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Autor: Jan Bratt

Karim und Aschenbrödel

Karim und Aschenbrödel

15.11.-02.12.2021 La Gomera – La Palma – El Hierro, Logstand seit Start: 2511 Seemeilen

Wir sind vor ein paar Tagen in Bequia angekommen, wieder online und gehen zurück zum 15. November 2021.

Nach der ersten Nacht vor Anker an der Südspitze von Lanzarote war uns klar, dass wir hier nicht allzu lange bleiben wollten. Die Bucht war zwar schön anzusehen, aber so rollig, dass wir uns vor Anker wie beim Segeln vorkamen. An Land zu gehen war bei den Brechern am Strand auch ausgeschlossen wenn wir nicht das Risiko eingehen wollten mit dem Dinghy zu kentern. Also fragten wir bei den nächsten Häfen auf unserer Route nach Südwesten wegen einem Liegeplatz an und bekamen überall die gleiche Antwort (so sie denn überhaupt antworteten) «Sorry we’re full!». Es war Hochsaison und offenbar gar nicht so einfach einen Hafenplatz für einen Katamaran zu bekommen. Nachdem wir auf La Gomera eine Zusage bekamen (allerdings für max. 7 Tage) beschlossen wir, unseren ursprünglichen Plan per Inselhopping durch die Kanaren zu segeln, aufzugeben. Stattdessen gingen wir nun in einem Schlag auf direktem Weg, vorbei an Fuerteventura, Gran Canaria und Teneriffa nach La Gomera, zu unserem geplanten Endziel vor der Atlantiküberquerung. Dann geht es halt eine Woche früher rüber als ursprünglich geplant, aber das war uns eigentlich auch recht. Und wir freuten uns auf ein paar Tage Sightseeing auf La Gomera als Ausgleich für den ausgefallenen Inselhoppingtörn.

Bye, bye Lanzarote

Nach einer sehr ruhigen Nachtfahrt, meistens unter Motor, da die Winde zu schwach waren um unter Segel rechtzeitig bei Tageslicht anzukommen, legten wir uns am Nachmittag des 18. November in den letzten freien Katamaranplatz in San Sebastian auf La Gomera. Jetzt hatten wir sieben Tage Zeit um das Boot atlantikklar zu machen und noch ein wenig von La Gomera zu sehen.

Unser Liegeplatz für sieben Tage in La Gomera

Auf der Überfahrt dorthin war mir ein komisches Quietschen im Mast aufgefallen. Jedes Mal, wenn der Wind das Vorsegel blähte hat es im Masttop gequietscht. Das musste unbedingt vor der Atlantiküberquerung angeschaut werden. Am Freitag konnten wir einen Riggspezialisten auftreiben, der am Samstagmittag in den Mast hochgehievt wurde. Der Grund für das Quietschen war schnell gefunden und mit etwas Fett behoben, aber was er noch entdeckte, hat uns fast die Sprache verschlagen: Der Bolzen, der die Umlenkrollen für das Grosssegelfall und die Dirk (beides Seile, die elementar sind, um das Grosssegel verwenden zu können bzw. den Grossbaum daran zu hindern runter zu fallen), war schon halb draussen. Beide Umlenkrollen waren rausgefallen und die Seile hingen nur am Bolzenrest bzw. am Ausschnitt im Alumast. Beide Seile waren schon ziemlich schwer beschädigt und kurz vor dem Brechen und es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen bis uns entweder das Grosssegel geklemmt hätte oder der ganze Baum runtergefallen wäre. Wie den Galliern der Himmel wäre uns womöglich der Baum auf den Kopf gefallen und zwar höchstwahrscheinlich irgendwann während der Atlantiküberquerung… Nach einigen Stunden Aufwand waren wir nicht nur emotional, sondern auch um ein paar Hundert Euro erleichtert, aber hatten dafür das gute Gefühl einen Schaden rechtzeitig entdeckt und behoben zu haben, um schlimmeres zu verhindern.

Bilder einer drohenden Katastrophe im Masttop

Für Dienstag hatten sich Freunde aus Deutschland, die gerade auf Teneriffa Ferien machten, bei uns zu Besuch angemeldet. Sie wollten mit der Fähre rüberkommen und wir würden zusammen eine Wanderung machen. Das liess uns noch zwei Tage Zeit, um das inzwischen leck geschlagene Beiboot zu flicken und die noch fehlenden Lebensmittel für die Atlantiküberquerung einzukaufen. Als Abfahrtstermin war Donnerstag, der 25. November geplant.

Bei Gesprächen mit anderen Seglern war plötzlich die Rede von einem herannahendem Sturm. Das hat mich bewogen, schon am Wochenende die Wetterprognosen zu studieren. Und tatsächlich: Ein für diese Jahreszeit und die Gegend völlig untypischer Tropensturm war im Anzug. Das rotierende Tief «Karim» sah alles andere als lustig aus. In den Kanaren wurde für Teneriffa, La Gomera, La Palma und teilweise Gran Canaria «Warnstufe Gelb» ausgesprochen. Es wurde vor Windstärken mit bis 60 Knoten (ca. 110 km/h) und bis zu vier Meter hohen Wellen gewarnt. Und das sollte kurz nach unserer geplanten Abfahrt über die Kanaren und damit zwangsläufig auch über uns draussen auf dem Atlantik hereinbrechen. 

Zitat von Sebastian Wache von Wetterwelt.de, Windstärken und Wellenhöhen in der Wetterapp

Also mussten wir schauen, welche Optionen uns blieben. Bewusst in den Sturm reinlaufen – No Way! Ein Sprichwort sagt: Es gibt alte und es gibt mutige Segler. Es gibt aber keine alten mutigen Segler. Also – No Way! Im Hafen San Sebastian bleiben ging auch nicht, da uns – trotz der Sturmwarnung! – keine Verlängerung gewährt wurde. Der einzige Hafen, der noch Platz hatte und uns eine Reservation anbot war Santa Cruz auf La Palma. La Estaca auf El Hierro hat gar nicht geantwortet, wäre wohl aber noch frei gewesen. Bei der Wettervorhersage auf gut Glück nach El Hierro zu segeln war uns aber zu riskant und wir entschieden uns für La Palma. Der Vulkan war ja weit auf der anderen, westlichen Inselseite und der Hafen und der Flughafen an der Ostküste waren ja offen.

Um bei den noch schwachen südlichen Winden nach La Palma zu kommen, haben wir uns schweren Herzens entschieden, den Freunden samt Ausflug abzusagen und sind frühmorgens am Dienstag, den 23. November nach La Palma gefahren. Die See war spiegelblank und kein Windhauch hat die Wasseroberfläche gekräuselt. War das die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm?

Kurz vor La Palma wurde RARE BREED das erste Mal mit Vulkanasche gepudert… Wenn wir da schon gewusst hätten was uns die nächsten Tage bevorstehen sollte, ich weiss nicht, ob wir nicht lieber den Sturm genommen hätten?

Masken gegen Vulkanstaub sowie Corona in La Palma

Der Vulkan liegt südwestlich von Santa Cruz und die ganze Aschewolke hing über die Stadt. Man konnte förmlich zuschauen, wie alles langsam von der runterrieselnden Vulkanasche schwarz wurde. Am ersten Abend haben wir das Schiff bis lange nach Einbruch der Dunkelheit mit Wasser abgespritzt, um die Asche von Bord zu bekommen. Als wir am nächsten Morgen aufwachten war wieder alles voll. Und so ging es vier Tage lang bis der Wind endlich auf Nordost kehrte. Am Mittwoch nach unserer Ankunft war es wenigstens noch warm und sonnig, aber danach fielen die Temperaturen und es setzte ein Dauerregen ein, der uns die restliche Zeit auf La Palma begleiten sollte. Entgegen meiner naiven Vermutung, dass der Regen die Situation verbessern würde, geschah das genaue Gegenteil – er wusch noch mehr Asche aus der Luft und unser Boot versank im schwarzen Regen.

Asche, Asche, Asche….
Paddington Bär?
Schwarzer Ascheregen
Regenbogen im Hafen von La Palma
Raindrops keep falling on my head…
Santa Cruz de La Palma ist für seine verschnörkelten Balkone bekannt
Stadtbummel bei „Traumwetter“….

Da wir an der Situation sowieso nichts ändern konnten, haben wir uns wenigstens zwei Mal ein Auto gemietet und konnten endlich mal etwas Sightseeing machen. La Palma ist wunderschön! Wir sind auf unserer Nordtour durch Urwälder aus Lorbeerbäumen und Farnen gewandert und bestaunten die grössten Pinienwälder Europas.

Impressionen vom nördlichen Teil von La Palma

Wir erkundeten mit einem Fiat 500 (eine Rakete! Bergauf im 2. Gang mit 30 km/h) auf der Südtour die überall vorhandenen Bananenplantagen, besuchten schwarze Vulkanstrände und Felsen und picknickten mit Stechmücken und unzähligen roten Krabben am Strand von El Aljibe.

Unsere Rennsemmel trug uns (wenn auch mit spürbarer Anstrengung) um den Südteil von La Palma
Bananen soweit das Auge reicht
Alles Banane oder was?

Und wir sind nachts auch in die Nähe des Vulkans Cumbre Vieja gefahren, um die Lavaströme und den Ausbruch live zu sehen. Extra «Vulkantourismus» zu betreiben finden wir fragwürdig, aber da wir schon hier waren, wollten wir uns dieses einmalige Naturschauspiel nicht entgehen lassen. Es war übrigens erstaunlich, wie «cool» und gelassen die Leute auf La Palma mit dem Vulkanausbruch umgingen. Niemand wirkte nervös oder ängstlich, das Leben schien seinen normalen Gang zu gehen (bis auf die Tatsache, dass die Leute hier konsequent auch draussen Maske trugen), wenigstens auf der Ostseite der Insel. Bei den Menschen, die näher am Vulkan leben, die Gase und Asche aushalten müssen oder womöglich sogar ihre Häuser und Lebensgrundlagen verloren haben sieht das natürlich anders aus. Diese Leute tun einem unheimlich leid und es ist nur zu hoffen, dass es bald ein Ende hat und die gespendeten und gesammelten Hilfsgelder sinnvoll eingesetzt werden können. (Aktuelle Meldung: Seit 25. Dezember 2021 ist der Vulkanausbruch laut Behörden offiziell beendet – Dauer der Eruption 85 Tage und 18 Stunden) 

Eruption, Lavaströme und „glühende“ Wolken
Der Rauch vom Vulkan hing sogar im Tunnel

Karim – ach ja, der hat sich übrigens «in Luft aufgelöst» und aus den angesagten Sturmwinden wurde nur ein manchmal etwas frischer Wind. Wenn wir das vorher gewusst hätten…

Während der Tage auf La Gomera und La Palma kam uns immer öfter der Gedanke, die Atlantiküberquerung um ein Jahr zu verschieben und stattdessen ein Jahr die Kanaren zu bereisen. Es gab hier soviel Schönes und wir hatten bis jetzt noch fast nichts davon gesehen. Seit dem Losfahren im Juni waren wir ständig unter Druck weiter zu kommen oder hatten die Hafenzeiten für Reparaturen und Besorgungen verwendet. Urlaub, Land und Leute kennen zu lernen ist immer viel zu kurz gekommen. Wir waren – so komisch es manchem vielleicht vorkommen mag – ausgelaugt und gestresst. Die Vorstellung, ein paar Monate hier zubleiben war durchaus reizvoll. Was uns aber schlussendlich dazu bewog doch weiter zu fahren, war die Tatsache, dass es eben nicht nur ein paar Monate, sondern ein ganzes Jahr hier werden würde. Wegen der Wirbelstürme im Sommerhalbjahr macht es keinen Sinn mehr in die Karibik zu segeln und zu den Azoren oder ins Mittelmeer wollten wir jetzt (noch) nicht. Und schlussendlich hatten wir uns und das Boot so gut auf diese Überquerung vorbereitet, dass es irgendwie schade gewesen wäre, sie jetzt nicht zu machen.

Also doch über den Atlantik, aber vorher mussten wir irgendwie diesen ganzen Aschestaub loswerden. Inzwischen sah auch das Wetter wieder gut aus. Also wurde geplant. 

Wegen Corona muss man schon vor der Abfahrt diverse Anmeldungen und Dokumente an den Zielort in der Karibik schicken. Je nach Land sind die Formalitäten unterschiedlich, aber allen gemeinsam ist, dass nur vollständig Geimpfte MIT einem negativen PCR-Test, der frühestens 72 Stunden vor dem Verlassen des Abfahrtshafens gemacht werden muss, reingelassen werden.

Die Papiere von den spanischen Behörden für die Karibik mussten besorgt, ein PCR-Test gemacht werden und zwar alles nicht länger als 72 Std vor Abfahrt. Tricky, da alles nur mit Voranmeldung über spanische Webseiten möglich war. Am Montagmorgen, am 29. November haben wir ausklariert, am Mittag den PCR-Test gemacht und am Dienstag vor Sonnenaufgang sind wir Richtung El Hierro ausgelaufen.

Ausfahrt aus Santa Cruz de La Palma vor Sonnenaufgang

Als wir nach einer schnellen (Rückenwind :-)) Reise nachmittags in El Hierro ankamen, kamen auch die Mails mit den Resultaten der PCR-Tests an. Bingo, die Rechnung ist aufgegangen! Dienstagabend und der Mittwoch gingen drauf, um RARE BREED innen und aussen zu putzen, inkl. alle Segel, Leinen usw. vom besagten Aschestaub zu befreien. Als Stegnachbarn hatten wir Peter und Judith von der FANTASEA, mit denen wir uns auf Anhieb sehr gut verstanden haben. Es ist immer schön, dass die Kontakte unter Langfahrtseglern so schnell geknüpft sind. Man hat ja nur wenig Zeit um sich kennen zu lernen, aber für ein gemeinsames Mittagessen und abendlichen Klönschnack hat es gereicht.

