Wenn das Meer bebt
23.08.-17.10.2026 Las Perlas – Vista Mar Marina – Bahia Honda, 8957 sm seit Start
Vor Pedro Gonzales gefällt es uns so gut, dass wir gar keine anderen Ankerplätze mehr aufsuchen.

Es war hier, wo unsere Freunde die Begegnung mit der Buckelwalkuh und ihrem Kalb hatten. Die Tiere sind ganz nah an ihr Boot ran geschwommen und wir hoffen natürlich auch auf ein solches Erlebnis hier. Wir sehen fast täglich Wale bzw. deren “Blas”, aber leider zu weit weg um wirklich gute Bilder machen zu können.


Dafür taucht eines nachmittags eine Meeresschildkröte am Strand auf und legt ihre Eier ab.

Dass das Wetter sehr unbeständig ist und immer wieder Regenfronten mit teilweise starken Windböen über uns wegziehen führt dazu, dass wir unseren Plan nach Playita zurück zu segeln aufgeben. Der Ankerplatz “La Playita” ist unmittelbar vor Panama Stadt, was natürlich sehr praktisch ist, aber er ist gleichzeitig auch sehr unsicher und bekannt für seinen schlechten Ankergrund. Wenn eine solche Starkwindfront kommt, wenn wir nicht an Bord sind, dann kann es sein, dass Chili auf den Felsen endet und das ist uns zu riskant. Also wollen wir doch lieber in eine Marina.

Am Montagmorgen, dem 1. September geht es für die ersten 35 Seemeilen zur Isla Otoque los. Dabei müssen wir wieder das vielbefahrene Fahrwasser zum Panamakanal kreuzen. Dieses Mal ist es aber wesentlich stressfreier, da es viel weniger Schiffe auf uns “abgesehen” haben.

Den ganzen Weg haben wir beide Angeln draussen, aber es tut sich rein gar nix.

Als wir uns Otoque nähern will ich sie einholen, aber Biggi meint, dass wir noch ein klein wenig warten sollten. Und siehe da – sozusagen im allerletzten Moment erbarmt sich ein Bonito unsereins und beisst an! Das Abendessen wäre gebongt 🙂
Nach einer eher rolligen Nacht vor Otoque heben wir nach dem Frühstück den Anker und fahren die letzten 25 Seemeilen zur Vista Mar Marina. Ein so eigentlich nicht geplantes Deja-vue.

Kaum zurück in der Marina, ist wieder volles Programm angesagt, denn irgendwie scheint es wie wenn jetzt alles auf das wir gewartet haben am gleichen Tag fertig geworden ist. Wir bekommen Dienstagabend Bescheid, dass sowohl Biggis Pass, wie auch der neue Wassermacher plötzlich zum Abholen bereit sind.

Also holen wir uns am Mittwoch für vier Tage ein Mietwagen und düsen am Nachmittag nach Panama City. Wobei “düsen” eine masslose Übertreibung ist, denn wir verbringen insgesamt etwa sechs (!!!) Stunden in verschiedenen Staus, sowohl auf der Panamericana (hin UND zurück!) wie auch in Panama City selber. Da wir die beiden folgenden Tage noch vieles in Panama City zu erledigen haben und keine Lust haben jedes Mal im Stau stecken zu bleiben, beschliessen wir kurzfristig am folgenden Abend in Panama zu übernachten. So sparen wir uns insgesamt etwa 170 km Autofahrt hin und zurück. Klug vom Vortag geht es am folgenden Morgen schon sehr früh morgens los, schliesslich hoffen wir so der morgendlichen Rushhour zu entgehen. Und was soll ich sagen – es läuft alles wie am Schnürchen und wir erleben die beiden folgenden Tage keinen einzigen Stau. Das soll mal einer verstehen!?!

Wenn Segler schon mal ein Auto zu Verfügung haben, dann wird wirklich alles was nur geht erledigt. Wir holen natürlich den Pass und den neuen Wassermacher ab. Dann füllen wir unsere Gasflasche auf, besorgen ein neues Cruising Permit und holen weitere Pakete beim Freight Forwarder ab. Und schliesslich treffen wir Akko und Liza von CHOCTAW am Flughafen. Die beiden haben uns zwei neue Dieseltanks aus Holland mitgebracht.

