Panamakanal – Unter drei Brücken musst du fahren…
Shelter Bay Marina – La Playita 27.-30.4.2026
In den letzten paar Tagen bis zum Kanaltermin werden beide Motoren alle 1-2 Tage gestartet und auch die Propeller getestet. Alles läuft wie geschmiert. Na endlich!

Thomas und Wolfi sind inzwischen schon lange wieder in Deutschland und schlagen sich mit dem Jetlag rum. Und wir brauchen jetzt zwei neue Linehandler. Wir fragen Jürgen und Veronika, Freunde von uns, die wir vor zwei Jahren hier in Panama kennengelernt haben, ob sie Lust auf eine Panamakanaldurchfahrt hätten. Und ob sie hätten! Beide sind keine Segler, aber das ist kein Hexenwerk die Leinen zu bedienen, also wäre das schon mal gut. Wegen einer noch nicht ganz ausgeheilten Unfallverletzung an der Schulter ist Veronika etwas eingeschränkt. Daher suchen wir noch eine weitere Person, die wir mit Linda, eine (nach eigener Aussage) sehr erfahrene Katamaranseglerin, finden.
Bei einem Panama Kanal Transit werden vier dedizierte Linehandler und ein Skipper, der das Boot steuert, verlangt. Dazu gesellt sich dann ein Pilot oder Advisor, der die ganze Fahrt überwacht und die Manöver koordiniert. Neben Jürgen und Veronika, Linda und Biggi haben wir auch Alex, einen professionellen Linehandler engagiert. Ihn kennen wir von unserer Kanalpassage mit Frank und Heike von der SV Manatee vor genau zwei Jahren. Damit wären wieder beide Gästekabinen und das eine Bett im Salon belegt.

Man weiss nie im voraus, ob man den Kanal in einem oder in zwei Tagen machen wird, das wird erst kurz vorher von der Kanalbehörde entschieden. Bei einer zweitägigen Passage übernachten alle (bis auf den Piloten) an Bord. Das heisst, man muss alle verpflegen und einen Schlafplatz anbieten – praktisch Hand gegen Koje. Mit drei Schlafkabinen und dem Salon als Bett umgebaut klappt das ganz gut mit den Schlafplätzen.
Auch die Zeit, wann man losfahren muss, wird erst am Tag vor der Passage kommuniziert. Entweder muss man den Piloten morgens um vier draussen vor dem Hafen aufnehmen (er wird mit einer Barkasse zu der wartenden Yacht gebracht) und dann geht man in einem Tag durch. Oder man nimmt ihn erst nachmittags um vier auf und dann macht man an dem Tag nur die erste Schleuse und übernachtet anschliessend an einer grossen Boje im Gatunsee.


Die letzten zwei Tage vor der Passage verbringen wir mit Vorkochen (Biggi) und Boot vorbereiten (Jan). Weil Veronika und Jürgen, wie auch Linda von der anderen Seite von Panama drei Stunden anreisen müssen, vereinbaren wir, dass sie am frühen Nachmittag am 27. eintreffen sollen. So sind wir auf alle Eventualitäten vorbereitet. Nachmittags am 27. erfahren wir von unserem Agenten, dass unsere Durchfahrt um einen Tag vom 28. auf den 29. verschoben wurde. Zum Glück hat unsere Crew genügend Zeit und alle können auch einen Tag länger bleiben (Rentner halt…).
Dass wir jetzt bald hier weggehen werden, wissen auch die Marineros. Immer wieder kommen sie und fragen, ob wir jetzt wirklich, wirklich hier wegwollen? In den letzten zwei Jahren sind wir wie Freunde geworden und der Abschied fällt auch uns nicht leicht.

Abends am 28. kommt ein junger Belgier zu uns und fragt, ob wir noch Linehandler bräuchten. Er müsse auf die Pazifikseite, wo er ein Boot hätte auf dem er als Crew nach Französisch-Polynesien segeln könne, und wolle unbedingt eine Kanaldurchfahrt miterleben. Im ersten Moment lehne ich ab, weil wir jetzt schon eine Person mehr als benötigt sind, aber dann realisiere ich, dass es eigentlich noch ein unbelegtes Bett hat. Nach einer kurzen Abstimmung mit Biggi schreibe ich ihm, dass er doch mitkommen kann. Sprudelnd vor Vorfreude kommt Loic am nächsten Morgen mit seinem grossen Tramperrucksack an Bord. Im Gespräch stellt sich heraus, dass Loic mit 29 Jahren genauso alt wie mein Sohn ist. Jetzt werden wir mit dem Piloten zu acht an Bord sein. Inzwischen wissen wir, dass es am 29. erst am Nachmittag losgeht und so geniessen wir noch ein letztes Mal die Annehmlichkeiten wie z.B. den Pool in Shelter Bay.