Die FantaSea mit Peter und Judith

Die meisten Boote hier waren entweder lokale Boote oder Langfahrtsegler, die sich auf die Atlantiküberquerung vorbereiteten. Jeden Tag liefen zwei bis drei Boote aus und wurden von den anderen mit Jubelgeschrei und Gehupe verabschiedet. 

Zwei Stunden vor Abfahrt

Am Donnerstag, den 2. Dezember um 14 Uhr – genau 73 Std nach den Tests (fast geschafft, aber unser «Abwaschstopp» in El Hierro war ohnehin incognito ;-)) sind auch wir unter lautem Abschiedsgetröte von den anderen Booten zur Atlantiküberquerung ausgelaufen. Ca. 2’800 Seemeilen (etwa 5’200 km) bis Bequia in den Grenadinen lagen vor uns.

Es geht los – Karibik wir kommen!

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Aus aktuellem Anlass…

Aus aktuellem Anlass…

…unterbrechen wir die gewohnte chronologische Berichterstattung um euch darüber zu informieren, dass wir morgen von El Hierro aus zur Atlantiküberquerung ansetzen. Wir rechnen mit einer Reisedauer von ca. drei Wochen. Wenn alles klappt, melden wir uns in gewohnter Form, wenn wir drüben angekommen sind (und eine lokale SIM-Karte besorgt haben).

Die Vorhersage aus dem Wetter Routing Programm sieht gut aus. Mal sehen, ob das Wetter sich auch daran hält…

Als Erinnerung – man kann unsere aktuelle Position entweder auf https://share.garmin.com/SVRareBreed oder https://forecast.predictwind.com/tracking/display/RareBreed/ verfolgen.

Wir wünschen euch allen eine wunderschöne Adventszeit!

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Do the To-Do-List!

Do the To-Do-List!

29.10.-14.11.2021 – Lanzarote

Den Liegeplatz in der Marina in Lanzarote haben wir bis zum 15. November bezahlt, also blieben uns ziemlich genau zwei Wochen nach unserer Ankunft Ende Oktober, um unsere To-Do-Liste abzuarbeiten, bevor wir wieder loswollten.

Der Sattler, der unser Bimini (Stoffabdeckung über dem Cockpit) bis zu unserer Rückkehr hätte fertigmachen sollen, hatte das alte Bimini zwar abgenommen, aber das Neue war – was zu erwarten war – natürlich noch nicht fertig: „Waaas, ihr seid schon hier, ich dachte, ihr kommt erst im November?!?“. Das Wetter war wunderschön sonnig und windstill, was nach dem Morgenfrost der letzten Tage in Bayern hochwillkommen war, aber so ganz ohne Beschattung stieg das Thermometer im Bootsinneren teilweise auf über 35°! Das war dann des Guten doch etwas zu viel. Ja, ja ich weiss, bei den meisten Lesern wird das angesichts des Novemberwetters zuhause nur mässiges Mitleid auslösen ;-).

Die vielleicht dringendste Aufgabe nach der Rückkehr: Das Boot aussen vom allgegenwärtigen Saharasand und Staub zu befreien, damit wir das nicht dauernd ins Boot schleppten. Da Sand bekanntlich den Gesetzen der Schwerkraft gehorcht, bin ich mitsamt Wasserschlauch in den Mast hochgeklettert und habe von oben runter alles wo ich hinkam abgespritzt, um danach mit dem Deck weiter zu machen. Wenn ich damals schon gewusst hätte, wieviel schlimmer Vulkanasche als Sand ist, hätte ich diese Arbeit wohl genossen.

Um Platz im Boot zu schaffen, wurde alles was an Deck gehörte, wie die Rettungsinsel, Rettungskragen, Leinen und auch die Segel so schnell wie möglich raus- und wieder angebracht bzw. angeschlagen.

Danach ging es innen weiter. Es hatte sich bei längerer Motorfahrt immer etwas Wasser im rechten Motorraum angesammelt, nicht viel, aber ich wollte die Ursache finden. Also haben wir die ganze Gästekabine ausgeräumt, damit ich an die Rückwand und an den dort befindlichen Deckel zum hinteren Teil des Rumpfes rankam. Dort verläuft der Abgasschlauch und dessen Ende, welches zum Motorraum hinging hatte tatsächlich Spuren von einem Leck. Das heisst, das Wasser kam nicht von aussen rein, sondern wurde vom Motor während des Laufens „produziert“. Seitdem die Schlauchschellen vom Abgasschlauch nachgezogen sind, scheint es jetzt dicht zu sein – toi toi toi, dass es so bleibt.

Als wir eh schon an diesem schlecht zugänglichen Ort waren, hat Biggi gleich in mühevoller Kleinarbeit den verrosteten Ruderquadranten entrostet und geschmiert.

Vorher – nachher!

Unsere Dauerbeschäftigung – Lebensmittel bunkern und umstauen – kam auch dieses Mal nicht zu kurz. Wollten wir jetzt doch das Boot im Hinblick auf die Atlantiküberquerung und die Zeit in der Karibik fertig verproviantieren. Konserven und Grundnahrungsmittel haben wir immer noch mehr als genug vom Rieseneinkauf in Neustadt an Bord, jetzt ging es mehr um „Details“ wie spanischer Rotwein, Olivenöl usw. Insbesondere der Wein war ein Thema. Da Flaschen an Bord aus gewichtsgründen generell vermieden werden, hatten wir meistens Wein in Kartonboxen an Bord. Komischerweise gab es aber davon fast keinen mehr in der Bilge (der Raum unter den Bodenbrettern – quasi der Keller). Aber hier in Spanien gibt es den bei Seglern wohlbekannten „Don Simon“ in Einliterbriks mit Schraubverschluss. Nach einer Verkostung wurde von der gesamten Mannschaft einhellig entschieden zulasten vom Bier den vorhandenen Stauraum eher mit Rotwein zu füllen. Dass wir bereitwillig weniger Bier mitnehmen hat einen guten Grund: Während unserer Abwesenheit sind mehrere Dosen vom „Faxe“-Bier in der Bilge leck geschlagen und ausgelaufen. Die ausgelaufene Sauerei stank zum Himmel und hat zu einer explosionsartigen Vermehrung von Fruchtfliegen geführt. Noch Tage nach dem Reinigen schwirrten die ungebetenen Gäste im Schiff rum. Unser Vertrauen in Bierdosen ist seither etwas angeknackst.

Wie schon im Sommer war auch jetzt kein Mietwagen zu bekommen und so fiel einerseits das erhoffte Sightseeing aus, aber auch die Einkäufe mussten alle zu Fuss angeschleppt werden. Während ich an Bord oder mit Handwerkern beschäftigt war, ist Biggi daher mit dem Rucksack zum Einkaufen gelaufen. Da die Läden teilweise kilometerweit weg waren, hat sie sich gehörig abgeschleppt. Als die wichtigsten Sachen an Bord erledigt waren, sind wir zusammen losgetigert und haben insgesamt drei (!) Touren zum örtlichen Ikea („nur“ 3.5 km weg von der Marina) gemacht, um dort unter anderem neues Geschirr und grosse Plastikboxen zu besorgen. Fünf grosse Boxen passen perfekt in den grossen Stauraum zwischen Wassertank und Salonsitzbank und damit sind unsere Sachen besser organisiert. Der Clou war wohl, als wir im lokalen „Mediamarkt“ neben dem Ikea noch einen Brotbackautomaten kauften und zu Fuss zur Marina geschleppt haben. Wieso einen Brotbackautomaten an Bord, wird sich jetzt wohl mancher fragen? Ganz einfach: Wir haben in der Regel mehr als genug Strom und laden die Batterien mit den Sonnenzellen täglich neu auf. Unser Gasofen wird – wie der Name sagt – mit Gas betrieben, welches wir jeweils nachkaufen müssen. Daher kochen (und jetzt auch backen) wir soweit irgend möglich nur noch elektrisch. Als positiver Nebeneffekt heizt sich der Innenraum vom Boot nicht so auf und wir haben weniger Sorgen vor einem allfälligen Gasleck. Mit dem kleinen Induktionskochfeld, dem Wasserkocher und der Microwelle sind wir – also eigentlich Biggi ­– in der Lage, fast jedes Gericht zu kochen.

Backautomatenbrot und sonstige kulinarsche Verwöhnungen an Bord

Zurück zum Sattler: Als der schliesslich das neue Bimini gebracht hat, war es natürlich noch nicht ganz perfekt und so ging es dann schlussendlich anderthalb Wochen und x Besuche an Bord bis alles fertig war. Zusätzlich zum Bimini haben wir uns zwei weitere kleine Sonnendächer und Sonnenabdeckungen für die Fenster, wo wir keine Sonnenblenden hatten, anfertigen lassen. Die schrägstehenden Fensterflächen sind in nördlichen Breiten toll, hier im Süden führen sie zu einer enormen Aufheizung des Innenraumes. Die zusätzlichen Abschattungen machen einen erstaunlichen Unterschied aus.

Wir hatten im Vorfeld zuhause aus Resten von Tauwerk sogenannte Tausendfüssler oder Baggywrinkles geflochten. Diese lagen immer noch an Bord und jetzt war es an der Zeit sie anzubringen. Das sind ca. zwei Meter lange Fransengirlanden, welche von unten nach oben um die Wanten (Metalldrähte, die den Mast daran hindern seitlich umzukippen) gewickelt werden, um zu verhindern, dass das Gross-Segel sich gegen das Metall reibt. Durch die konstante Bewegung und Reibung zwischen Tuch und Metall während langer Segelpassagen wird jedes Tuch zerstört. Man muss zuerst rausfinden, wo genau sie hinmüssen, denn sie werden nur dort angebracht, wo das Segel anliegen würde. Wenn sie angebracht sind, sieht es ein bisschen wie längliche Wattebausche oder Vogelnester aus. Das Anbringen selber ist eine Fleissarbeit, welche sitzend in einem Bootsmannsstuhl (ein Sitz der durch ein Seil nach oben in den Mast gezogen werden kann) gemacht wird. Genau wie alle Arbeiten im Rigg bedingt sie eine gewisse Schwindelfreiheit – ähm – die mir aus unerfindlichen Gründen abhanden gekommen ist. So muss ich mich für jede Arbeit dort oben regelrecht überwinden. Ich hoffe, dass ich das mit der Zeit wieder hinbekomme. Und so war ich froh, als das alles endlich erledigt war.

An den grossen Luken montierten wir eine Edelstahlgewindestange als Einbruchschutz. Es ist zwar kein 100%-er Schutz, aber genug, um zu verhindern, dass jemand unbemerkt durch die Luke ins Schiff einsteigt. So können wir die Luken zum Lüften offenlassen, während wir schlafen.

Jetzt hat Rare Breed endlich auch den Heimathafen angeschrieben.

Dazwischen lag noch Biggi‘s Geburtstag. Mit der Ukulele, die ich tatsächlich in Arrecife auftreiben konnte, erfüllte ich ihr einen unausgesprochenen Wunsch. Wobei „in“ Arrecife wohl etwas übertrieben ist, denn der Laden lag in einem Industriegebiet weit ausserhalb des Stadtzentrums. Aber Bewegung ist gesund und davon hatte ich weniger als Biggi in den letzten Tagen. Auf meiner Tour entdeckte ich nebenan einen Decathlon und so sind wir tags darauf zusammen losmarschiert, um ein SUP mit Pumpe und Paddel, ein Neopren-Shorty, Flossen, Brille und Schnorchel für Biggi und je einen Bleigurt inkl. Gewichte zu kaufen. Als wir schwerbeladen zum Laden raus sind und Biggi meinte, dass wir damit die 4 bis 5 km zum Hafen laufen, habe ich gestreikt und auf ein Taxi beharrt! Alles hat seine Grenzen!

Happy Birthday to you!!