Am Sonntag wird schliesslich noch ein Grosseinkauf getätigt, denn wir wollen ja nachher nach Bahia Honda, wo es gar keine Einkaufsmöglichkeiten mehr gibt.
So nebenbei waren wir in vier verschiedenen Haushaltsgeschäften, um eine neue Bordwaschmaschine zu besorgen (unsere alte Campingwaschmaschine fing schon langsam an seltsame Geräusche zu machen). Es ist gar nicht so einfach eine Maschine zu finden, die klein und leicht genug ist für unser Boot. Schlussendlich werden wir fündig. Sie ist zwar etwas grösser als wir gerne hätten, aber müsste gerade so knapp ins Badezimmer passen. Das ist ein halbautomatischer Toplader mit einer Wasch- und einer Schleudertrommel. Sie hat keine Heizung und das Wasser füllt man von Hand vor dem Waschen ein. Sie braucht keine feste Installation, (da keine Heizung) nur wenig Strom, ist leicht und kostet nicht viel Geld. Warm waschen tut hier sowieso niemand und wenn, dann kann man bis zu 40 Grad warmes Wasser einfüllen. Heisser geht nur schon deshalb nicht, weil alles (auch die Trommeln) aus Plastik sind. Aber dafür ist die Maschine leer weniger als 15 kg schwer.

Zurück an Bord stellen wir dann fest, dass sie zwar am vorgesehenen Platz im Badezimmer passen würde, aber um dorthin zu kommen müsste sie um eine Ecke rum und dafür ist sie definitiv ein paar cm zu gross… Das ist jetzt zwar ein bisschen doof, aber kein Weltuntergang, denn wir müssen sie ohnehin jedes Mal ins Cockpit hochtragen, wenn wir sie benutzen wollen. Diese Mühe kann ich mir jetzt sparen, denn sie hat nun ihren Platz im Salon neben der Schiebetüre zum Cockpit. Und so eine neue Waschmaschine ist natürlich auch ein nettes Accessoire im Wohnraum 😉
Hier sind alle Haushaltsgeräte nach amerikanischem Standard gebaut und brauchen 110V und 60 Hz. Unsere Bordversorgung ist auf 220V/50Hz ausgelegt. Also brauchen wir für die neue Maschine auch einen etwas stärkeren 110V Inverter, der natürlich auch angeschlossen und eingebaut werden muss. So ergibt das eine das andere und jetzt hat Chili neben dem 220V Bordnetz auch noch ein zusätzliches 110V Netz.

Seit den Motorproblemen lief unser linker Motor mit Sprit aus einem Kanister statt aus dem Haupttank. Das war nur als Umgehungslösung gedacht, damit wir wieder mobil waren und hat auf dem Trip zu den Las Perlas ganz gut funktioniert. Jetzt wird aus dem Provisorium mit dem Einbau des Tagestanks endlich eine dauerhafte Lösung.

Ich gehe jetzt nochmal die Probleme mit dem Wassermacher an. Obwohl ich eine komplett neue Förderpumpe einbaue will er nicht starten. Erst als ich die elektrische Schaltbox öffne um die Startkondensatoren zum zweiten Mal zu überprüfen entdecke ich einen losen Kabelschuh. Und siehe da, kaum ist der wieder befestigt, schon läuft unser alter Wassermacher, wie wenn nichts gewesen wäre. Jetzt haben wir tatsächlich zwei voll funktionsfähige Wassermacher an Bord. Den neuen lassen wir jetzt einfach eingemottet im Boot drin und müssen uns keine Sorgen über Frischwasser mehr machen. Oder wie ein befreundeter Segler immer sagt “Besser haben als brauchen.”


Wegen dem Preismodell in der Marina haben wir von Anfang an einen Monat bezahlt. Aber eigentlich sind wir etwas früher als gedacht mit den Arbeiten fertig. Als sich ein gutes Wetterfenster auftut verlassen wir die Marina drei Tage vor Ablauf des Monats. Wir wollen endlich weiter kommen und den Golf von Panama hinter uns lassen. Von der Marina aus geht es um das hier berüchtigte Kap “Punta Mala” (Schlechter Punkt) um die Azuero Halbinsel herum. Auf der Strecke von knapp 140 sm hat es nur einen halbwegs vernünftigen Ankerplatz (Playa Venao) und den würden wir erst nach Mitternacht erreichen. Also machen wir unseren ersten Nachtschlag mit CHILI. Den Namen “Punta Mala” hat das Kap, weil hier wegen der starken Gezeitenströme oft ruppige Seegangsverhältnisse herrschen. Das Kap macht trotz sehr wenig Wind seinem Namen alle Ehre und die Nacht wird richtig eklig. CHILI knallt immer wieder so hart in die kurzen Wellen rein, dass man das Gefühl hat, es müsse jeden Moment etwas auseinander brechen.


Am nächsten Mittag ankern wir in der Naranjo Bay und haben erst Mal die Schnauze gestrichen voll. Ein Fahrtenkatamaran ist einfach nicht dafür designed gegenan zu gehen!

