger. Das heisst, sie hat Segeleigenschaften, die irgendwo zwischen denen eines Katamarans und eines Einrumpfbootes liegen. Das hat man in dieser Nacht gut gemerkt, als sie sich regelrecht zur Seite geneigt hat und so geblieben ist, während sie in einem für einen Katamaran eher spitzen Winkel zum Wind vorangeprescht ist. 

Kurz vor dem Ende der Biskaya – mit „Vollgas“ durch die Nacht

Nach 4 Tagen hatten wir die Biskaya hinter uns gelassen und sind auf direktem Kurs Richtung Madeira weitergesegelt. Der Wind hat nach einer kurzen Flaute auf der Höhe vom Kap Finisterre (Galizien) langsam auf NW zu NNW gedreht und sich so stabilisiert. Nun hatten wir den Wind von schräg hinten – die Idealbedingungen für ein angenehmes und doch zügiges Segeln.


Und wenn das Wetter mitspielt ist das Segeln doch schön 🙂

Obwohl der Wind selten mit mehr als 10 bis 15 Knoten wehte, kamen wir mit 5 bis 7 Knoten gut voran. Und die Sonne schaute immer öfters hervor und es wurde spürbar wärmer. Das Ölzeug kam immer seltener zum Einsatz und wurde durch den Sonnenhut ersetzt. 

Die Kopfbedeckung der Wahl für den modebewussten Blauwassersegler von heute 😉

Um die Müdigkeit in Grenzen zu halten, haben von Anfang an einen festen Wachrhythmus gefahren. Der fing abends um 20 Uhr mit meiner Wache an. Um 23 Uhr hat Biggi übernommen, um 02 Uhr wieder ich und von 05 bis 08 Uhr war Biggi wieder dran. Tagsüber hatten wir keinen festen Wachplan, sondern uns abgesprochen wer „den Ausguck hat“ und der andere konnte sich dann ausruhen. 

Tagsüber wurde der fehlende Schlaf nachgeholt

Anfänglich waren wir beide tagsüber noch sehr müde (der Nachtschlaf war bei dem ewigen Geschaukel und Lärmpegel halt auch nicht immer erholsam) und wir haben uns nur kurz bei den Übergaben gesehen. Nach ein paar Tagen ging es dann aber besser und wir haben viel Zeit zusammen im Cockpit verbracht. 

Biggi’s Seebeine wollten leider nicht so recht wachsen und so war es ihr immer wieder etwas flau zu Mute (Anmerkung von Biggi: das ist völlig untertrieben – mir war sehr elend 😉 Sie hat brav alle ihre Wachen gemacht, aber ausser um zu schlafen, konnte sie im Schiff drin nicht richtig etwas machen. Darum war ich für die Verpflegung und sonstige Tätigkeiten (Motorenkontrolle, Logbuch schreiben usw.) zuständig. Ich denke, dass dies teilweise auch mit der überstürzten Abfahrt und fehlender Eingewöhnung an Bord zu tun hat. 

Am Donnerstag, den 5. Tag zur See, hatten wir mit 545 Seemeilen die halbe Strecke nach Madeira hinter uns. Ab jetzt ging es nur noch „bergab“ und die Wettervorhersagen, die wir zwei Mal täglich über Satellit reinholten, sagten weiterhin schwache bis mässige nördliche Winde für die ganze Strecke voraus.

Ab jetzt gab es nur noch Wind von hinten

So rechneten wir mit insgesamt 10 Tagen auf See, aber der zweite Teil, war definitiv viel angenehmer und entspannter als die Biskaya-Überquerung. Nicht zuletzt, weil wir inzwischen so weit draussen waren, dass wir sogar weit ausserhalb der Schifffahrtsrouten zwischen Gibraltar und dem Englischen Kanal unterwegs waren. Von hunderten von Schiffsbegegnungen pro 24 h in der Biskaya ging es auf 2 bis 4 pro 24 h zurück. Hier draussen gab es auch keine Fischerboote, kein Wunder, denn ausserhalb des Kontinentalschelfes gab es wohl auch keine Fische. Bei unseren Angelversuchen hat nämlich leider nur eine Möwe(!) angebissen. Das arme Vieh ist mit dem Schnabel im Haken hängen geblieben und hat ganz aufgeregt hinter uns herumgeflattert, manchmal im Wasser und manchmal in der Luft. Dies ist mir bisher erst einmal im Leben passiert und es erstaunt mich, dass ein Vogel mit seinen guten Augen einen roten Gummiköder als Fisch einschätzt. Zum Glück war der Haken nur im Schnabel „eingehängt“ und hat keine Verletzungen verursacht und ich konnte die Möwe (mit Handschuhen, denn so ein Möwenschnabel ist nicht ohne…) packen und vom Haken befreien. Wusstet ihr, dass Möwen neben einem wehrhaften Schnabel auch ganz scharfe Klauen an den Füssen haben? Jetzt weiss ich auch das (Segeln bildet ;-)) und habe eine kleine Schramme am Unterarm als Erinnerung. Die Möwe ist auf jeden Fall sofort wieder davongeflogen und hat hoffentlich auch etwas für’s Leben gelernt… Biggi hat gemeint, dass wir zukünftig eher vom „Fischen“ als vom „Angeln“ reden sollten. Ob das hilft …? Wie auch immer, die Eiweissversorgung mit Fischen abzudecken ist wohl keine so erfolgversprechende Option. 