Langsam war ein Ende in Sicht. Die letzten beiden offenen Punkte auf der To-Do-Liste: Wäsche waschen und den Aussenborder fürs Beiboot testen. Wie testet man einen Aussenborder? Man lädt die Mannschaft zu einer kleinen Hafenrundfahrt mit dem Schlauchboot ein. Das Schlauchboot war seit Reiseanfang nie zum Einsatz gekommen, hing schlapp in der Aufhängung und musste erstmal richtig aufgepumpt werden. Dann den Motor hinmachen und es konnte losgehen. Der Motor war in Fehmarn frisch gewartet worden und somit würde das eine reine Vergnügungsfahrt werden. Denkste! Das Biest ist erst fast nicht angesprungen und dann, schon nach wenigen Metern unvermittelt wieder verstummt.  Erinnerungen an eine traumatische Beibooterfahrung aus den Dänemarkferien vor zwei Jahren wurden plötzlich wach… Aber er war doch frisch gewartet worden? Irgendwie konnte ich ihn wieder ankriegen und wir sind mutig weiter raus in den Vorhafen getuckert, bis der Motor nach ein paar Minuten endgültig schlapp machte und sich auch nicht mehr starten liess. Einfach tot, und dabei war er doch erst ca. 15 Jahre alt! So ein Mist. Reparieren fiel aus (hier wollten wir definitiv kein Geld mehr reinstecken!) und ohne Motor, wären wir künftig am Ankerplatz verloren. Es ist nahezu aussichtslos ein Schlauchboot gegen Wind und Welle zu rudern bzw. zu paddeln (…im Hafen geht’s J). Ein neuer Aussenborder musste her und zwar subito. Entgegen den Aussagen von Arrecifekennern: „Hier bekommst du das nicht, alles ausverkauft!“ hatten wir Glück und ein Laden hatte tatsächlich einen neuen 3,5 PS Mercury an Lager. Und sogar zu einem absolut fairen Preis. Es hat sich seither mehrfach gezeigt, dass man nicht immer die Aussagen der alteingesessenen Yachties für bare Münze nehmen soll, sondern besser selber recherchiert und rum frägt. Am nächsten Vormittag konnte ich den frisch in Betrieb genommenen Motor in Empfang nehmen und bekam obendrauf eine gründliche Einführung in dessen Bedienung, zwar auf Spanisch und mit Händen und Füssen, aber durchaus verständlich. Die Lieferung im Uraltlastwagen umfasste sogar einen extra Tankstopp, um die neu erstandenen Benzinkanister zu füllen. Die versprochene Hafenrundfahrt führte mit dem neuen Motor doch noch zu einem Happy End J. Der alte Motor wurde mir beim Entsorgen von einem Spanier, der sich immer im Hafen rumtrieb regelrecht aus den Händen gerissen. Ich hoffe, er weiss auf was er sich da einlässt…

Am Sonntagvormittag, am 14. November – ein Tag vor Plan – liefen wir endlich aus dem Hafen aus. Nur ein kurzer Sprung um die Südspitze von Lanzarote zu einem Ankerplatz vor einem Sandstrand. Dort wollten wir ein bisschen Ferien machen und die Rümpfe und Propeller vom Bewuchs durch das lange Stillliegen im Hafen reinigen.

Danach sollte es in gemütlichen kleinen Sprüngen von Insel zu Insel durch die Kanaren Richtung SW gehen. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt, aber dazu im nächsten Beitrag mehr.

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Von zuhause ins Daheim

Von zuhause ins Daheim

25.08.-29.10.2021, Schweiz, Schweden & Bayern

Ja! Nach langem mal wieder ein Blog-Eintrag. Seit dem letzten ist jedoch so viel passiert, dass wir es in mehrere Beiträge aufteilen.

Ende August habe ich RARE BREED in der Marina Lanzarote in Arrecife zurückgelassen und bin mit Annika und Lynne zurück in die Schweiz geflogen. Nach fast drei Monaten an Bord war es schon speziell wieder zurück in die Schweiz und die eigene Wohnung zu kommen, vielleicht auch, weil es dieses Mal definitiv die letzten Monate in der Schweiz sein würden.

Ich bzw. wir hatten das enorme Glück, einen wunderschönen goldenen Herbst in der Schweiz und später auch in Bayern erleben zu dürfen. So fiel es uns fast schon ein wenig schwer alles aufzulösen, war es doch noch sooo schön zuhause.

Die letzten Wochen in Nänikon geniessen
Wanderung mit guten Freunden im Glarnerland

Die Zeit bis Mitte Oktober – während Biggi noch ihre letzten Arbeitstage absolviert hat – habe ich dazu verwendet nochmals auszumisten, eine Reise nach Schweden zu meinem Vater zu machen und mich in der Schweiz ein letztes Mal mit Freunden zu treffen.

Sommerliches Idyll in Värmland
Mein Vater und Lena im Sommerhaus

Am Samstag den 16. Oktober gab es eine Abschiedsparty bei uns zuhause. Das Wetter hat auch da voll mitgespielt und so konnten wir sogar noch draussen auf der Terrasse feiern.

Vorbereitung ist alles!
Das schöne Wetter hat Durst gemacht 😉

Danach ging es Schlag auf Schlag: Biggi hatte am 18. ihren letzten Arbeitstag, der 19. war mit Packen, Notartermin und vielem anderem gut gefüllt. Am 20. holten wir den Lieferwagen ab und brachten ein paar Schränke zu meiner Mutter zum Einlagern. Am 21. wurde der Lieferwagen gepackt und noch zwei Autoladungen Sachen zum Entsorgen bzw. in die Brockenstube befördert. Spätabends war die Wohnung bis auf die Matratzen und Handtücher geleert und wir waren fix und fertig und vor allem hungrig. Noch schnell zum Stamm-Italiener etwas essen – als wir feststellten, dass Biggi barfuss war und alle ihre Schuhe entweder eingepackt oder in den Müll gegeben hat… In einer Nacht und Nebel Aktion mit Stirnlampe bewaffnet wurde der bereits entsorgte Abfallsack nochmals aus dem Container gefischt und die vorschnell weggeworfenen Schuhe gerettet.

Die letzten Behördengänge.
Packen, packen und es hört nie auf…
… bis plötzlich die Wohnung leer(!) und dafür der Lieferwagen voll ist…
…und wir mit der restlichen Habe abfahren konnten.

Am 22. Oktober ging es frühmorgens los in Richtung Uffing am Staffelsee, wo wir die kleine Einliegerwohnung bei Biggi’s Schwester Sigi beziehen durften. Gegen Mittag kamen wir an und mit tatkräftiger Hilfe von Biggi‘s Bruder Thomas, Sigi und Sepp war der Lieferwagen ruckzuck leer. Unser Bett, das Sofa, ein paar Kleinmöbel und Kisten mit Kleidern und persönlichen Gegenständen hat die kleine Wohnung schnell gefüllt.

Die Einliegerwohnung in Uffing

Am Tag darauf kamen weitere Geschwister von Biggi an und am Abend wurde ein grosses Familienfest im Gasthof Lieberwirth in Schöffau gefeiert. Neben gutem Essen und den vielen netten Gesprächen wird uns vor allem das von Biggi’s Geschwistern vorgetragene Abschiedsständchen in guter Erinnerung bleiben. Super! Jaja, yippieyippie, Jej! Danke euch allen!!

Die Geschwisterschar.

Nach einer kurzen letzten Stippvisite in der Schweiz, um den Lieferwagen zurück zu bringen sind wir gleichentags wieder nach Uffing zurückgekehrt.

Blutroter Sonnenaufgang in Uffing

Die verbleibende Zeit bis zum Abflug haben wir mit Besuchen, Besorgungen und abends fröhlichen Runden im engsten Familienkreis verbracht. Das dabei die eine oder andere Flasche Wein, Bier oder Schnaps geleert wurde, hat zwar manchmal zu Brummschädeln geführt, aber vor allem sehr lustige Erinnerungen hinterlassen. Gell, Andi, das portugiesische Bier ist nicht mal so übel? 😉

Die von Beat mitgebrachten Dubler-Mohrenköpfe fanden auch in Uffing begeisterte Abnehmer!

An dieser Stelle nochmals ein riesen DANKESCHÖN an alle, die uns die letzten Wochen unterstützt, beschenkt und Zeit mit uns verbracht haben! Allen voran natürlich Biggi’s Verwandtschaft, die uns die Einliegerwohnung zur Verfügung gestellt hat.

Am 29. Oktober hat uns Sigi frühmorgens bei Minusgraden und Nebel zum Flughafen nach München gebracht – der goldene Herbst hatte sich punktgenau zu unserer Abfahrt endgültig verabschiedet.

Mit zwei Koffern von je (genau!) 30 kg und zwei Handgepäckstücken – die wir zum Glück nicht wiegen mussten – sind wir als erstes nach dem Einchecken in die Europa-Lounge und haben ein ausgiebiges Sektfrühstück genossen. So ein Business Class Flug ist schon was feines. Haben wir zwar „nur“ wegen dem Plus an Gepäck gebucht, aber wenn schon denn schon! Unterwegs gab es natürlich auch ein warmes Essen an Bord und wir sind pappsatt auf Lanzarote angekommen. Naja, während der letzten Wochen hatten wir sowieso schon zugenommen, indem wir ein letztes Mal all die feinen Sachen – wirklich ALLE – zuhause schlemmten, da kam es darauf auch nicht mehr an.

Sektfrühstück in der Business Lounge.

Nach einer kurzen Taxifahrt vom Flughafen zur Marina standen wir wieder vor RARE BREED. Sie schwamm friedlich so wie ich sie zwei Monate vorher verlassen hatte, naja fast: Sie war unheimlich schmutzig vom Saharasand und das Verdeck war weg. Aber ansonsten war alles bestens, sogar die Batterien hatten die lange Zeit ohne Ladung sehr gut überstanden. Da ich alles, was nicht niet- und nagelfest war unter Deck gebracht hatte, war auch ohne unser beeindruckendes Gepäck unter Deck alles vollgestellt. Nach einem beherzten Einsatz war wenigstens die Elektrik wieder in Betrieb, der Wassertank gefüllt und wir hatten ein Ort zum Schlafen.

Aber vor allem – es war angenehm warm und sonnig hier. Wir sind – nach jahrelanger Vorbereitung und Planung endgültig im Leben 2.0 angekommen. Von zuhause in unser neues Daheim auf RARE BREED.

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Familienbesuch und eine unangenehme Überraschung

Familienbesuch und eine unangenehme Überraschung

12.-29.08.2021, Marina Lanzarote, Arrecife

Nach den langen Segeletappen und erholsamen Tagen in der Bucht vor La Graciosa waren wir wieder in der Zivilisation bzw. einer etwas grösseren Stadt angekommen. Jetzt hiess es RARE BREED wieder etwas Pflege zukommen zu lassen, bevor wir sie für zwei Monate alleine in der Marina zurücklassen würden. Als erstes wurde sie gründlich mit viel Süsswasser abgespült und geschrubbt, dann kam der Innenraum dran und zum Schluss ging es den Klamotten an die Wäsche. 

RARE BREED – der grösste Wäscheständer der Welt? 🙂

Da wir nur wenige Tage Zeit hatten bis Biggi wieder heimfliegen musste, wollten wir natürlich auch gerne 1 bis 2 Ausflüge machen. Daher haben wir Vollgas gegeben und sofort mit den Arbeiten und Abklärungen angefangen. Nur um ziemlich schnell festzustellen, dass kein einziges verfügbares Mietauto aufzutreiben war. Wegen Corona hatten die Autovermietungen ihre brachliegenden Flotten massiv verkleinert und nun gab es dafür gar keine Autos mehr, obwohl es nur sehr wenig Touristen auf der Insel hatte. Ob da alles mit der Planung so durchdacht gewesen war…? Es blieb uns nicht viel mehr übrig als Arrecife zu Fuss zu erkunden. Die Inselrundfahrt muss warten, bis wir im Herbst zurückkommen.

City-Tour durch Arrecife. Wegen der Salzwasserlagune im Stadtzentrum auch „Venedig der Kanaren“ genannt.

Neben den Pflege- und Einwinterungsmassnahmen für RARE BREED haben wir natürlich auch den Luxus einer Marina in stadtnähe genutzt und die kulinarischen Seiten der Kanaren genossen.

Essen wie Gott in Spanien 😉

In den letzten Monaten haben wir bemerkt, wie die Leistungsfähigkeit des in Fehmarn neu installierten Inverters immer mehr abgenommen hat. Der Inverter zieht 12V Gleichstrom aus den Batterien und erzeugt daraus 220V Wechselstrom. Dies ermöglicht uns auch unterwegs oder vor Anker normale Haushaltgeräte wie Staubsauger, Wasserkocher, Microwelle, eine kleine Induktionskochplatte, aber vor allem auch die 220V-Wasserentsalzungsanlage zu betreiben. Das bedeutet natürlich einen grossen Stromverbrauch und dicke Kabel auf der Gleichstromseite. Mit den Lithiumbatterien und den grossen Sonnenzellen haben wir in der Regel Strom in Überfluss, aber dieser Strom muss mit möglichst wenig Verlust beim Inverter ankommen. Und genau das schien nicht mehr der Fall zu sein. Schon bei relativ kleinen Belastungen leuchtete die ”Low Battery”- oder sogar die „Overload“-Lampe auf. Ich vermutete, dass der Widerstand seit der Installation zugenommen hatte. Nur der wahre Grund war mir bis jetzt verborgen geblieben.

Die Batterien waren in einem verschlossenen Fach im Doppelboden des Cockpits untergebracht. Lithiumbatterien brauchen, im Gegensatz zu herkömmlichen Bleibatterien, eine ziemlich komplexe Regelelektronik, die ebenfalls in diesem Fach installiert war. Beim Öffnen des Faches hat mich fast der Schlag getroffen: Die nur wenige Monate alten Komponenten waren schwer korrodiert und kurz vor dem Kollaps! Irgendwie muss da Salzwasser reingekommen sein und sein zerstörerisches Werk in aller Stille unentdeckt vollbracht haben. Die Kabel und Anschlüsse waren zum Teil so schwer korrodiert, dass der Innenwiderstand immer grösser geworden sein muss. Die logische Konsequenz war, dass der Inverter über die Wochen hinweg immer weniger Spannung von den Batterien bekommen hatte.

Das Originalbatteriefach und die Spuren der Zerstörung – alle diese Teile sind gerade mal vier Monate alt!

Als die Batterien draussen waren, ist der Grund dafür zum Vorschein gekommen. Das Fach hatte hinten in der Ecke einen Schlauchstutzen der zur Unterseite des Brückendecks, also zur Wasseroberfläche hin, offen war. Die Werft hatte schlichtweg vergessen den oberen Teil (Ablauföffnung im oberen Cockpitboden mit einem Schlauch der auf diesen Stutzen hingehörte) zu montieren. So wurde das Fach regelmässig mit Salzwasser gesprayt, wenn Wellen von unten an den Cockpitboden geschlagen sind.