Mit der Umrundung der Azuero Halbinsel haben wir den trockenen Bereich “Arco Seco” von Panama verlassen und werden entsprechend mit sintflutartigen Regenfällen begrüsst. Das ist gar nicht mal so schlecht, wenn es nach einer längeren Überfahrt regnet, weil dadurch das ganze Salz vom Boot gespült wird. Und auch wir geniessen die erste ausgiebige Regendusche seit langem.

Ab jetzt ist es nicht mehr weit zu unserem Ziel Bahia Honda, wo wir nach einem weiteren Übernachtungsstopp auf der Insel Cebaco am 2. Oktober eintreffen.



Bahia Honda ist eine riesige Bucht, die nur eine kleine Durchfahrt zum offenen Meer hat. Entsprechend ist es hier so ruhig wie in einem Binnensee. Wir hatten im Vorfeld sehr viel Gutes über diese Bucht gehört, denn sie ist der einzige Ort entlang der Panamaischen Pazifikküste, die dem ewigen Pazifikschwell nicht ausgesetzt ist. Egal wie das Wetter ist – hier liegt man geschützt wie in Abrahams Schoss. Zudem ist es einer der abgelegendsten Orte in Panama, denn hierher führt keine Strasse. Rund um die ganze Bucht ist dichter Regenwald und man sieht und hört Tukane, Papageien und viele andere Vögel und Brüllaffen. Das Wasser kocht manchmal regelrecht vor Leben, wenn riesige Fischschwärme am jagen sind bzw. gejagt werden. Einzig das wegen dem 3m Tidenhub und den entsprechenden Strömen eher trübe Wasser dämpft den Eindruck ein wenig.





An Land wo wir ankern gibt es zwei Familien: Edwin und Rosalin und Kennedy und Olivia. Etwa drei Meilen weg gibt es noch ein kleines Dorf mit etwa 80-90 Einwohnern. Da es keine Strassen hat sind alle auf ihre Boote angewiesen. Der Ort selber ist sehr ärmlich und irgendwie trostlos. Es hat zwar eine kleine Tienda (Laden), aber dort bekommt man fast nichts.

Edwin und Rosalin betreiben ein kleines Airbnb und bieten diverse Dienstleistungen und Ausflüge für Gäste und Segler an. Im Moment liegen gerade mal vier Boote hier, wovon zwei unbewohnt sind und von Edwin und Rosalin gehütet werden. Hier gibt es weder Mobilfunkempfang noch Strom. Wasser kommt von einer Quelle oben am Hügel und wird mit einem langen PVC-Rohr/Schlauch-Konstrukt bis ans Haus geführt. Bis vor kurzem hatten sie nur Strom, wenn der Generator lief, aber der Treibstoff ist teuer und muss per Boot hierher transportiert werden.




Das andere Boot ist CHOCTAW mit Akko und Liza aus Holland, die schon seit mehr als einem Jahr hier liegen und sehr eng mit Edwin und Rosalin befreundet sind. Akko und Liza helfen wo sie nur können. Akko hat mit Material, welches von diversen Booten gespendet worden ist, eine kleine Solaranlage aufgebaut, damit die Abhängigkeit von Treibstoff für den Generator entschärft wird.

Wir hatten bereits im Vorfeld schon mit Akko und Liza Kontakt und haben ihnen vieles hierher mitgebracht. Teilweise Sachen von anderen Booten, aber auch unsere fünf Lithiumbatterien, die ich in Vista Mar ausgebaut habe. Diese werden jetzt an Land auseinander gebaut, neu balanciert und Stück um Stück in die bestehende Anlage eingebaut. So werden unsere Batterien ein zweites Leben hier in Bahia Honda haben und dafür sorgen, dass Edwin und Rosalins Energieknappheit bald Geschichte sein wird. Die beiden sind wirklich sehr dankbar und organisieren als Dankeschön ein leckeres Abendessen mit Lobster, Fisch, Reis und Salat für uns alle.

Alles, aber wirklich alles muss per Boot hierher gebracht werden und so durchstöbern wir unser Boot nach Sachen, auf die wir verzichten können. Handtücher, Seile, Geschirr, Wäsche, Hygieneprodukte, Lebensmittel und sogar unser Cockpitstuhl wandern an Land. Wir bekommen dafür Bananen, Papaya, Ingwer, Peperoni und ganz süsse Saftorangen aus ihrem Garten geschenkt. Win-win, denn auch wir können hier nichts kaufen und leben von unseren Vorräten.


Nach einer knappen Woche, am Samstag den 9. Oktober, ist es mit der Ruhe hier vorbei: Um 12:56 Uhr Ortszeit wird Panama von einem Erdbeben der Magnitude 7.7 durchgeschüttelt. Das Epizentrum vom ersten und stärksten Beben liegt im südlichen Teil der Azuero Halbinsel und damit keine 100 km von uns entfernt.