Durch die Einsamkeit hier draussen und das mitlaufende AIS wurde unser Ausguck natürlich wesentlich vereinfacht und der jeweils Wachhabende konnte sich den Wecker auf 15 bis 20 Minuten stellen und auch hinlegen und ein wenig dösen. So waren wir insgesamt auch weniger müde und konnten mehr von der vielen Freizeit zusammen geniessen.

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Je weiter südlich wir kamen, desto wärmer wurde es und unser Ölzeug hing zwar noch griffbereit am Haken, aber wurde nicht mal mehr nachts benötigt. Morgens und abends haben wir noch einen Pulli und eine lange Hose angezogen, tagsüber war es so warm, dass wir nur etwas anzogen, um uns vor der Sonne zu schützen.

Die Sonne brennt vom Himmel

Wir waren definitiv auf der Barfussroute angekommen! Ein weiteres Indiz dafür war der vertrocknete Kalmar, den ich später an dem Tag auf dem Vordeck gefunden habe. Der arme Kerl wurde wohl gejagt und hat sein Heil mit einer Flucht durch die Luft gesucht und ist dabei bei uns an Deck gelandet. Eine klassische lose-lose-Situation: für den Jäger, für den Gejagten und für uns, die wir jetzt einen Tintenfleck an Deck haben.

Auf dem Breitengrad von Afrika angelangt

Am Schweizer Nationalfeiertag gab es zwar keine Cervelats, aber sonst war das eines der Highlights auf der Strecke bis Porto Santo. Wir wussten, dass es der letzte ganze Tag auf See sein würde und haben ihn so richtig genossen. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel, kein Schiff weit und breit. Als erstes haben wir wieder Mal die Angelrute rausgehängt. Dieses Mal mit „Willy the Wobbler“, ein richtig lecker aussehender blausilbrig schimmernder Köder in Fischform. Wenn die bisher benutzten Tintenfischköder nicht genehm waren, dann vielleicht dieser?

Köderwechsel – jetzt aber!

Als der Wind immer mehr abnahm und immer mehr von hinten kam, war der Moment für den Spinnaker gekommen. Das war eine Premiere für uns und so haben wir uns vorher genau überlegt, wer wann was machen muss, damit sich das Riesentuch weder verheddert, noch ins Wasser fällt. Nach etwa einer Stunde schweisstreibendem Rumwerkelns inkl. einem Fehlversuch (Segel wickelte sich um die aufgerollte Genua und musste wieder runter) hat es dann geklappt und unser grosses schwarzrotes Leichtwindsegel blähte sich vor RARE BREED auf und fing an uns übers Meer zu ziehen. Was für eine Freude; fast kein Wind (5 bis 8 Knoten) und dieses Tuch schob uns mit ca. 5 Knoten über’s flache Meer.

Den eigenen Spi vernünftig auf ein Bild zu bekommen ist nahezu unmöglich

Einige Zeit später (ich war unten und habe in der Küche die Reste von unserem „z’Vieri“ weggeräumt) schlug die inzwischen schon fast wieder vergessene Angel an! Biggi, oben im Cockpit ist vor Aufregung im Viereck gesprungen und hat lauthals „FIIIIIISCH, FIIIIIISCH!!“ gebrüllt. Und tatsächlich, die Rute war gespannt wie ein Flitzebogen und es hat sich immer mehr Silk abgespult. Mit dem Spinnaker und das Grosssegel oben gab es keine Möglichkeit das Boot zu stoppen und so musste ich den Fisch in Fahrt reinholen. Fitnesstraining für faule Segler und zum zweiten Mal an diesem Tag verschwitzt! Es war nicht nur der erste Fisch der Reise, sondern es war sogar der schmackhafteste, den man bekommen kann – eine Golddorade (Mahi-Mahi oder auch Dolphin genannt)! Ich denke „Willy the Wobbler“ hat’s gebracht 🙂

Was ist da denn dran?
Fischerglück
Eine Golddorade, Mahi-Mahi oder Dolphin. Dieser Fisch hat viele Namen.