Um kurz vor vier verlassen wir die Marina – ja beide Motoren schnurren zufrieden und auch die neuen Propeller funktionieren einwandfrei. Es kann losgehen. Um 16:30 Uhr kommt unser erster Pilot – Sergio – an Bord und wir nehmen sofort Kurs auf die Gatunschleuse auf. Das Wetter ist grau in grau und es nieselt immer wieder. Mal mehr, mal noch mehr…

Es ist schon ein spezielles Gefühl, als wir unter der riesigen Brücke „Puente Atlantico“ durchfahren. Über diese Brücke sind wir die letzten zwei Jahren unzählige Male mit dem Auto gefahren und haben auf die Boote runtergeschaut die zu den Schleusen fuhren und jetzt sind wir dran!

Beim Heraufschleusen fahren die Yachten HINTER einem Frachter in die Schleuse. Just als dieser in die erste Schleusenkammer fahren will, prasselt der Regen derart stark runter, dass er nicht mehr genug Sicht hat um reinfahren zu können. Also müssen wir anhalten und treibend warten bis es besser wird, was zum Glück innerhalb weniger Minuten der Fall ist.

Trotzdem – es wird sich herausstellen, dass wir bei fast jeder der insgesamt sechs Schleusenkammern alles im Regen machen müssen. Aber der Regen ist warm und so kommen wir wenigstens nicht ins Schwitzen.

Das Hochschleusen geschieht in drei Schritten. Vor der ersten Kammer werden wir mit einer anderen Yacht zu einem Päckchen verbunden und fahren dann als „Gespann“ rein. Im Gegensatz zu vielen anderen Schleusen (wie z. B. im Nordostseekanal) werden wir nicht an einer Wand oder einem Schwimmsteg festmachen, sondern mit vier dicken Tauen in der Mitte der Kammer gehalten. Diese dicken Leinen sind viel zu schwer um an Land geworfen zu werden – zumal der obere Rand der Wand etwa 15m über uns ist. Stattdessen werden von Land aus mehrere dünne Leinen mit sogenannten „Affenfäusten“ als Wurfgewicht zu uns rüber geworfen. Das ist nicht ganz ohne, denn die „Affenfäuste“ sind mit Seil ummantelte Stahlkugeln, die – wenn sie eine Decksluke, ein Solarpanel oder gar einen Kopf treffen würden – einen ziemlichen Schaden anrichten können. Aber alles geht gut. An diesen dünnen Seilen werden die dicken Leinen von den Linehandlern festgebunden und von dem Personal an Land hochgezogen und um grosse Poller gelegt. Die Aufgabe der Linehandler ist dafür zu sorgen, dass diese Leinen immer straff gespannt und sicher an Bord belegt sind, weil die starken Verwirbelungen beim Einlassen/Rauslassen des Wassers die Boote sonst unkontrolliert rum schieben würde.

Wenn die erste Kammer geflutet ist, gehen die Tore zur zweiten auf, der Frachter wird von Lokomotiven in der Spur gehalten und fährt aus eigener Kraft (zum Glück für uns Kleinvieh dahinter) ganz langsam in die nächste Kammer. Dann werden unsere Leinen mit dem Kommando „Slack the Lines!“ gelöst und wir fahren als Päckchen hinterher. Derweil laufen die Leute an Land mit und halten die dünnen Leinen fest. Dabei gilt es ganz langsam zu fahren, damit die armen Kerle, die ja wieder 15 m hochsteigen müssen, nicht zu schnell laufen müssen. An der richtigen Position angekommen, werden die dicken Leinen wieder hochgezogen und über die Poller gelegt.

Der Aufenthalt in jeder der drei Kammern dauert etwa 45 Minuten und so verschwindet das Tageslicht im Laufe der Schleusungen. Die Schleusen sind von grossen Flutlichtscheinwerfen hell ausgeleuchtet. In Kombination mit dem strömenden Regen ergibt das eine ganz spezielle fast surreale Stimmung. Vor allem Loic ist hellauf begeistert wie er tropfnass im Regen draussen steht: „This is like in a movie!!“ Und das hat was, denn ausserhalb unseres hell erleuchteten „Universums“ ist es pechschwarze Nacht.

Um 19:30 Uhr geht das letzte Schleusentor auf, wir lösen unser Päckchen auf und fahren in der Dunkelheit in den Gatunsee rein. Entlang der rot leuchtenden Fahrwassertonnen geht es noch eine halbe Stunde zum Übernachtungsplatz an einer grossen Boje.