Der Übeltäter! Rechts die richtige Installation. (Da diese Teile alle über der Wasserlinie sind, sind keine doppelten Schlauchschellen nötig.)

Dieser von aussen schwer erkennbare Schlauchstutzen ist mir bei der Montage der Batterien diesen Frühling leider entgangen. Es ist wohl einfach bis jetzt niemandem aufgefallen, weil der Voreigner nur bei schönem Wetter unterwegs gewesen war und ich in der Ostsee auch keinen grösseren Wellen begegnet bin. Auf dem Atlantik sah das natürlich ganz anders aus.

Es war völlig klar, dass wir das so nicht einfach lassen konnten. Die Konsequenz wäre ein Totalausfall der Stromversorgung an Bord und zwar in erschreckend naher Zukunft. Die Vorstellung, mit einer solchen Ausgangslage über den Atlantik zu segeln will ich mir lieber nicht ausmalen… 

Die Leckstelle war schnell behoben, aber es blieb die Tatsache, dass die Batterien in diesem Fach weiterhin in einer sehr korrosiven Umgebung wären. Hier musste eine nachhaltige Lösung gefunden werden und – wenn wir schon dabei waren – auch die unbefriedigende Situation mit den zu langen und zu dünnen Batteriekabeln zum Inverter zu optimieren. Es war wieder soweit – RARE BREED musste wohl oder übel in eine Gross-Baustelle verwandelt werden. Hört das denn nie auf?

Wohnlich ist anders…

Die ganze Arbeit habe ich mit Chris, einem französischen Segler, der wegen Corona hier steckengeblieben war, geplant und gemacht. Chris hat mehrere Jahre in Schottland gelebt und spricht perfekt Englisch. Habt ihr schon mal einen Franzosen Englisch mit Schottischem Akzent sprechen hören – Yey? 

Als ehemaliger Elektroingenieur hat er sich hier schnell einen guten Ruf gemacht und war jetzt über beide Ohren mit Arbeit zugedeckt. Als er mein Debakel sah war ihm auch klar, dass wir hier unbedingt etwas machen müssen und hat zugesagt das mit mir zusammen die folgende Woche zu erledigen.

Das Ganze war insbesondere auch vom Timing her blöd, weil meine Tochter Annika mit ihrer Freundin Lynne zeitgleich für zwei Wochen zu Besuch kommen würde.

Die Mädels mussten sich in dieser Zeit irgendwie alleine vergnügen und möglichst wenig an Bord sein. Das war schlussendlich gar kein Problem. Sie haben sich Mieträder organisiert und die Strände und Kleiderläden in der näheren Umgebung unsicher gemacht. Die Taschen und Tüten mit einschlägigen Logos wurden immer häufiger irgendwo an Bord gesichtet und gefühlt jeden zweiten Tag wurde stolz ein neu erstandenes Kleidungsstück präsentiert. Insofern war meine Unabkömmlichkeit für ihre Selbstentfaltung wohl eher von Vorteil 😉

Die Mädels an Bord

Auch sonst haben die Mädels für frischen Wind gesorgt und ihre morgendliche Yoga Stunde auf dem Vordeck wurde auch von den Passanten auf der Hafenpromenade geschätzt.

Da die Pantry (für Nichtsegler = Schiffsküche) in diesen Tagen oft nur bedingt benutzbar war, „mussten“ wir ab und zu auswärts essen, aber für Fajitas und Spaghetti an Bord hat es trotzdem gereicht 😉

Foodies 😉

Und dann ging es unserem Stromproblem an den Kragen! Chris (voll der Optimist) meinte noch, dass die ganze Aktion in zwei Tagen erledigt sein würde. Ich (eher der Pessimist) bin sicherheitshalber von drei, vielleicht sogar vier Tagen ausgegangen. Gedauert hat es dann fünf.

Zuerst haben wir entschieden, dass die Batterien ein neues trockenes Zuhause in einer der Salonbänke bekommen würden. Folge: Minus ein Staufach für Lebensmittel. Daraus ergab sich, dass der Inverter neu in die vordere Gästekabine umgezogen werden musste, damit die Kabel von den Batterien zum Inverter so kurz wie irgend möglich sind. Mit diesen Vorgaben konnten wir die benötigten Kabellängen und anderes Material eruieren. Der erste Halbtag ging schon mal mit dem Besorgen des Materials drauf. Zum Glück hatte ich Chris (und er ein Auto) dabei, alleine wäre es schlicht weg unmöglich gewesen, all das Zeugs so schnell zu finden und zum Boot zu bringen.

Auch die Verfügbarkeit vom Material war nicht bei allem gegeben und so mussten wir manchmal etwas improvisieren und Sachen wie Sicherungshalter und elektrische Verteilerschienen selber herstellen. Die 70 mm2 dicken Batteriekabel zwischen den Batterien und dem Inverter hatten wir mit 2 mal 150 cm gemessen, im einzigen Laden mit dicken Kabeln gab es aber in dieser Dicke nur Kabel für 2 mal 145 cm (und noch dickere hatten sie gar nicht). Beim Holz war es dann umgekehrt, sie haben nur ganze Platten verkauft, obwohl wir nicht mal eine halbe benötigt hätten. Schlussendlich hatten wir aber alles zusammen und konnten loslegen.

Das neue Zuhause der Batterien und das benötigte Material
Do It Yourself Sicherungshalter und Verteilerschienen
PS: Die Edelstahlbolzen im Sicherungshalter wurden mangels anderem Material in Arrecife nur als temporäre Lösung verwendet. Sie werden im Herbst gegen solche aus Messing ersetzt, um die benötigte Leitfähigkeit sicher zu stellen.

Jeder der schon mal einen grösseren Umbau in der Elektroinstallation eines Bootes gemacht hat, weiss was jetzt auf uns zukommen würde. Holzfundamente einkleben, um die Komponenten sicher montieren zu können, dicke und unhandliche Stromkabel mussten quer durch Bänke, Zwischenböden, Treppen usw. gezogen und verlegt werden. Und da es nicht überall Durchbrüche gab bzw. diese zu eng waren mussten auch diverse Löcher gebohrt werden – aber NUR im Schiffsinneren – gegen Löcher nach aussen habe ich etwas…!!

Nach fünf Tagen, in denen wir viel gelernt (ja auch Chris kam manchmal an seine Grenzen) und gehörig geschwitzt haben (manchmal war es wegen einer aussergewöhnlichen Hitzewelle bis zu 40° Grad warm im Schiff) war das Werk endlich vollbracht. Die Batterien waren trocken untergebracht, angeschlossen und endlich lieferte der Inverter wieder seine volle Leistung – YESS!!

Alles trocken und solide verkabelt und sauber abgesichert

Als kleine Randbemerkung: Wenn ich die Qualität und Sorgfalt von Chris‘ Arbeiten mit denen von einigen deutschen Handwerkern auf Fehmarn vergleiche, muss ich sagen, dass ich für den Begriff „Deutsche Wertarbeit“ leider nur ein müdes Lächeln übrig habe.

Nach den ganzen Bastelstrapazen hatte ich nun endlich Zeit für einen Ausflug mit Annika und Lynne per öffentlichen Bus zum berühmten Kaktusgarten von César Manrique.

César Manrique war ein Künstler, Architekt und Umweltschützer, der massgeblich dafür verantwortlich war, dass auf Lanzarote mehrheitlich die traditionelle Bauweise beibehalten worden ist. Man sieht fast nur weisse, maximal zweistöckige Häuser. Besonders erwähnenswert: Er hat die in Spanien sonst allgegenwärtigen Reklametafeln an den Strassenrändern in Lanzarote verbannen lassen.

In einem alten Steinbruch „rofera“ hat César Manrique in jahrelanger Arbeit einen riesigen Kakteengarten mit hunderten verschiedenen Kakteen aus mehreren Kontinenten erschaffen. Das Ganze wirkt wie ein grosser Vulkankrater der von den Rändern des Steinbruchs umgeben und entsprechend windgeschützt ist. Bei der sengenden Sonne war es eine Wohltat zur Maismühle am Rande des „Kraters“ hoch zu steigen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen.

Essen aus Kakteen: Leider hat der Vegiburger aus Kakteen wesentlich interessanter ausgeschaut als er geschmeckt hat.

Am 29. August ging es dann auch für mich per Flugzeug wieder zurück nach Hause. Dort werden wir jetzt die Wohnung und unsere restliche Existenz in der Schweiz auflösen. Ende Oktober geht es wieder zu RARE BREED zurück – dieses Mal aber ohne klares Enddatum 🙂

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Die letzten Meilen in diesem Sommer

Die letzten Meilen in diesem Sommer

04.08.-11.08.2021: Porto Santo bis Arrecife, Lanzarote

Nach gerade mal zwei Nächten durchschlafen haben wir am Morgen des 4. August wieder den Anker aufgeholt und Segel gesetzt. Ziel: Die Insel La Graciosa nördlich von Lanzarote.

Adieu Porto Santo

Dies sollte unser letzter längerer Schlag vor der Rückkehr in die Schweiz sein. 270 Seemeilen und die Wettervorhersage war ein frischer Nordost-Passat von 15 bis 20 Knoten. Mit unserem Kurs nach SSE hiess das „halber Wind“ bis leicht „raumer Wind“, was bedeutet der Wind kommt von der Seite in etwa 90-120° zum Kurs des Bootes. Diese Windrichtung ist ein Garant für schnelle Fahrt (ein Segelboot segelt in der Regel am schnellsten, wenn der Wind von der Seite bis schräg hinten kommt), aber die Vorhersage unseres Wetterroutingprogramms erschien mir dann mit 1,48 Tagen Reisedauer und 7,8 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit etwas gar optimistisch.

Selten so getäuscht!

Biggi versucht es dieses Mal mit Akupressur-Bändern gegen die Seekrankheit.

Wir hatten das Grosssegel schon in der Bucht gesetzt und kurz danach in weiser Voraussicht nur die Fock und nicht die grössere Genua – zum Glück, denn ab dann ging die Post ab! Zuerst schrieb ich den starken Wind dem Kapeffekt vom Südkap von Porto Santo zu, aber es blieb dabei, auch als wir uns schon einige Seemeilen von der Insel wegbewegt hatten. Die Geschwindigeit pendelte sich um 8 Knoten mit gelegentlichen Surfeinlagen bis fast 11 Knoten ein. Und die Bewegungen und das Klatschen der Wellen waren entsprechend kräftig. 

Das war zwar nur eine Momentaufnahme mit mehr als 10 Knoten Speed, aber wir waren schnell unterwegs – für unsere Verhältnisse SEHR schnell! Kleines Detail, oben rechts kann man die verbleibende Zeit bis zum Ziel erkennen: Nach 8 Stunden unterwegs wären es bei diesem Tempo nur noch etwa 20 Stunden zum Ziel…

Das war für Biggi’s lädierte Rippe alles andere als lustig und so hat sie einen grossen Teil von diesem Törn liegenderweise in der Koje verbringen müssen. Ich habe die Nachtwachen alleine gemacht, was aber angesichts des fast vollständig fehlenden Schiffsverkehrs kein Problem war.

Sitzend/liegend im Cockpit war es für Biggi noch halbwegs aushaltbar.

Es war schon schnell klar, dass wir bei diesem Reisetempo tatsächlich nur etwa 36 Stunden für die 270 Seemeilen brauchen würden und ich mich mit einer Abfahrt am Morgen verschätzt hatte. Wenn wir nicht langsamer würden, wäre eine Ankunft mitten in der Nacht unvermeidbar. Also haben wir bereits am Vormittag vom zweiten Tag die Segelfläche reduziert. Zuerst die Fock etwas eingerollt, dann das Grosssegel komplett weggenommen und gegen Abend waren wir nur noch mit einem kleinen Fetzen vom Vorsegel unterwegs.

Gerefft um RARE BREED soweit wie möglich auszubremsen

Der zweite Tag und vor allem die Nacht waren dementsprechend ruhiger und auch angenehmer von den Schiffsbewegungen her. Im Morgengrauen des dritten Tages standen wir kurz vor La Graciosa und ich habe mich still und heimlich an die Ankerbucht rangepirscht, während Biggi noch schlief. Nicht mal das Anstellen von den Motoren hat sie geweckt und sie ist wirklich erst an Deck aufgetaucht, als ich kurz davor war den Anker zu werfen. Sie hätte sich noch gewundert, dass RARE BREED so schön ruhig war. Die Schmerzmittel waren wohl auch richtige Schlafmittel. 

Sonnenaufgang auf See von innen aus dem Seitenfenster aufgenommen
Die Kartenansicht…
… und in Realität: Einfahrt in die Ankerbucht „Playa Francesca“ von La Graciosa

Die folgenden fünf Tage haben wir uns nicht vom Fleck bewegt und zum ersten Mal seit der Abfahrt aus Neustadt am 20. Juni so richtig Ferien gemacht. Es wurde zum ersten Mal ausgiebig gebadet, gesonnt und gefaulenzt. 

Sun, fun and nothing to do 🙂

Biggi ist hier vor Anker nach den langen See-Passagen zur Hochform aufgelaufen und hat Brötchen gebacken und unsere restlichen Frischwaren zu schmackhaften Mahlzeiten verwandelt. Ich wurde kurzerhand aus der Küche vertrieben und durfte mich von A bis Z verwöhnen lassen. Von mir aus mache ich gerne das „Full Service“-Programm wenn wir unterwegs sind, weil Biggi im Gegenzug den Bootshaushalt schmeisst wenn wir vor Anker sind. Bin ja mal gespannt, wie sie das sieht, wenn das Verhältnis zum üblichen 20% Segeln & 80% Ankern vom Langfahrtsegeln kippt 😉

Biggi’s Lebensgeister & kreative Küchenkünste sind zurück. Ob das am Kafi oder dem fehlenden Geschaukel liegt?