Wasser lässt sich nicht komprimieren und daher treffen die Erdstösse ein Boot im Wasser genauso wie ein Haus an Land. Der Unterschied ist, dass ein Boot dafür gebaut ist, solche Erschütterungen ohne Schäden zu überstehen, denn die Schläge die das Boot beim Segeln treffen, übersteigen die Kraft dieser Erdstösse bei weitem. Es ist trotzdem beängstigend so etwas zu erleben, nicht zuletzt, weil es einen völlig unvorbereitet trifft. Das Boot vibriert heftig, wie wenn ein Riese es gepackt hätte und wie ein Spielzeug schüttelt. Gleichzeitig ist ein lautes und irgendwie bedrohliches Grollen zu hören. (Im ersten Moment dachte ich, dass die Dieselmotoren, Wassermacher und andere lauten Elektromotoren und Pumpen an Bord von selber alle gleichzeitig angesprungen wären.)

Nach einer gefühlten Ewigkeit (vielleicht eine Minute?) ist der Spuk vorbei und wir haben uns nur verdutzt angeschaut.

Dieses Beben war sogar stärker als das welches dieses Jahr am 24. Juni in Venezuela mehrere Tausend von Todesopfer gefordert hat.

Panamas Glück war, dass das Epizentrum in einer dünn besiedelten Gegend war. Es gab keine Toten und nur eine Handvoll Verletzte und die Schäden sind im Verhältnis zur Stärke des Bebens landesweit eher gering. Leider trifft das, wie wir in den folgenden Tagen sehen werden, nicht für die Gegend hier zu. Im Dorf sind z.B. geschätzt 85% der Häuser nicht mehr bewohnbar. Das Haus von Edwin und Rosalin hat zwar ein paar Risse, aber ansonsten scheint es OK zu sein. Nach ein paar Stunden taucht plötzlich ein uns bisher unbekannter Mann bei denen auf. Es sei der “Nachbar”, der alleine mit vier Hunden oben auf dem Hügel wohnt. Sein Haus ist komplett zusammengebrochen.




Die Nachbeben gehen noch tagelang weiter und am Montagmittag fängt es ausserdem an sintflutartig zu regnen. Für die nächsten 18 Stunden schüttet es in Strömen. Für uns ist das sogar gut, da wir so viel Süsswasser sammeln können, aber für die obdachlosen Menschen an Land ist es eine Katastrophe! Die Temperatur sinkt hier nachts nicht weiter als auf 25°, aber wenn man pitschnass ist, ist das trotzdem zu kalt. Neben den übrigen Sorgen geht danach eine Grippewelle los.
Die immer wieder auftretenden Nachbeben und der viele Regen ist auch für die Natur zu viel – überall in den steilen Hängen reissen Erdrutsche grosse Wunden in den Regenwald. Das Haus von Edwin und Rosalin steht auch unmittelbar vor einem steilen Hang und die beiden trauen sich verständlicherweise nicht mehr daheim zu übernachten. Also wird die CHOCTAW zum Massenlager umfunktioniert. Wir offerieren natürlich auch Schlafplätze auf CHILI, aber da Akko und Liza schon fast zur Familie gehören, wollen Edwin und Rosalin samt Hund und dem Nachbarn lieber dorthin. Ein paar Tage später ziehen sie zum Schlafen auf einen der unbewohnten Katamarane die hier vor Anker liegen, um.

Wir versuchen wo immer möglich zu helfen, und durchwühlen das Boot nach weiteren Sachen, die wir entbehren können. Decken, WC Papier, Hygieneartikel und Lebensmittel werden sackweise an Land geschleppt und an Edwin und Rosalin zur Weiterverteilung gegeben.

Inzwischen ist auch Unterstützung durch Aero Naval und Sinaproc (eine Art Rotes Kreuz von Panama) angelaufen. Ständig fliegen Helikopter vorbei um Hilfsgüter abzusetzen und die Schäden zu erfassen. Die ersten Umsiedlungen (für die, die es sich leisten können) fangen an, und viele gehen zu Verwandten in weniger betroffenen Gebieten. Deisy, die Tochter von Edwin und Rosalin wohnt in Sona, wo es auch Supermärkte hat. Zusammen organisieren sie einen Grosseinkauf von Lebensmitteln und anderen dringend benötigten Produkten. Selbstverständlich spenden wir und auch Akko und Liza Geld, damit Deisy dafür einkaufen kann. Am Samstag werden die Hilfsgüter mit ihrem Boot im Ort Pixvae ausserhalb von Bahia Honda abgeholt (dorthin hat es eine Strasse) und anschliessend mit der ganzen Familie zum Dorf gebracht.

Im grossen Ganzen ist das Beben wohl glimpflich abgelaufen, aber es betrübt einen, dass es wieder einmal die Ärmsten am härtesten getroffen hat.

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