Nach dem Filetieren und wieder Saubermachen des verschmierten Achterdecks, gab es einen „Poisson Cru“ nach polynesischer Art. Frischer als so geht nicht und da der Fisch in diesem Gericht nur durch Lime (bzw. Zitronensaft) und Kokosmilch „gegart“ wird, ist es nur mit wirklich frischem Fisch zuzubereiten.

Biggi am Filetieren

Abends gab es dann in Butter gebratenen Fisch – sagenhaft! Die Reste (immerhin 2/3 des Fleisches) wanderten dann in den Kühlschrank bzw. ins Gefrierfach.

Poisson Cru a la Tahitienne

Den Spi liessen wir bis abends um 21 Uhr stehen und holten ihn vor Einbruch der Nacht ein. Vom Wind her hätte er stehen bleiben können, aber ihn zum ersten Mal im Dunkeln einzuholen war uns zu heikel. Nach 5 Tagen nonstop segeln musste mal wieder einer der Motoren etwas nachhelfen. Bei dem schwachen Wind haben wir mit den normalen Segeln alleine zu wenig Fahrt gemacht um noch vor Einbruch der Dunkelheit am nächsten Tag anzukommen. 

Die letzet Nacht auf See bricht an

Nach 8 ½ Tagen kam um 10:15 Uhr am 2. August tatsächlich Land in Sicht, also für Biggi – ich sah es mit meinen „Adleraugen“ natürlich erst etwas später… Was sind wir doch für tolle Navigatoren, so ein kleines Stück Land mitten im Atlantik zu finden! Spass beiseite, auch wenn es heutzutage mit GPS, Dieselmotoren usw. keine Kunst mehr ist, eine Insel irgendwo im Meer zu finden (und auch hinzukommen), ist es trotzdem ein spezieller Moment, wenn das erste Land seit vielen Tagen am Horizont auftaucht. Plötzlich gibt es etwas auf dem man seine Augen ruhen lassen kann und nicht nur Wasser soweit das Auge reicht. Und – heutzutage nicht mehr weg zu denken – bald einmal wieder ein Mobilfunksignal 😉

Land in SIcht! Porto Santo voraus.
1’200 Seemeilen nonstop

Weil wir Wasser und Diesel auffüllen wollten sind wir in den Hafen von Porto Santo gefahren. Das war in mehrfacher Hinsicht keine gute Idee! Leider gibt es dort – entgegen den Angaben im Cruising Guide keine Gastliegeplätze. Beim Anlegen an einem temporär freien Platz hat Biggi sich, beim an Land springen so unglücklich verdreht, dass sie ihre eigene Rippe gequetscht oder geprellt hat. Der Schmerz war so schlimm, dass ihr fast die Puste wegblieb. An Land dürften wir sowieso erst, nachdem wir uns elektronisch angemeldet und unsere Impfzertifikate an das örtliche Krankenhaus gesendet und von dort für gut befunden worden sind. Da wir aber nur vorhatten 1 bis 2 Nächte zu bleiben, haben wir darauf verzichtet. Nur schnell den Wassertank füllen wäre ja noch toll, Fehlanzeige, der Liegeplatzbesitzer hat uns weggescheucht als wir erst etwa 100 l drin hatten. Und um Diesel zu bekommen hätte man sich vorher bei drei(!) Behörden anmelden müssen. Und ohne die Freigabe durch das Krankenhaus lief sowieso nichts. Willkommen im Bürokratieparadies Porto Santo… Also nichts wie wieder weg und neben dem Hafen vor Anker gehen. Hauptsache wir konnten mal eine Nacht durchschlafen. Der Abend war entsprechend etwas trist, statt sich über unseren ersten Blauwasserschlag zu freuen, hat Biggi trotz Schmerzmittel sehr starke Schmerzen gehabt und ist vor Erschöpfung auf dem Sofa eingeschlafen, während ich mich nach einer geeigneten Marina auf den Kanaren schlau gemacht habe. Wir wollen nämlich RARE BREED für ca. drei Monate dort in eine Marina legen, während wir beide in der Schweiz sind, um dort alles aufzulösen.

Abendstimmung vor Anker in Porto Santo
…und der Blick aus der Koje am nächsten Morgen

Am Tag darauf ging es Biggi – Schmerzmittel und Durchhaltewille sei Dank – etwas besser und wir haben mit den dringendsten Arbeiten angefangen, um später den etwa 2 bis 3 Tage langen Schlag zu den Kanaren machen zu können. Der Wassermacher wurde etwas früher als vorgesehen in Betrieb genommen und ist ein voller Erfolg: 140 (oder sogar mehr) Liter bestes Trinkwasser pro Stunde!