Festgemacht an der Boje gibt es für alle ein ausgiebiges Abendessen, welches Biggi und Veronika in der letzten Schleusenkammer zu kochen angefangen hatten. Und was könnte es denn auf CHILI anderes sein als eben – ein CHILI con Carne! Nach dem Essen wird Sergio abgeholt und wir richten uns für die Nacht ein. Kurz nach zehn sind schon alle am Schlafen, war wohl doch etwas viel Aufregung heute…


Am nächsten Morgen um acht kommt der neue Pilot – Eduard – an Bord und kurz darauf sind wir schon wieder unterwegs. Zuerst tuckern wir etwa fünf Stunden durch den Gatunsee. Unterwegs gibt es zuerst belegte Brötchen zum Frühstück und später frisch aufgeschnittene Ananas als Snack. Das Fahrwasser mäandert durch eine interessante Dschungellandschaft und immer wieder begegnen wir riesigen Frachtschiffen auf Tuchfühlungsdistanz. Ist schon eindrücklich, wenn so ein Ozeanriese ganz nah vorbeifährt.



Gegen Mittag kommen wir bei der ersten Schleuse, den Pedro Miguel Locks an, wo wir uns wieder mit der gleichen Yacht wie gestern zu einem Päckchen zusammenschnüren.


Beim Runterschleusen fahren die Yachten VOR dem Frachter in die Schleusenkammer und werden unmittelbar vor dem Tor festgemacht. Dann kommt der Ozeanriese – dieses Mal ein riesiger Autofrachter, der wirklich die ganze Schleusenbreite beansprucht – GAAAANZ langsam reingefahren. Es ist ein etwas mulmiges Gefühl, wenn er immer näher und näher kommt und man überlegt sich unwillkürlich was wäre, wenn er nicht rechtzeitig anhalten könnte… Aber er kann.



Und da das Ganze wirklich sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, geniessen wir in aller Ruhe unser gemeinsames Mittagessen (Spiralnudeln mit einer hellen Hähnchensauce) festgemacht in der Schleusenkammer. Auf dem Nachbarschiff geht es kulinarisch offenbar eher karg zu und der Pilot schaut ganz hungrig zu uns rüber.

Pedro Miguel hat nur eine Kammer und danach geht es noch etwa 2 km bis zur Miraflores-Schleuse, die zwei Kammern hat, und wieder sind wir im Päckchen unterwegs. Aus mir unerfindlichen Gründen lässt die andere Yacht ihren Motor die ganze Zeit im Leerlauf und wir müssen das Päckchen mit unseren beiden Motoren manövrieren. Inzwischen haben wir kräftigen Rückenwind und auch eine mitlaufende Strömung. Da wir nicht schneller als 2 Knoten fahren sollen, habe ich alle Hände voll zu tun unseren Verband in der Mitte des Fahrwassers zu halten.

In der Miraflores Schleuse wird es dem Piloten auf dem anderen Boot schliesslich zu bunt und er frägt lautstark nach, wann es denn endlich was zu essen gäbe auf diesem Boot… Kurz danach läuft er mit einem Stück Kuchen an Deck rum und beneidet wohl seinen Kollegen Eduard, der an einem Müsliriegli knabbert und satt und zufrieden bei uns im Cockpit sitzt…

Und dann ist es endlich soweit – das letzte Schleusentor geht auf und vor uns liegt der Pazifik! Ein letztes Mal konzentriert fahren, denn die Stromwirbel die entstehen, wenn das salzige Pazifikwasser sich mit dem Süsswasser vom Gatunsee und dem Kanal vermischt, sind heftig und zerren unser Päckchen einmal rechts und einmal links weg. Endlich lösen wir das Päckchen auf und jeder fährt alleine weiter.


Es ist (wieder) ein unbeschreibliches Gefühl unter dem Wahrzeichen vom Panamakanal – der „Puente de las Américas“ – durch zu fahren. Nach der langen Anspannung lässt auch meine Konzentration nach und ich fahre etwas zu entspannt entlang dem Tonnenstrich bis ich beinah in eine grosse Fahrwassertonne reinfahre! Zum Glück sass die halbe Crew vorne im Netz und warnte mich im allerletzten Moment lautstark. Das wäre es noch gewesen, ohne Probleme durch den ganzen Panamakanal und dann eine Fahrwassertonne rammen… Eduard meint nur: „I said keep close to the bouys – but not THAT close…“

Um etwa drei Uhr nachmittags fällt der Anker in der Bucht vor La Playita. Grosses Danke und Tschüss sagen und dann bringe ich die Crew und die grossen Fender und Leinen in mehreren Etappen mit dem Dinghy an Land.

Und dann sind wir wieder zu zweit alleine an Bord und lassen das Erlebte bei einem Ankerbier vorne im Netz Revue passieren.

Es ist fast nicht zu glauben, aber wir sind tatsächlich im Pazifik angekommen!

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