Das Wetter war ein bisschen speziell, da es am Vormittag fast immer bewölkt war, aber gegen Mittag hat es aufgeklart und es wurde richtig heiss. Ab dann ging es auch heiss zu und her in der Bucht: Jeden Tag kamen zwei grosse Ausflugskatamarane und manchmal auch noch das Glass Bottom Boat und hat gefühlt hunderte von spassbedürftigen Tagestouristen ausgespuckt. Es wurde gepaddelt, gesurft und gebadet was das Zeug hielt, aber vor allem wurde Lärm gemacht. Die Boote hatten alle Musik- und Lautsprecheranlagen und haben sich gegenseitig in der Beschallung zu übertrumpfen versucht. Zwischen 16 und 17 Uhr war der Spuk dann vorbei und das beschauliche Buchtleben ging weiter. 

Sonnenaufgang – die Ruhe vor dem täglichen Ansturm von Ausflugsbooten…
… der Rummel geht los…
… und abends kehrt die Ruhe wieder ein

Also so ganz ohne etwas Wursteln schaffen wir es wohl doch nicht und so haben wir an einem Tag unsere Lebensmittelvorräte inventarisiert und so gestaut, wie es uns logisch erschien. Wieder einmal haben wir festgestellt, dass wir in Neustadt VIEL zu viel eingekauft hatten und wohl nur wenig nachkaufen müssen, wenn wir im Dezember über den Atlantik segeln wollen. Zu oft hatten wir in den letzten Wochen vergeblich nach etwas gesucht „Ich WEISS dass wir das irgendwo an Bord haben!“ um entnervt aufzugeben. Mit dem neuen System bzw. den Listen sollte das hoffentlich seltener passieren. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

So langsam waren auch unsere Obst- und Gemüsevorräte aus l’Aber Wrac‘h aufgebraucht und am Mittwoch den 11. August war es dann vorbei mit der Ruhe und wir haben zum letzten Hopser zur Marina in Arrecife angesetzt. Der Nordostpassat weht hier auf den Kanaren in den Sommermonaten beständig und kaum hatten wir das Nordkap von Lanzarote gerundet, ging die Genua hoch und wir segelten die letzten 20 Seemeilen zur Marina. Dieser letzte Schlag war wirklich toll. Warmer Wind von hinten, ruhige See und eine überschaubare Distanz. Ein schöner Abschluss der ersten Etappe unserer Reise.

Kaffeesegeln zum Abschluss 🙂
RARE BREED’s neues Zuhause für die kommenden Monate
Und das wohlverdiente Anlegerbier! 🙂

Wir haben in den etwa 52 Tagen seit dem Start in Neustadt im Holstein insgesamt 2‘308 Seemeilen zurückgelegt. 1‘500 Seemeilen (was ziemlich genau einer halben Atlantiküberquerung entspricht) davon in den letzten zwei Wochen, bis auf den Halt in Porto Santo, mehr oder weniger nonstop. Damit sind wir jetzt sogar weiter südlich als wir uns ursprünglich vorgenommen hatten.

20.06-11.08.2021: Dauer, Distanz & Strecke von der 1. Etappe. Woher er das „Max Tempo“ von 26 Knoten hat, ist uns allerdings schleierhaft 😉

Wir sind dankbar dafür, dass alles so gut gelaufen ist, dass wir nie wirklich schweres Wetter oder unüberwindbare technische Probleme hatten. Und wir sind beide – immer noch – hochmotiviert dieses Leben zu führen!

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Blauwassersegeln, wenn schon, denn schon!

Blauwassersegeln, wenn schon, denn schon!

Blauwassersegeln ist, wenn man die flachen Küstengewässer hinter sich lässt und immer weiter raus aufs Meer segelt. Jenseits des Kontinentalsockels, wo das Meer Tausende von Metern tief wird und die Farbe des Wassers dieses tiefe intensive Blau bekommt. Rund ums Boot nichts als Wasser und Himmel, tagsüber Sonne und Wolken, nachts Sterne und Mondlicht. Kein Land in Sicht, keine Funkverbindung und tagelang kein anderes Schiff. Man sieht höchstens mal einen Vogel, ein Fischschwarm oder Delfine. Das Boot befindet sich gefühlt immer am gleichen Fleck Wasser. Der Autopilot steuert und die Segel stehen tagelang unverändert und schieben das Boot unermüdlich vorwärts – rund um die Uhr. Die zurückgelegte Strecke wird aber nicht wahrgenommen, sondern nur durch den wandernden Punkt auf der Karte visualisiert. Die Tage und Nächte fliessen übergangslos ineinander.

Der Tag geht langsam in die Nacht über

Nach Tagen oder Wochen taucht plötzlich wieder Land am Horizont auf. Das kleine private Universum in dem man sich befunden hat verschwindet und man kehrt wieder ins „normale“ Leben zurück. Man kommt womöglich sogar an einem anderen Kontinent oder einer Insel in einem neuen Kulturkreis an, dabei hat man doch gefühlt eben erst aus einer ganz anderen Welt abgelegt.

Impressionen von unterwegs

24.07.-03.08.2021: l’Aber Wrac’h nach Porto Santo, 1’200 sm in 8,5 Tagen

Routenplanung für die kommenden Tage

Am Samstagabend, den 24. Juli war es endlich soweit – Biggi‘s Flieger ist mit ca. 45 Min. Verspätung um kurz nach 23 Uhr in Brest gelandet. Müde, aber froh wieder hier zusammen zu sein, haben wir bei einem Leberwurstbrot die Lage besprochen. In den kommenden drei Wochen wollten wir RARE BREED an den Ort bringen, von wo wir im Herbst endgültig starten konnten. Das heisst soweit in den Süden wie möglich, damit wir nicht im November unter Umständen atlantisches Winterwetter erleben müssen. Von unseren Startpunkt – l’Aber Wrac’h in der Bretagne – hiess das, zuerst die Biskaya zu überqueren und danach noch möglichst bis Lissabon oder besser noch weiter südlich zu kommen. Die Biskaya ist bekannt für ihre starken SW-lichen Winde oder sogar Stürme. Was hier besonders ist, der Meeresgrund in der Biskaya fällt in wenigen Kilometern von Hunderten auf bis zu Dreitausend Meter Tiefe ab. Wenn ein Tiefdruckgebiet mit starken westlichen Winden über dieses Gebiet kommt, baut sich hier ein Seegang auf, der auch grösseren Schiffen zum Verhängnis werden kann. Jeder Segler, der da durch will, versucht ein möglichst optimales „Wetterfenster“ ohne herannahendem Tiefdruckgebiet oder starke westliche Winde zu erwischen. So natürlich auch ich und alle anderen Segler, mit denen ich mich in den letzten Wochen hier unterhalten hatte. Da es für die meisten die erste Biskaya-Überquerung und für viele sogar die erste Passage über offenes Meer, ohne Möglichkeit einen Schutzhafen aufzusuchen, war, waren alle etwas nervös. Zusammen hatten wir die Wetterentwicklung verfolgt und uns über den besten Zeitpunkt für den Absprung unterhalten. Die einhellige Meinung war, dass der Sonntag (also am Tag nachdem Biggi angekommen ist) DER ideale Tag sein würde.

Abfahrt aus l’Aber Wrac’h bei diesigem Wetter

So kam es, dass Biggi nach nicht mal 6 Stunden Schlaf sonntagmorgens um 6 Uhr im Ölzeug an Deck stand und beim Ablegen half. Schnell los wollten wir ja schon, aber das war jetzt schon etwas heftig. Ich hatte im Vorfeld natürlich alles vorbereitet, eingekauft und für zwei Tage vorgekocht. Aber so ohne Eingewöhnung und noch müde von der Anreise für einen mehrtägigen Törn über eines der berüchtigtsten Seegebiete von Europa loszufahren, war eigentlich entgegen allen gängigen Regeln. Erst recht, als es auch das erste Mal sein würde, dass Biggi über das offene Meer segeln würde. Dass sie das klaglos mitgemacht hat zeigt mir, dass ich keine bessere Partnerin hätte finden können! Die Abfahrt am frühen Morgen war, wie in diesem Gebiet üblich, durch die Gezeiten und den damit verbundenen starken Strömungen gegeben.

Noch müde von der Anreise

Die ersten Stunden sind wir unter Motor gegen leichten Westwind, aber mit immer stärker werdendem mitlaufendem Strom zu der Ile d’Oussant rausgefahren. Westlich von der Insel konnten wir abdrehen und auf unseren Zielkurs von ca. 230° gehen. So schön es ist mit bis zu 7 Knoten mitlaufendem Strom geschoben zu werden, so schlimm sind die dabei entstehenden Wellen und Verwirbelungen im Wasser. Während vielleicht 30 Minuten sind wir durch ein Gebiet gefahren, wo das Wasser regelrecht gekocht hat und RARE BREED wurde derart durchgeschüttelt, dass die arme Biggi auch noch richtig seekrank wurde und das Frühstücksmüesli den gleichen Weg zurück nahm,  wie es vor einer halben Stunde genommen hatte… Das war jetzt alles andere als ein optimaler Ferienstart bzw. Start vom ersten Blauwassertörn auf unsere Reise.

Kaum los und schon hat sich die Reffleine der Rollanlage eingeklemmt und muss „enttüddelt“ werden. Da ist man froh, wenn das Wasser ruhig ist!

Der erste Teil der Biskaya-Überquerung war durch durchzogenes Wetter mit viel Wolken und eher schwachem Gegenwind geprägt. Da wir uns in dieser Gegend nicht unnötig lange aufhalten wollten, haben wir bei Geschwindigkeiten unter 3 bis 4 Knoten jeweils einen der Motoren mit 1500 bis 1600 Umdrehungen mitlaufen lassen. So konnten wir mit möglichst wenig Dieselverbrauch eine Geschwindigkeit von ca. 5 Knoten halten. In den Morgenstunden des zweiten Tages haben wir den Kontinentalschelf überfahren und hatten danach etwa 3‘000 m Wasser unter uns. Jetzt war Biggi zum ersten Mal im Leben wirklich weit draussen auf dem Meer. 

„Over the Abyss“: Überfahren des Kontinentalsockels ins wirklich tiefe Wasser – hier fällt der Meeresgrund steil von wenigen hundert Metern auf bis zu 3’000 Meter Tiefe ab

Während der ganzen fast 4 Tage, die wir gebraucht haben, bis wir durch die Biskaya waren, sind wir von der Berufsschifffahrt umgeben gewesen. Die meisten haben uns mit genug Abstand gekreuzt oder überholt. Wenn es drohte eng zu werden, haben wir sie per Funk angerufen und auf uns aufmerksam gemacht. Das hat bis auf einmal tadellos geklappt und sie haben, wenn nötig, den Kurs ein wenig angepasst, um uns nicht zu nahe zu kommen. Anders als z. B. im Englischen Kanal hat ein Segelboot auf offener See sogar vor den grössten Tankern Wegerecht. Aber sich darauf zu verlassen oder dies sogar „einzufordern“ wäre töricht. Daher haben wir ständig das AIS (eine Art Transpondersystem, welches alle meldepflichtigen Schiffe im Umkreis von ca. 10 Seemeilen anzeigt) am Laufen, welches uns bei drohenden Kollisionen mit einem akustischen Alarm warnt. Mit dem AIS ist es ein leichtes, den Kurs, Geschwindigkeit und andere Angaben von allen Schiffen in der Nähe zu sehen.

Tanker am Horizont – Begleitung in die Nacht

Die meisten Grossen verhalten sich vorbildlich und nehmen auf uns Rücksicht, aber Ausnahmen gibt es immer. Natürlich nachts und natürlich während Biggi’s Wache kam ein Dampfer von hinten immer näher. Die Angaben im AIS sagten voraus, dass er uns mit 0 (=Kollision!!) bis 50 m Abstand passieren würde. Biggi hat mich dann doch geweckt, weil es ihr (zu Recht) langsam mulmig wurde. Auf meinem Funkspruch hin kam die übliche Antwort „Yes I have seen you and will keep clear of you.“ Aber er änderte seinen Kurs kein bisschen (Das kann man auch im AIS sehen, da dort sogar die Winkelgeschwindigkeit/Minute angegeben wird – wir sehen also, ob ein Schiff Ruder gibt, oder nicht) und er kam unaufhörlich immer näher. Das auf offener See geltende Recht zur Vermeidung von Kollisionen gibt vor, dass der Überholende dem Überholten ausweichen muss und dass der Überholte im Gegenzug Kurs und Geschwindigkeit beibehalten soll. Also taten wir, wie uns geheissen und harrten der Dinge die da kommen mögen (selbstverständlich bereit jederzeit korrigierend einzugreifen). Schlussendlich ist er mit weniger als 100 m Abstand (viel zu nah) an uns vorbei und wir konnten dem direkt in die Brücke reinschauen. So ein Depp!!

Darstellung auf der AIS-Anzeige

Was auf der ganzen Strecke durch die Biskaya schön war, war die häufigen Besuche von Delfinen und einmal zog sogar ein Rudel Schweinswale an uns vorbei.