Wasser marsch!

Nach nicht mal 2 Stunden Laufzeit war der Tank und alle Trinkwasserflaschen voll und Biggi hat die günstige Gelegenheit genutzt und ihre Haare direkt unter dem Schlauch des Wassermachers gewaschen.

Haarewaschen vor Anker

Parallel dazu haben wir die Angebote der Marinas verglichen; die Preise für 3 Monate für einen Liegeplatz differieren um bis zu € 1‘000.-. Glücklicherweise war unser Favorit eine der günstigeren und so haben wir die Reservation für Arrecife auf Lanzarote gemacht. Danach konnte Biggi ihren Heimflug von dort buchen. Und das alles von Bord aus ohne einen Fuss an Land zu setzen. Der Segen der modernen Kommunikationsmittel hat auch das Segeln massiv vereinfacht.

Dann wurden noch diverse kleine Wartungsarbeiten erledigt und Essen für den nächsten Schlag vorgekocht. Der Tag ging schnell um und wenn alles klappt, wollten wir tags darauf die ca. 270 sm nach La Graciosa in den Kanaren in Angriff nehmen.

Für die, die sich vielleicht fragen, wann wir endlich zur Ruhe kommen und mal einen Tag lang gar nichts machen: Der Grund, dass wir den ersten Teil der Reise so zügig durchziehen ist, weil wir rechtzeitig genug weit südlich sein wollen um Ende November einen guten Ausgangspunkt zu haben. Weil wir vorhaben, die Atlantiküberquerung in die Karibik diesen Winter zu machen, boten sich die Kanaren an. Um in Biggi’s 3 Wochen Ferien von L’Aber Wrac’h bis dorthin zu kommen, wollten wir lieber am Anfang Gas geben, damit wir noch ein paar Tage Ferien auf den Kanaren machen können, bevor sie Mitte August zu ihrem letzten Arbeitseinsatz in die Schweiz zurückfliegt.

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Ratz-Fatz raus aus der Komfortzone

Ratz-Fatz raus aus der Komfortzone

03.07-23.07.2021

Also Ratz-Fatz lieb ich ja – weil: geht schnell und funzt. Sei es beim Ratz-Fatz-Kuchenrezept, Ratz-Fatz-Pastateig oder Ratz-Fatz-Nudelsalat. Aber genauso Ratz-Fatz waren meine Ferien am 3. Juli vorbei und der Abschied von Jan und dem Bootsleben fiel mir schwer. Und das, obwohl ich wusste, dass ich in 3 Wochen bereits wieder zurückkommen würde. Ob unser Wiedersehen allerdings wie geplant in Brest stattfindet, das würde sich schon bald zeigen.

Mein Flug von Amsterdam nach Zürich war pünktlich und so war ich um 18 Uhr bereits zuhause in Nänikon. Das Gefühl, das ständige Schwanken ausgleichen zu müssen, sollte mich noch ein paar Tage begleiten.

Voller Euphorie hatte ich am Sonntag bereits sämtliche Klamotten gewaschen und alles bereitgestellt, was auf Jan‘s Wunschliste stand, das unbedingt mit zu RARE BREED sollte – ich war eigentlich schon wieder fertig zum Abreisen 😉

Ich war selbst überrascht, dass alles in die Tasche ging 😉

Zur gleichen Zeit in Amsterdam war RARE BREED bereit zum Ablegen. Ich würde die Reise begleiten – mit dem Finger auf der Seekarte, oder besser gesagt am Bildschirm über Share.Garmin. Alle halbe Stunde sollte eine neue Punkt-zu-Punkt-Verbindung zu sehen sein und ich würde beobachten können, wie RARE BREED und ihre Besatzung sich ihren Weg von Amsterdam in den Englischen Kanal bahnt. Der erste Punkt, den Garmin im Angebot hatte, lag am 4. Juli um 10:11 Uhr irgendwo ausserhalb von Amsterdam, also waren sie unterwegs. 

…endlich ein Zeichen!

Ich war ziemlich nervös und hab im Halbstundentakt die Lage gecheckt. Meist war ich zufrieden, mit dem was ich gesehen hab. Ausser, das Signal wurde nicht pünktlich übertragen. Mein erster Gedanke: Hoffentlich ist das Schiff nicht gesunken! Ich hab dann schnell begriffen, dass das Satellitensignal auch mal Verspätung haben konnte und war dann etwas beruhigter. Aus den Punkten wurde langsam eine Kette.

…irgendwo vor der holländischen Küste

Am Montag ging es für mich erstmal wieder in die Arbeit. Die Zeit verging wie im Flug, ich hatte etliche E-Mails im Postfach, einige Sitzungen, eine Infoveranstaltung und einen Kurs zu besuchen – und Ratz-Fatz war Freitag. Und das beste, für Freitagnachmittag hatte sich Besuch aus Bayern angesagt. Mit meiner Schwester Sigi verbrachte ich nach sehr langer Zeit mal wieder ein richtig tolles Wochenende. Wir haben viel geratscht, fein gegessen (ich sag nur Trüffelrisotto 🤤) und die gemeinsame Zeit genossen. Und wie es der Zufall will, war in Nänikon Chilbi – auf der es dieses Mal Autoscooter, Kinderkarussell, einen Freefall (!) sowie zig Marktstände gab, an denen es vom Apfelkuchen bis zur Zuckerwatte alles fürs leibliche Wohl gab und natürlich auch allerlei Selbstgebasteltes feilgeboten wurde. Wir konnten abends eine gemütliche  Chilbirunde drehen, bevor ein aufziehendes Gewitter mit starkem Wind dem bunten Treiben ein jähes Ende bereitete. Zu diesem Zeitpunkt sassen wir beide bereits wieder auf der heimischen Terrasse und beäugten das Naturspektakel bei einem Aperolspritz.

Langeweile hatte keine Chance, denn wir wollten uns auch an die Bernina setzen und einen Sommerrock für mich nähen. Pinterest sei Dank, denn hier wurden wir doch tatsächlich fündig für eine Nähvorlage eines  Ratz-Fatz-Rocks. Beim ersten Rock hat das auch super geklappt und er war im Handumdrehen fertig. Beim zweiten dauerte es schon etwas länger, weil wir die Modifikation „das könnte ja noch gut aussehen, wenn wir einen Schlitz reinmachen“ eingebaut hatten. Ausgeartet ist es schliesslich, als ich in der Stoffkiste noch ein grosses Stück Stoff fand, aus dem Sigi ein Sommerkleid zaubern konnte. Das hat dann doch bisschen länger gedauert und damit dem Ratz-Fatz-Gedanken den Garaus bereitet. Spass hatten wir trotzdem ungemein.

Rock, Rock, Kleid – bamm – Ratz-Fatz-Nähspass / Selfie am Greifensee

RARE BREED hatte zwischenzeitlich den Englischen Kanal, Dunkerque, Dieppe und Cherbourg passiert und war in l‘Aber Wrac‘h in der Nähe von Brest in der Bretagne angekommen. Grossartig, dass Jan und Cynthia es so pünktlich dahin geschafft haben!

Hier begann eine neue arbeitsreiche Woche. Die Abende füllten sich mit Telefonaten mit meinem „Bru“ Thomas in Berlin oder Treffen mit Kolleginnen persönlich vor Ort – das „Schnacken“ durfte in dieser Zeit nicht zu kurz kommen.

Mit Denise und Nicole im Cucina und mit Rachel im Bababobo

Und am Samstag hiess es, auf nach Lottstetten und Päckchen abholen. Jan hatte diverse Ersatzteile für RARE BREED, ein Schaltpanel für USB, diverse Umlenkrollen, ein Seil und ein Thermometer für unseren Omnia bestellt und ich Ersatzbänder für unsere Beschriftungsmaschine.

Abends war ich bei Jan‘s Mama zum Essen eingeladen und Ratz-Fatz neigte sich auch die zweite Woche dem Ende zu.

Die dritte Woche war die Woche der Kündigungen. Jan und ich waren uns einig und dieses Mal auch wirklich sicher, jetzt ist der richtige Zeitpunkt und wir ziehen Ende Oktober aufs Boot um. So habe ich Montagmorgen meinen Job gekündigt, am Dienstag unsere Wohnung und am Mittwoch den  Tiefgaragenstellplatz. Jetzt ist es definitiv und es fühlt sich gut und richtig an. 

Ich habe seither oft gehört, ich sei mutig (… verrückt sei ich sowieso – danke Heinz 😂). Klar, ich verlasse meine Komfortzone – gebe meinen tollen Job auf, kündige unsere schöne Wohnung, hab vor, ein in jeder Hinsicht sicheres Land zu verlassen und lasse meine Familie und Freunde zurück. Das spiegelt das tränende Auge wieder. Aber das lachende Auge freut sich auf die Freiheit, jeden Tag ein bisschen mehr von unserer schönen Welt zu sehen. Weitestgehend autark unterwegs zu sein auf unserem kleinen schwimmenden Zuhause. Den grössten Swimmingpool der Welt vor der Tür zu haben. Delfine als Begleiter zu erleben. Vom Wind übers Wasser getragen zu werden, auch wenn die Haare davon zauslig sind. Mit Salz auf der Haut und Sand zwischen den Zehen – einfach so – Ratz-Fatz.