Delfine am Bug

In der dritten Nacht ist eine Wolkenwand aufgezogen und hat uns während knapp fünf Stunden Wind bis 25 Knoten gebracht. Wir liefen unter Fock (dem kleineren Vorsegel) und Gross so hoch wie möglich am Wind und sind mit konstant 7 bis 8 Knoten, in Spitzen fast 10(!), regelrecht durch die Nacht gerast. Das war auch für mich eindrücklich zu erleben wie RARE BREED mit diesen Bedingungen umgegangen ist. Die überladene Lady war ja doch nicht so träge, wie ich angenommen hatte! 

Wolken mit Regenschauern ziehen auf

RARE BREED ist zwar ein Katamaran, aber anders als die meisten moderneren französischen Modelle, die vor allem auf viel Raum ausgelegt sind, ist sie weniger breit, hat weniger hohe Aufbauten und ist insgesamt stromlinienförmiger. Das heisst, sie hat Segeleigenschaften, die irgendwo zwischen denen eines Katamarans und eines Einrumpfbootes liegen. Das hat man in dieser Nacht gut gemerkt, als sie sich regelrecht zur Seite geneigt hat und so geblieben ist, während sie in einem für einen Katamaran eher spitzen Winkel zum Wind vorangeprescht ist. 

Kurz vor dem Ende der Biskaya – mit „Vollgas“ durch die Nacht

Nach 4 Tagen hatten wir die Biskaya hinter uns gelassen und sind auf direktem Kurs Richtung Madeira weitergesegelt. Der Wind hat nach einer kurzen Flaute auf der Höhe vom Kap Finisterre (Galizien) langsam auf NW zu NNW gedreht und sich so stabilisiert. Nun hatten wir den Wind von schräg hinten – die Idealbedingungen für ein angenehmes und doch zügiges Segeln.


Und wenn das Wetter mitspielt ist das Segeln doch schön 🙂

Obwohl der Wind selten mit mehr als 10 bis 15 Knoten wehte, kamen wir mit 5 bis 7 Knoten gut voran. Und die Sonne schaute immer öfters hervor und es wurde spürbar wärmer. Das Ölzeug kam immer seltener zum Einsatz und wurde durch den Sonnenhut ersetzt. 

Die Kopfbedeckung der Wahl für den modebewussten Blauwassersegler von heute 😉

Um die Müdigkeit in Grenzen zu halten, haben von Anfang an einen festen Wachrhythmus gefahren. Der fing abends um 20 Uhr mit meiner Wache an. Um 23 Uhr hat Biggi übernommen, um 02 Uhr wieder ich und von 05 bis 08 Uhr war Biggi wieder dran. Tagsüber hatten wir keinen festen Wachplan, sondern uns abgesprochen wer „den Ausguck hat“ und der andere konnte sich dann ausruhen. 

Tagsüber wurde der fehlende Schlaf nachgeholt

Anfänglich waren wir beide tagsüber noch sehr müde (der Nachtschlaf war bei dem ewigen Geschaukel und Lärmpegel halt auch nicht immer erholsam) und wir haben uns nur kurz bei den Übergaben gesehen. Nach ein paar Tagen ging es dann aber besser und wir haben viel Zeit zusammen im Cockpit verbracht. 

Biggi’s Seebeine wollten leider nicht so recht wachsen und so war es ihr immer wieder etwas flau zu Mute (Anmerkung von Biggi: das ist völlig untertrieben – mir war sehr elend 😉 Sie hat brav alle ihre Wachen gemacht, aber ausser um zu schlafen, konnte sie im Schiff drin nicht richtig etwas machen. Darum war ich für die Verpflegung und sonstige Tätigkeiten (Motorenkontrolle, Logbuch schreiben usw.) zuständig. Ich denke, dass dies teilweise auch mit der überstürzten Abfahrt und fehlender Eingewöhnung an Bord zu tun hat. 

Am Donnerstag, den 5. Tag zur See, hatten wir mit 545 Seemeilen die halbe Strecke nach Madeira hinter uns. Ab jetzt ging es nur noch „bergab“ und die Wettervorhersagen, die wir zwei Mal täglich über Satellit reinholten, sagten weiterhin schwache bis mässige nördliche Winde für die ganze Strecke voraus.

Ab jetzt gab es nur noch Wind von hinten

So rechneten wir mit insgesamt 10 Tagen auf See, aber der zweite Teil, war definitiv viel angenehmer und entspannter als die Biskaya-Überquerung. Nicht zuletzt, weil wir inzwischen so weit draussen waren, dass wir sogar weit ausserhalb der Schifffahrtsrouten zwischen Gibraltar und dem Englischen Kanal unterwegs waren. Von hunderten von Schiffsbegegnungen pro 24 h in der Biskaya ging es auf 2 bis 4 pro 24 h zurück. Hier draussen gab es auch keine Fischerboote, kein Wunder, denn ausserhalb des Kontinentalschelfes gab es wohl auch keine Fische. Bei unseren Angelversuchen hat nämlich leider nur eine Möwe(!) angebissen. Das arme Vieh ist mit dem Schnabel im Haken hängen geblieben und hat ganz aufgeregt hinter uns herumgeflattert, manchmal im Wasser und manchmal in der Luft. Dies ist mir bisher erst einmal im Leben passiert und es erstaunt mich, dass ein Vogel mit seinen guten Augen einen roten Gummiköder als Fisch einschätzt. Zum Glück war der Haken nur im Schnabel „eingehängt“ und hat keine Verletzungen verursacht und ich konnte die Möwe (mit Handschuhen, denn so ein Möwenschnabel ist nicht ohne…) packen und vom Haken befreien. Wusstet ihr, dass Möwen neben einem wehrhaften Schnabel auch ganz scharfe Klauen an den Füssen haben? Jetzt weiss ich auch das (Segeln bildet ;-)) und habe eine kleine Schramme am Unterarm als Erinnerung. Die Möwe ist auf jeden Fall sofort wieder davongeflogen und hat hoffentlich auch etwas für’s Leben gelernt… Biggi hat gemeint, dass wir zukünftig eher vom „Fischen“ als vom „Angeln“ reden sollten. Ob das hilft …? Wie auch immer, die Eiweissversorgung mit Fischen abzudecken ist wohl keine so erfolgversprechende Option. 

Durch die Einsamkeit hier draussen und das mitlaufende AIS wurde unser Ausguck natürlich wesentlich vereinfacht und der jeweils Wachhabende konnte sich den Wecker auf 15 bis 20 Minuten stellen und auch hinlegen und ein wenig dösen. So waren wir insgesamt auch weniger müde und konnten mehr von der vielen Freizeit zusammen geniessen.

oder für den Blog schreiben

Je weiter südlich wir kamen, desto wärmer wurde es und unser Ölzeug hing zwar noch griffbereit am Haken, aber wurde nicht mal mehr nachts benötigt. Morgens und abends haben wir noch einen Pulli und eine lange Hose angezogen, tagsüber war es so warm, dass wir nur etwas anzogen, um uns vor der Sonne zu schützen.

Die Sonne brennt vom Himmel

Wir waren definitiv auf der Barfussroute angekommen! Ein weiteres Indiz dafür war der vertrocknete Kalmar, den ich später an dem Tag auf dem Vordeck gefunden habe. Der arme Kerl wurde wohl gejagt und hat sein Heil mit einer Flucht durch die Luft gesucht und ist dabei bei uns an Deck gelandet. Eine klassische lose-lose-Situation: für den Jäger, für den Gejagten und für uns, die wir jetzt einen Tintenfleck an Deck haben.

Auf dem Breitengrad von Afrika angelangt

Am Schweizer Nationalfeiertag gab es zwar keine Cervelats, aber sonst war das eines der Highlights auf der Strecke bis Porto Santo. Wir wussten, dass es der letzte ganze Tag auf See sein würde und haben ihn so richtig genossen. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel, kein Schiff weit und breit. Als erstes haben wir wieder Mal die Angelrute rausgehängt. Dieses Mal mit „Willy the Wobbler“, ein richtig lecker aussehender blausilbrig schimmernder Köder in Fischform. Wenn die bisher benutzten Tintenfischköder nicht genehm waren, dann vielleicht dieser?

Köderwechsel – jetzt aber!

Als der Wind immer mehr abnahm und immer mehr von hinten kam, war der Moment für den Spinnaker gekommen. Das war eine Premiere für uns und so haben wir uns vorher genau überlegt, wer wann was machen muss, damit sich das Riesentuch weder verheddert, noch ins Wasser fällt. Nach etwa einer Stunde schweisstreibendem Rumwerkelns inkl. einem Fehlversuch (Segel wickelte sich um die aufgerollte Genua und musste wieder runter) hat es dann geklappt und unser grosses schwarzrotes Leichtwindsegel blähte sich vor RARE BREED auf und fing an uns übers Meer zu ziehen. Was für eine Freude; fast kein Wind (5 bis 8 Knoten) und dieses Tuch schob uns mit ca. 5 Knoten über’s flache Meer.

Den eigenen Spi vernünftig auf ein Bild zu bekommen ist nahezu unmöglich

Einige Zeit später (ich war unten und habe in der Küche die Reste von unserem „z’Vieri“ weggeräumt) schlug die inzwischen schon fast wieder vergessene Angel an! Biggi, oben im Cockpit ist vor Aufregung im Viereck gesprungen und hat lauthals „FIIIIIISCH, FIIIIIISCH!!“ gebrüllt. Und tatsächlich, die Rute war gespannt wie ein Flitzebogen und es hat sich immer mehr Silk abgespult. Mit dem Spinnaker und das Grosssegel oben gab es keine Möglichkeit das Boot zu stoppen und so musste ich den Fisch in Fahrt reinholen. Fitnesstraining für faule Segler und zum zweiten Mal an diesem Tag verschwitzt! Es war nicht nur der erste Fisch der Reise, sondern es war sogar der schmackhafteste, den man bekommen kann – eine Golddorade (Mahi-Mahi oder auch Dolphin genannt)! Ich denke „Willy the Wobbler“ hat’s gebracht 🙂

Was ist da denn dran?
Fischerglück
Eine Golddorade, Mahi-Mahi oder Dolphin. Dieser Fisch hat viele Namen.

Nach dem Filetieren und wieder Saubermachen des verschmierten Achterdecks, gab es einen „Poisson Cru“ nach polynesischer Art. Frischer als so geht nicht und da der Fisch in diesem Gericht nur durch Lime (bzw. Zitronensaft) und Kokosmilch „gegart“ wird, ist es nur mit wirklich frischem Fisch zuzubereiten.

Biggi am Filetieren

Abends gab es dann in Butter gebratenen Fisch – sagenhaft! Die Reste (immerhin 2/3 des Fleisches) wanderten dann in den Kühlschrank bzw. ins Gefrierfach.

Poisson Cru a la Tahitienne

Den Spi liessen wir bis abends um 21 Uhr stehen und holten ihn vor Einbruch der Nacht ein. Vom Wind her hätte er stehen bleiben können, aber ihn zum ersten Mal im Dunkeln einzuholen war uns zu heikel. Nach 5 Tagen nonstop segeln musste mal wieder einer der Motoren etwas nachhelfen. Bei dem schwachen Wind haben wir mit den normalen Segeln alleine zu wenig Fahrt gemacht um noch vor Einbruch der Dunkelheit am nächsten Tag anzukommen. 

Die letzet Nacht auf See bricht an

Nach 8 ½ Tagen kam um 10:15 Uhr am 2. August tatsächlich Land in Sicht, also für Biggi – ich sah es mit meinen „Adleraugen“ natürlich erst etwas später… Was sind wir doch für tolle Navigatoren, so ein kleines Stück Land mitten im Atlantik zu finden! Spass beiseite, auch wenn es heutzutage mit GPS, Dieselmotoren usw. keine Kunst mehr ist, eine Insel irgendwo im Meer zu finden (und auch hinzukommen), ist es trotzdem ein spezieller Moment, wenn das erste Land seit vielen Tagen am Horizont auftaucht. Plötzlich gibt es etwas auf dem man seine Augen ruhen lassen kann und nicht nur Wasser soweit das Auge reicht. Und – heutzutage nicht mehr weg zu denken – bald einmal wieder ein Mobilfunksignal 😉

Land in SIcht! Porto Santo voraus.
1’200 Seemeilen nonstop

Weil wir Wasser und Diesel auffüllen wollten sind wir in den Hafen von Porto Santo gefahren. Das war in mehrfacher Hinsicht keine gute Idee! Leider gibt es dort – entgegen den Angaben im Cruising Guide keine Gastliegeplätze. Beim Anlegen an einem temporär freien Platz hat Biggi sich, beim an Land springen so unglücklich verdreht, dass sie ihre eigene Rippe gequetscht oder geprellt hat. Der Schmerz war so schlimm, dass ihr fast die Puste wegblieb. An Land dürften wir sowieso erst, nachdem wir uns elektronisch angemeldet und unsere Impfzertifikate an das örtliche Krankenhaus gesendet und von dort für gut befunden worden sind. Da wir aber nur vorhatten 1 bis 2 Nächte zu bleiben, haben wir darauf verzichtet. Nur schnell den Wassertank füllen wäre ja noch toll, Fehlanzeige, der Liegeplatzbesitzer hat uns weggescheucht als wir erst etwa 100 l drin hatten. Und um Diesel zu bekommen hätte man sich vorher bei drei(!) Behörden anmelden müssen. Und ohne die Freigabe durch das Krankenhaus lief sowieso nichts. Willkommen im Bürokratieparadies Porto Santo… Also nichts wie wieder weg und neben dem Hafen vor Anker gehen. Hauptsache wir konnten mal eine Nacht durchschlafen. Der Abend war entsprechend etwas trist, statt sich über unseren ersten Blauwasserschlag zu freuen, hat Biggi trotz Schmerzmittel sehr starke Schmerzen gehabt und ist vor Erschöpfung auf dem Sofa eingeschlafen, während ich mich nach einer geeigneten Marina auf den Kanaren schlau gemacht habe. Wir wollen nämlich RARE BREED für ca. drei Monate dort in eine Marina legen, während wir beide in der Schweiz sind, um dort alles aufzulösen.