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Bastelwoche in l’Aber Wrac’h

Bastelwoche in l’Aber Wrac’h

17.07.-24.07.2021

Kaum war ich wieder alleine an Bord war es vorbei mit Ferien und Sightseeing und ich habe stattdessen RARE BREED vom Segelboot zur Baustelle verwandelt. Es scheint so, wie wenn jede Segelwoche soundsoviele Wartungstage gegenüberstehen. Der „Segel-zu-Bastel-Faktor“ ist mir noch nicht klar, aber ist wohl ungünstiger als man wahrhaben will… Und weil alles gut verstaut ist, entsteht innert kürzester Zeit ein unvorstellbares Chaos an Bord, wenn man Werkzeuge und Ersatzteile hervorkramen muss.

Chaos im Salon. Mangels Werkbank müssen die Werkzeuge auf dem Salonboden ausgebreitet werden…

Es hatte sich in den letzten Wochen so einiges an To-Do’s auf meiner Liste angesammelt. Dazu kamen natürlich auch die Sachen, die ich schon lange im Kopf hatte, aber für die es bis jetzt noch nicht gereicht hatte – allem voran unsere Heckplattform. Als der Geräteträger am Heck für die Sonnenzellen gebaut wurde, musste er untenherum mit einem Rohrgerüst stabilisiert werden. Es hat sich angeboten, dieses Gerüst so zu machen, dass man später eine Art Plattform draufmachen konnte. Dieses „später“ war jetzt gekommen. Die Idee war, eine möglichst leichte, aber trotzdem stabile Konstruktion zu erstellen, damit wir bei schönem Wetter dort hinten – quasi unter dem Sternenhimmel – auch schlafen konnten.

Boot oder Schreinerei?

Mit nur ein paar Tagen Zeit zur Verfügung ging ich davon aus, dass der erste Wurf noch nicht das Gelbe vom Ei werden würde und dass es später mit richtigen Schaum- oder Honey-Comb-Platten nochmals gemacht werden wird. Also habe ich (noch als Cynthia dabei war) im Baumarkt grosse 10 mm dünne Sperrholzplatten besorgt. Das Beladen des kleinen Miet-Peugeots mit 3 Platten von 220 cm Länge war eine Sache für sich. Mangels Dachträger mussten die Cockpitkissen herhalten und verspannt wurde das ganze, indem wir die Spanngurte durch die Türöffnungen zogen und so die ganze Ladung „um’s Dach herum“ sicherten. Cynthia hatte schon im Vorfeld ihre Bedenken geäussert und sich geweigert das Auto so zu fahren. Also bin ich gefahren und langsam und gemütlich kamen wir heil am Ziel an. Ich denke aber, dass die Franzosen solchen Fuhren eher gelassen gegenüberstehen und es hat uns niemand gestoppt oder komisch geschaut.

Sitzpolster statt Dachträger tut’s auch 🙂

Da diese Platten zwar leicht, aber nicht genügend stabil waren, habe ich mir eine Art „hängende“ Konstruktion, welche mit einem Aluprofil und dünnen Seilen nach oben an den Geräteträger versteift werden soll, ausgedacht. Den grössten Teil der Arbeit konnte ich alleine bewältigen, aber wie so oft liegt die Tücke im Detail und zum Glück hat ein befreundeter Segler, Gottfried von der Schweizer Yacht MOANA, mir dabei geholfen, das Aluprofil und die letzten Schrauben von unten an das Holz zu schrauben. Alleine wäre es schlichtweg unmöglich gewesen. Der arme Gottfried musste dafür unter der Plattform auf dem Rücken liegend im Beiboot arbeiten. An sich nicht so schlimm, wenn das Beiboot nicht dicht unter der Plattform in seinen Halterungen (Davits) hängen würde. Er musste sich also zuerst dort reinrobben und dann über Kopf arbeiten. Dass es einer der wenigen wirklich heissen Tage in l‘Aber Wrac’h war, hat es auch nicht einfacher gemacht. Was zuerst wie eine kurze Sache ausschaute, hat uns dann doch geschlagene 3 Stunden beschäftigt. Gottfrieds lakonischer Kommentar: „Ich konnte wenigstens im Schatten arbeiten!“

Das „Fundament“ bzw. Stabilsierungsgerüst vom Geräteträger, wo die Plattform montiert werden soll.
Es wird gesägt, geschliffen und gebohrt, dass ich mich langsam gewundert habe, dass niemand von der Marina reklamiert hat…
Zum Thema: „Aus Erfahrung wird man klug…“ oder die „Anti-„Plopp!“-Werkzeugsicherung… Also wenn jemand zufällig einen 8er-Ringgabelschlüssel zu viel hat, ich hätte Interesse….
Die temporäre Aufhängung zur Stabilisiserung ist angebracht. Jetzt kann man auch drauf stehen. Positiver Nebeneffekt der Plattform: Das Beiboot hängt zukünftig im Schatten, was seiner Lebensdauer in den Tropen sehr zutäglich sein wird. Das starke Sonnenlicht frisst sich regelrecht durch die Gummihülle.
Erste Farbschicht drauf und die Alukiste montiert
Handläufe mit angeklebter Holzplatte als Sicherung und Verstärkung montieren
Nachtansicht mit den „Begrenzungsleuchten“. Der Gag musste sein 🙂

Daneben gab es natürlich diverses anderes zu machen, um RARE BREED für den nächsten geplanten Schlag über die Biskaya und runter zu den Kanaren fit zu machen. Dies war das erste Mal, wo wir mehrere Tage weit weg von Land segeln würden – ausserhalb Mobilfunkabdeckung und weit weg von Schutzhäfen. Das heisst, ich musste endlich die Wettervorhersagen auch über das Satellitengerät reinholen können und die „Grab-Bags“ (wasserdichte Taschen mit Lebensmitteln und anderen Überlebensutensilien, die wir im Ernstfall mit in die Rettungsinsel nehmen würden) einrichten und Reservewasserkanister sicher aber greifbar unterbringen.

Zwei Fenster hatten kleine Lecks entwickelt, die abgedichtet werden sollten, alle Splinte und Sicherungsringe am Rigg und an der Reling (das Geländer ums Schiff) mussten überprüft und mit Tape abgeklebt werden. Dann waren noch der kleine Benzingenerator und die Notlenzpumpe, die in Betrieb genommen werden sollten usw. usw.

Die Notlenzpumpe geht ganz schön ab – 10’000 Liter/Stunde Förderleistung sollte auch mit etwas grösseren Lecks klar kommen
Und alles zusammen griffbereit in der Alukiste auf der Plattform versorgt

Und nicht zuletzt das ganze Boot putzen und die gesamte Bettwäsche und angesammelte Schmutzwäsche der letzten Wochen waschen und die Frischwarenvorräte aufstocken. Kurzum – ich war locker die ganze Woche beschäftigt. (Nennt man das nicht Ferien…?)

Waschtag
Neue Halterung für den kleinen Cockpittisch
Und wieder einkaufen und alles an Bord so versorgen, dass sich die Frischware lange hält

L’Aber Wrac’h hatte, wie alle Häfen hier in der Bretagne, auch einen erheblichen Tidenhub von ca. 5 m. Um auf den Schwimmsteg zu kommen, muss man ca. 50 m lange Fussrampen benutzen, die bei Hochwasser mehr oder weniger waagerecht zum Steg führen und sich bei Tiefwasser steil nach unten neigen. Um Gepäck oder Einkäufe den langen Weg vom Parkplatz zum Schiff zu transportieren gab es grosse Schubkarren, die locker den Inhalt eines kompletten Kofferraums schluckten. Logisch, dass wir auch so einen Karren verwendeten, um unsere Einkäufe zum Boot zu bringen, und logischerweise war es ausgerechnet dann Tiefwasser…

Der Hafen in l’Aber Wrac’h bei Tiefwasser
Die Rampe zum Steg: Bei Hoch- und bei Tiefwasser…

Was auf ebener Strecke problemlos zu meistern war, erwies sich auf der steilen Rampe als schlichtweg unhaltbar. Oben auf der Rampe stehend dachte ich noch, dass der Wagen ziemlich schieben würde, aber was dann kam hat meine Befürchtungen um einiges übertroffen. Ich hatte keine Chance die Fuhre zu halten. Nur indem ich den Wagen ins Geländer der Fussrampe reinfahren liess und mich zusätzlich dagegen verkeilte, konnte ich in letzter Sekunde verhindern, dass unsere gesamten Einkäufe 5 Meter ins Hafenbecken runter gefallen sind. Schritt um Schritt und mit tatkräftiger Bremshilfe durch Gottfried kamen wir schliesslich nassgeschwitzt, aber heil unten an. Eine Chartercrew hatte das ganze Manöver beobachtet und ihr ursprüngliches Vorhaben, ihre Reisetaschen mit so einem Schubkarren zum Auto zu bringen schnell verworfen und alle Taschen einzeln hoch geschleppt. Naja, es steht jeden Tag ein Depp auf, von dem man lernen kann… 

Und da der Plan war sofort abzulegen, wenn Biggi wieder kam und es dieses Mal mindestens 3, wenn nicht noch mehr Seetage geben würde, habe ich am Samstag vorgekocht.