Abendstimmung vor Anker in Porto Santo
…und der Blick aus der Koje am nächsten Morgen

Am Tag darauf ging es Biggi – Schmerzmittel und Durchhaltewille sei Dank – etwas besser und wir haben mit den dringendsten Arbeiten angefangen, um später den etwa 2 bis 3 Tage langen Schlag zu den Kanaren machen zu können. Der Wassermacher wurde etwas früher als vorgesehen in Betrieb genommen und ist ein voller Erfolg: 140 (oder sogar mehr) Liter bestes Trinkwasser pro Stunde!

Wasser marsch!

Nach nicht mal 2 Stunden Laufzeit war der Tank und alle Trinkwasserflaschen voll und Biggi hat die günstige Gelegenheit genutzt und ihre Haare direkt unter dem Schlauch des Wassermachers gewaschen.

Haarewaschen vor Anker

Parallel dazu haben wir die Angebote der Marinas verglichen; die Preise für 3 Monate für einen Liegeplatz differieren um bis zu € 1‘000.-. Glücklicherweise war unser Favorit eine der günstigeren und so haben wir die Reservation für Arrecife auf Lanzarote gemacht. Danach konnte Biggi ihren Heimflug von dort buchen. Und das alles von Bord aus ohne einen Fuss an Land zu setzen. Der Segen der modernen Kommunikationsmittel hat auch das Segeln massiv vereinfacht.

Dann wurden noch diverse kleine Wartungsarbeiten erledigt und Essen für den nächsten Schlag vorgekocht. Der Tag ging schnell um und wenn alles klappt, wollten wir tags darauf die ca. 270 sm nach La Graciosa in den Kanaren in Angriff nehmen.

Für die, die sich vielleicht fragen, wann wir endlich zur Ruhe kommen und mal einen Tag lang gar nichts machen: Der Grund, dass wir den ersten Teil der Reise so zügig durchziehen ist, weil wir rechtzeitig genug weit südlich sein wollen um Ende November einen guten Ausgangspunkt zu haben. Weil wir vorhaben, die Atlantiküberquerung in die Karibik diesen Winter zu machen, boten sich die Kanaren an. Um in Biggi’s 3 Wochen Ferien von L’Aber Wrac’h bis dorthin zu kommen, wollten wir lieber am Anfang Gas geben, damit wir noch ein paar Tage Ferien auf den Kanaren machen können, bevor sie Mitte August zu ihrem letzten Arbeitseinsatz in die Schweiz zurückfliegt.

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Bastelwoche in l’Aber Wrac’h

Bastelwoche in l’Aber Wrac’h

17.07.-24.07.2021

Kaum war ich wieder alleine an Bord war es vorbei mit Ferien und Sightseeing und ich habe stattdessen RARE BREED vom Segelboot zur Baustelle verwandelt. Es scheint so, wie wenn jede Segelwoche soundsoviele Wartungstage gegenüberstehen. Der „Segel-zu-Bastel-Faktor“ ist mir noch nicht klar, aber ist wohl ungünstiger als man wahrhaben will… Und weil alles gut verstaut ist, entsteht innert kürzester Zeit ein unvorstellbares Chaos an Bord, wenn man Werkzeuge und Ersatzteile hervorkramen muss.

Chaos im Salon. Mangels Werkbank müssen die Werkzeuge auf dem Salonboden ausgebreitet werden…

Es hatte sich in den letzten Wochen so einiges an To-Do’s auf meiner Liste angesammelt. Dazu kamen natürlich auch die Sachen, die ich schon lange im Kopf hatte, aber für die es bis jetzt noch nicht gereicht hatte – allem voran unsere Heckplattform. Als der Geräteträger am Heck für die Sonnenzellen gebaut wurde, musste er untenherum mit einem Rohrgerüst stabilisiert werden. Es hat sich angeboten, dieses Gerüst so zu machen, dass man später eine Art Plattform draufmachen konnte. Dieses „später“ war jetzt gekommen. Die Idee war, eine möglichst leichte, aber trotzdem stabile Konstruktion zu erstellen, damit wir bei schönem Wetter dort hinten – quasi unter dem Sternenhimmel – auch schlafen konnten.

Boot oder Schreinerei?

Mit nur ein paar Tagen Zeit zur Verfügung ging ich davon aus, dass der erste Wurf noch nicht das Gelbe vom Ei werden würde und dass es später mit richtigen Schaum- oder Honey-Comb-Platten nochmals gemacht werden wird. Also habe ich (noch als Cynthia dabei war) im Baumarkt grosse 10 mm dünne Sperrholzplatten besorgt. Das Beladen des kleinen Miet-Peugeots mit 3 Platten von 220 cm Länge war eine Sache für sich. Mangels Dachträger mussten die Cockpitkissen herhalten und verspannt wurde das ganze, indem wir die Spanngurte durch die Türöffnungen zogen und so die ganze Ladung „um’s Dach herum“ sicherten. Cynthia hatte schon im Vorfeld ihre Bedenken geäussert und sich geweigert das Auto so zu fahren. Also bin ich gefahren und langsam und gemütlich kamen wir heil am Ziel an. Ich denke aber, dass die Franzosen solchen Fuhren eher gelassen gegenüberstehen und es hat uns niemand gestoppt oder komisch geschaut.

Sitzpolster statt Dachträger tut’s auch 🙂

Da diese Platten zwar leicht, aber nicht genügend stabil waren, habe ich mir eine Art „hängende“ Konstruktion, welche mit einem Aluprofil und dünnen Seilen nach oben an den Geräteträger versteift werden soll, ausgedacht. Den grössten Teil der Arbeit konnte ich alleine bewältigen, aber wie so oft liegt die Tücke im Detail und zum Glück hat ein befreundeter Segler, Gottfried von der Schweizer Yacht MOANA, mir dabei geholfen, das Aluprofil und die letzten Schrauben von unten an das Holz zu schrauben. Alleine wäre es schlichtweg unmöglich gewesen. Der arme Gottfried musste dafür unter der Plattform auf dem Rücken liegend im Beiboot arbeiten. An sich nicht so schlimm, wenn das Beiboot nicht dicht unter der Plattform in seinen Halterungen (Davits) hängen würde. Er musste sich also zuerst dort reinrobben und dann über Kopf arbeiten. Dass es einer der wenigen wirklich heissen Tage in l‘Aber Wrac’h war, hat es auch nicht einfacher gemacht. Was zuerst wie eine kurze Sache ausschaute, hat uns dann doch geschlagene 3 Stunden beschäftigt. Gottfrieds lakonischer Kommentar: „Ich konnte wenigstens im Schatten arbeiten!“

Das „Fundament“ bzw. Stabilsierungsgerüst vom Geräteträger, wo die Plattform montiert werden soll.
Es wird gesägt, geschliffen und gebohrt, dass ich mich langsam gewundert habe, dass niemand von der Marina reklamiert hat…
Zum Thema: „Aus Erfahrung wird man klug…“ oder die „Anti-„Plopp!“-Werkzeugsicherung… Also wenn jemand zufällig einen 8er-Ringgabelschlüssel zu viel hat, ich hätte Interesse….
Die temporäre Aufhängung zur Stabilisiserung ist angebracht. Jetzt kann man auch drauf stehen. Positiver Nebeneffekt der Plattform: Das Beiboot hängt zukünftig im Schatten, was seiner Lebensdauer in den Tropen sehr zutäglich sein wird. Das starke Sonnenlicht frisst sich regelrecht durch die Gummihülle.
Erste Farbschicht drauf und die Alukiste montiert
Handläufe mit angeklebter Holzplatte als Sicherung und Verstärkung montieren
Nachtansicht mit den „Begrenzungsleuchten“. Der Gag musste sein 🙂

Daneben gab es natürlich diverses anderes zu machen, um RARE BREED für den nächsten geplanten Schlag über die Biskaya und runter zu den Kanaren fit zu machen. Dies war das erste Mal, wo wir mehrere Tage weit weg von Land segeln würden – ausserhalb Mobilfunkabdeckung und weit weg von Schutzhäfen. Das heisst, ich musste endlich die Wettervorhersagen auch über das Satellitengerät reinholen können und die „Grab-Bags“ (wasserdichte Taschen mit Lebensmitteln und anderen Überlebensutensilien, die wir im Ernstfall mit in die Rettungsinsel nehmen würden) einrichten und Reservewasserkanister sicher aber greifbar unterbringen.

Zwei Fenster hatten kleine Lecks entwickelt, die abgedichtet werden sollten, alle Splinte und Sicherungsringe am Rigg und an der Reling (das Geländer ums Schiff) mussten überprüft und mit Tape abgeklebt werden. Dann waren noch der kleine Benzingenerator und die Notlenzpumpe, die in Betrieb genommen werden sollten usw. usw.

Die Notlenzpumpe geht ganz schön ab – 10’000 Liter/Stunde Förderleistung sollte auch mit etwas grösseren Lecks klar kommen
Und alles zusammen griffbereit in der Alukiste auf der Plattform versorgt

Und nicht zuletzt das ganze Boot putzen und die gesamte Bettwäsche und angesammelte Schmutzwäsche der letzten Wochen waschen und die Frischwarenvorräte aufstocken. Kurzum – ich war locker die ganze Woche beschäftigt. (Nennt man das nicht Ferien…?)

Waschtag
Neue Halterung für den kleinen Cockpittisch
Und wieder einkaufen und alles an Bord so versorgen, dass sich die Frischware lange hält

L’Aber Wrac’h hatte, wie alle Häfen hier in der Bretagne, auch einen erheblichen Tidenhub von ca. 5 m. Um auf den Schwimmsteg zu kommen, muss man ca. 50 m lange Fussrampen benutzen, die bei Hochwasser mehr oder weniger waagerecht zum Steg führen und sich bei Tiefwasser steil nach unten neigen. Um Gepäck oder Einkäufe den langen Weg vom Parkplatz zum Schiff zu transportieren gab es grosse Schubkarren, die locker den Inhalt eines kompletten Kofferraums schluckten. Logisch, dass wir auch so einen Karren verwendeten, um unsere Einkäufe zum Boot zu bringen, und logischerweise war es ausgerechnet dann Tiefwasser…

Der Hafen in l’Aber Wrac’h bei Tiefwasser
Die Rampe zum Steg: Bei Hoch- und bei Tiefwasser…

Was auf ebener Strecke problemlos zu meistern war, erwies sich auf der steilen Rampe als schlichtweg unhaltbar. Oben auf der Rampe stehend dachte ich noch, dass der Wagen ziemlich schieben würde, aber was dann kam hat meine Befürchtungen um einiges übertroffen. Ich hatte keine Chance die Fuhre zu halten. Nur indem ich den Wagen ins Geländer der Fussrampe reinfahren liess und mich zusätzlich dagegen verkeilte, konnte ich in letzter Sekunde verhindern, dass unsere gesamten Einkäufe 5 Meter ins Hafenbecken runter gefallen sind. Schritt um Schritt und mit tatkräftiger Bremshilfe durch Gottfried kamen wir schliesslich nassgeschwitzt, aber heil unten an. Eine Chartercrew hatte das ganze Manöver beobachtet und ihr ursprüngliches Vorhaben, ihre Reisetaschen mit so einem Schubkarren zum Auto zu bringen schnell verworfen und alle Taschen einzeln hoch geschleppt. Naja, es steht jeden Tag ein Depp auf, von dem man lernen kann… 

Und da der Plan war sofort abzulegen, wenn Biggi wieder kam und es dieses Mal mindestens 3, wenn nicht noch mehr Seetage geben würde, habe ich am Samstag vorgekocht.

Chickencurry und Chilli con Carne 🙂

Kurz nach RARE BREED kam auch die MOANA aus Roscoff nach l‘Aber Wrac’h und die Freude war gross Gottfried und Sandra, die Biggi und ich in Amsterdam kennengelernt hatten, wiederzusehen. Da wir ein Mietauto für die ganze Woche gemietet hatten, konnten die beiden natürlich auch ihre Besorgungen damit erledigen. Teilweise waren wir auch miteinander damit unterwegs. Gottfried hatte sich wenige Tage vorher einen kleinen Metallsplitter im Finger eingefangen und beim Rausnehmen hat sich der Finger entzündet. Dies wurde schnell schlimmer und immer schmerzhafter. So suchten wir gemeinsam nach einem Arzt und da mein Französisch einen Tick besser als das von Gottfried war, habe ich den Dolmetscher gemacht. Nachdem die lokale Ärztin den Finger angeschaut hatte, war ihr Entscheid eindeutig – da müsse so schnell wie möglich geröntgt werden um zu sehen, ob noch etwas im Finger drin sei. Das hat uns zur abendlichen Odyssee durch den Notfall im Brest geführt. Als wir nach dem Röntgen (es war kein Metall mehr im Finger) – Stunden später – endlich in den Untersuchungsraum reinkamen, lagen da schon das Skalpell und Verbandsmaterial bereit. Gottfrieds (und auch meine) Erleichterung war gross, als es dann aber hiess, dass er nur eine starke Antibiotikakur und Schmerzmittel brauche. Die Vorstellung, dass an der Hand rumgeschnibbelt wird, ist alles andere als erfreulich, zu gross ist das Risiko später mit den Folgen von eventuellen Fehlern leben zu müssen. 