Chickencurry und Chilli con Carne 🙂

Kurz nach RARE BREED kam auch die MOANA aus Roscoff nach l‘Aber Wrac’h und die Freude war gross Gottfried und Sandra, die Biggi und ich in Amsterdam kennengelernt hatten, wiederzusehen. Da wir ein Mietauto für die ganze Woche gemietet hatten, konnten die beiden natürlich auch ihre Besorgungen damit erledigen. Teilweise waren wir auch miteinander damit unterwegs. Gottfried hatte sich wenige Tage vorher einen kleinen Metallsplitter im Finger eingefangen und beim Rausnehmen hat sich der Finger entzündet. Dies wurde schnell schlimmer und immer schmerzhafter. So suchten wir gemeinsam nach einem Arzt und da mein Französisch einen Tick besser als das von Gottfried war, habe ich den Dolmetscher gemacht. Nachdem die lokale Ärztin den Finger angeschaut hatte, war ihr Entscheid eindeutig – da müsse so schnell wie möglich geröntgt werden um zu sehen, ob noch etwas im Finger drin sei. Das hat uns zur abendlichen Odyssee durch den Notfall im Brest geführt. Als wir nach dem Röntgen (es war kein Metall mehr im Finger) – Stunden später – endlich in den Untersuchungsraum reinkamen, lagen da schon das Skalpell und Verbandsmaterial bereit. Gottfrieds (und auch meine) Erleichterung war gross, als es dann aber hiess, dass er nur eine starke Antibiotikakur und Schmerzmittel brauche. Die Vorstellung, dass an der Hand rumgeschnibbelt wird, ist alles andere als erfreulich, zu gross ist das Risiko später mit den Folgen von eventuellen Fehlern leben zu müssen. 

Mit Gottfried in der Notfallaufnahme in Brest

Gottfrieds Erleichterung und Dankbarkeit mich als Dolmetscher dabei zu haben kannte keine Grenzen, und so wurde ich am Abend danach zur Grillparty auf der MOANA eingeladen. Jetzt muss man wissen, dass die MOANA ein sehr grosses und perfekt ausgestattetes Boot ist. Sie hatten bei der Bestellung alle Optionen einbauen lassen – insbesondere auch einen fest installierten Grilltisch auf der ausklappbaren Heckplattform. Und zwar keinen 08-15-Grill, sondern einen regelrechten Profigrill mit allem drum und dran. Dahinter stand nun Gottfried in seiner Schürze mit dem Spruch „Küchen-Kapitän“ und hat gegrillt, dass es jedem Argentinier Freudentränen in die Augen getrieben hätte. Die Leute, die am Steg an uns vorbeigelaufen sind, haben alle gestaunt und der Hund vom Nachbarn konnte nur mit Mühe und Not daran gehindert werden, wegen dem unwiderstehlichen Grillduft bei uns an Bord zu springen.

Der Küchen Kapitän in Action
… und der zufriedene Bewirtete im bequemen Cockpit der MOANA

Und mit einigen Besuchen zu dem urigen Hafenrestaurant, wo es Austern und Muscheln aus eigener Zucht gab, haben wir einige vergnügliche Abende zusammen verbracht. Die MOANA Crew hat sich rührend um mich als temporären „Einhandsegler“ gekümmert.

Dies ist einer der Aspekte, die ich an diesem Leben so liebe: Man lernt innert kürzester Zeit Leute kennen, die man im normalen Leben vermutlich nie getroffen hätte. Und weil alle wortwörtlich im gleichen Boot sitzen (Gottfried und Sandra mussten dringen Ersatzteile für ihr WC haben…) hat man sofort Anknüpfungspunkte und gemeinsame Interessen, auch wenn man womöglich aus einem ganz unterschiedlichem sozialem Umfeld stammt. Man verbringt in kurzer Zeit sehr viel Zeit miteinander, erlebt Sachen zusammen, lernt voneinander und hilft sich gegenseitig, wenn Not am Mann ist. So entsteht sehr schnell eine Vertrautheit, für die es zuhause oft Jahre gebraucht hätte. Umso trauriger ist es dann, wenn sich die Wege wieder trennen, aber ein Wiedersehen irgendwo auf der Welt wird es sicher geben.

Gottfried und Sandra von der MOANA

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