Mit Gottfried in der Notfallaufnahme in Brest

Gottfrieds Erleichterung und Dankbarkeit mich als Dolmetscher dabei zu haben kannte keine Grenzen, und so wurde ich am Abend danach zur Grillparty auf der MOANA eingeladen. Jetzt muss man wissen, dass die MOANA ein sehr grosses und perfekt ausgestattetes Boot ist. Sie hatten bei der Bestellung alle Optionen einbauen lassen – insbesondere auch einen fest installierten Grilltisch auf der ausklappbaren Heckplattform. Und zwar keinen 08-15-Grill, sondern einen regelrechten Profigrill mit allem drum und dran. Dahinter stand nun Gottfried in seiner Schürze mit dem Spruch „Küchen-Kapitän“ und hat gegrillt, dass es jedem Argentinier Freudentränen in die Augen getrieben hätte. Die Leute, die am Steg an uns vorbeigelaufen sind, haben alle gestaunt und der Hund vom Nachbarn konnte nur mit Mühe und Not daran gehindert werden, wegen dem unwiderstehlichen Grillduft bei uns an Bord zu springen.

Der Küchen Kapitän in Action
… und der zufriedene Bewirtete im bequemen Cockpit der MOANA

Und mit einigen Besuchen zu dem urigen Hafenrestaurant, wo es Austern und Muscheln aus eigener Zucht gab, haben wir einige vergnügliche Abende zusammen verbracht. Die MOANA Crew hat sich rührend um mich als temporären „Einhandsegler“ gekümmert.

Dies ist einer der Aspekte, die ich an diesem Leben so liebe: Man lernt innert kürzester Zeit Leute kennen, die man im normalen Leben vermutlich nie getroffen hätte. Und weil alle wortwörtlich im gleichen Boot sitzen (Gottfried und Sandra mussten dringen Ersatzteile für ihr WC haben…) hat man sofort Anknüpfungspunkte und gemeinsame Interessen, auch wenn man womöglich aus einem ganz unterschiedlichem sozialem Umfeld stammt. Man verbringt in kurzer Zeit sehr viel Zeit miteinander, erlebt Sachen zusammen, lernt voneinander und hilft sich gegenseitig, wenn Not am Mann ist. So entsteht sehr schnell eine Vertrautheit, für die es zuhause oft Jahre gebraucht hätte. Umso trauriger ist es dann, wenn sich die Wege wieder trennen, aber ein Wiedersehen irgendwo auf der Welt wird es sicher geben.

Gottfried und Sandra von der MOANA

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Englischer Kanal – Gewitter, Strömungen & Delfine

Englischer Kanal – Gewitter, Strömungen & Delfine

Am Samstag, 3. Juli 2021 habe ich Biggi zum Amsterdamer Flughafen begleitet und weniger als eine Stunde nachdem sie hinter der Gepäckkontrolle verschwunden war kam Cynthia an. Optimales Timing! Wobei es natürlich schön gewesen wäre, wenn wir noch zu dritt hätten zusammensitzen können. Stattdessen bin ich mit Cynthia sofort zum Zug los. Biggi und ich hatten zwei Hin- & Rück-Fahrkarten gekauft, und so konnte Cynthia Biggi’s Rückfahrkarte direkt nutzen. Praktischerweise stand schon ein Zug nach „Amsterdam Z.“ am Gleis. Nix wie rein, denn das bedeutete sicherlich Zentral… Von wegen! Das hiess Amsterdam Zuid, was wir zum Glück erfuhren, als wir sicherheitshalber im Zug nachfragten – nichts wie raus bevor er abfährt! Centraal schreibt sich mit „C“ und nicht mit „Z“… „Centraal“ stand auf der Anzeigetafel für einen Zug, der in drei Minuten abfahren würde. Rolltreppe hoch und auf der anderen Seite wieder runter gespurtet und schon sassen wir wieder im Zug. Nur so als Sicherheit habe ich wieder einen Passagier gefragt, ob der Zug denn wirklich nach Amsterdam Centraal fahre? Er schaute uns ganz verdutzt an: „Ja, ja, das sei schon der Zug zum „Central“, aber nicht von Amsterdam, sondern von Rotterdam!“ Und wieder sprangen wir nur mit knapper Not aus dem Zug bevor er abgefahren ist… Zu guter Letzt haben wir dann doch den richtigen Zug erwischt – aber wenn das auf unsere mangelnden Navigationsfähigkeiten zurückzuführen war, na dann Prost Mahlzeit für den kommenden Törn…

Ausfahrt in die Nordsee von IJmuiden.

Wir hatten vor, in den kommenden zwei Wochen von Amsterdam bis nach l’Aber Wrac’h in der Bretagne zu kommen. Eine Strecke von ca. 500 Seemeilen durch den Englischen Kanal. Die vorherrschende Windrichtung in diesem Teil der Welt ist Südwest – also genau von dort wo wir hin wollten. Dazu kommt, dass der Englische Kanal das am dichtesten befahrene Gewässer der Welt ist. Das Gebiet ist in Fahrbahnen und Sperrzonen mit klar geregelten Befahrensvorschriften eingeteilt und wird auch per Radar und AIS von den Behörden überwacht. Insbesondere die Meerenge zwischen Dover und Calais hat es in sich, dort verkehren zusätzlich auch noch Schnellfähren, die unseren Kurs kreuzen würden. Und um es noch ein Stückchen komplexer zu machen, gibt es hier alle 6 Stunden wechselnde Gezeitenströme mit bis zu 5 Knoten Geschwindigkeit und einen Tidenhub (Unterschied des Wasserstandes zwischen Hochwasser und Niedrigwasser) von mehreren Metern.

Kurzum – vor diesem Teil der Reise hatte ich gehörigen Respekt und war umso froher, eine kompetente Mitseglerin dabei zu haben. Cynthia ist schon vor Jahren mit mir gesegelt, als wir noch beide im IBM Segelclub waren. Mit mehreren Tausend  Seemeilen Erfahrung wusste ich, dass ich mich auf sie verlassen konnte. Und sie war – im Gegensatz zu mir – hier schon einmal gesegelt. 

Die Wettervorhersage versprach schwache westliche Winde und deshalb legten wir bereits um 6 Uhr am Sonntagmorgen ab. Von Amsterdam ging es zunächst durch den Kanal nach IJmuiden und dort wurden wir raus in die Nordsee geschleust. Wir wussten nicht, wie schnell wir unterwegs sein würden und hatten uns daher mehrere mögliche Zielhäfen entlang der Holländischen und Belgischen Küste ausgesucht. Es ging aber flott voran und wir entschieden, die Nacht durchzugehen, um möglichst weit zu kommen bevor der Wind am Dienstag wieder zunehmen würde. Zu dem Zeitpunkt wussten wir natürlich nicht, dass die Nacht und vor allem der nächste Morgen zum schlimmsten Törn der bisherigen Reise werden sollte.

Bis kurz vor Mitternacht war noch alles OK, aber dann tauchte in der Ferne ein Windpark auf, der nicht in der Karte verzeichnet war. (Wie ich später erfuhr, war der Windpark noch im Bau und daher noch nicht in der Karte drin.) Er lag genau in unserem Weg und erstreckte sich über eine Breite von geschätzt mehreren Seemeilen. Da er nicht mit roten Leuchten markiert war, wollte ich auf direktem Kurs durch. Gleichzeitig hat sich eine schwarze Regenwand direkt auf uns zu bewegt. Ich hoffte noch, ihr mit dem direkten Kurs durch den Windpark ausweichen zu können, als wir plötzlich über Kanal 16 auf dem Seefunkgerät aufgerufen und informiert wurden, dass wir uns einem Sperrgebiet nähern würden und dort nicht durchfahren dürften (sie hatten uns auf ihrem Radar bzw. AIS gesehen und identifizieren können). Wir mussten wohl oder übel direkt in die Gewitterzelle reinsteuern. Was dann über uns hereingebrochen ist, kann man nur als sintflutartigen Regen begleitet von Blitzen und lauten Donnerschlägen bezeichnen. Ich hatte aus Sicherheitsgründen noch schnell  ein Tablet und ein  GPS-Gerät in den Backofen (Faraday’scher Käfig) gelegt für den Fall, wenn wir von einem Blitz getroffen würden und damit die gesamte Bordelektrik ausfallen würde. Der ganze Spuk hat nur 10 bis 15 Minuten gedauert, aber in der Zeit waren wir völlig blind – man hat wegen des starken Regens schlichtweg nichts mehr gesehen, auch nicht auf dem Radar. Um nirgendwo reinzufahren, habe ich das Boot aufgestoppt und abgewartet. Als der Spuk vorbei war, kam der Wind und mit ihm eine eklig kurze Welle. Die folgenden 12 Stunden liefen wir nur mit 2 bis 3 Knoten, weil wir ständig durch die Wellen aufgestoppt wurden. Am nächsten Tag kamen wir gegen Mittag ziemlich erschöpft in Dunkerque in Frankreich an. Cynthia hat das Ganze mit Humor genommen und gemeint „Wir nehmen das Anlegebier wie James Bond seinen Martini – geschüttelt und nicht gerührt!“

Frankreich ohne Pain au Chocolat geht gar nicht!
Farbenfroher Poller im Hafen von Dunkerque
„La plus belle Plage du Nord“
Alles da, aber niemand will baden….?
Waterfront
Cynthia beim Abendrot einfangen
Sunset in Dunkerque

Wir blieben fast drei Tage in Dunkerque im Hafen. Einerseits, weil wir uns erholen wollten und andererseits, weil der vorhergesagte Starkwind auch wirklich sein Wort gehalten hat.

Als wir durch den Ort gingen, hat es uns manchmal fast vom Wind umgehauen.

So gesehen war es genau die richtige Entscheidung schon am Anfang soviel Distanz wie möglich zurückzulegen. Diese Taktik haben wir auch für den Rest der Reise durchgezogen und sind in einem Tagestörn und zwei weiteren Nachtschlägen über Dieppe und Cherbourg nach l’Aber Wrac’h gesegelt. Wobei gesegelt nicht ganz der richtige Ausdruck ist, denn wegen den mehrheitlich sehr schwachen Winden haben wir fast die ganze Strecke unter Motor gemacht. Aber das habe ich von Anfang an vermutet, denn mit RARE BREED gegenan zu segeln ist wahrlich kein Vergnügen. Die Zeit, auf den Ostwind zu warten hatten wir einfach nicht, dann schon lieber bei schwachem Wind unter Maschine zum Ziel kommen.

Kafi & Müesli en route

Dieppe war ein nettes Städtchen und hatte vor allem einen sehr eindrücklichen Tidenhub von fast 6 Metern. Auch der Markt war riesig und hat sich durch die ganze Altstadt gezogen.

Eindrückliche Unterschiede zwischen Hoch- und Tiefwasser.
Und so sieht es dann in der Realität aus – das ist der gleiche Pfosten!
Eine Rennsemmel in Dieppe. Frankreich das Land der Hochsee-Regattesegler.
A Place with a View…
the View über Dieppes Waterfront
Am Ende des Weges…
Cooler Käfer – Tiefer geht nimmer 🙂

Der Nachtschlag von Dieppe nach Cherbourg war ein Traum! Die See war spiegelblank, der Sonnenuntergang in den schönsten Farben und als uns danach auch noch Delfine für ein paar Minuten begleitet haben, war es schon fast wie in einem kitschigen Film. Wegen den Strömen liefen wir manchmal mit 10 Knoten über Grund, aber später dafür nur mit 3 bis 4 Knoten.

Bei Flaute ist jeder ein guter Skipper 😉

Um nicht mitten in der Nacht in Cherbourg anzukommen, haben wir schon früh angefangen „zu bremsen“. Jedoch war der mitlaufende Strom so stark, dass wir auch so viel zu schnell waren.  Die letzten Stunden vor Sonnenaufgang steuerten wir nach SSE (160°), aber über Grund ging es nach WNW (280°). Die Strömungen hier sind schon extrem eindrücklich.

Kompasskurs 190° (SSW). Kurs über Grund WSW…

Cherbourg hat uns eigentlich gar nicht gefallen. Ein riesiger Hafen und eine Stadt, die wenig Liebliches an sich hatte. Dass Sonntag war, hat natürlich dazu beigetragen, dass alles wie ausgestorben war. Also sind wir bei sehr schlechten Sichtverhältnissen am nächsten Vormittag mit ablaufendem Wasser ausgelaufen. So lief der Strom mit und hat uns regelrecht ums Cap de Hague rumgespült. Weil es so gut lief, haben wir spontan den Weg zwischen Alderney und Guernsey genommen, ein Gebiet, welches für seine starken Strömungen bekannt ist. Die hatten wir! Mit 7 Knoten mitlaufendem Strom wird der schwache Wind  natürlich stärker und so konnten wir sogar mit 10 Knoten segeln. Das heisst, wir sind eigentlich nur mit 3 Knoten durchs Wasser gesegelt, aber über Grund wurden es mit dem Strom 10 Knoten. Bei solch starken Gezeitenströmen entsteht eine sehr aufgewühlte See, sog. „Races“. Bei Wind von 5 Beaufort (frische Brise mit 29 bis 38 km/h) oder mehr wird es regelrecht gefährlich. Bei den schwachen Winden die wir hatten, war es nur eindrücklich, wie das Wasser gekocht hat und sich plötzlich Wirbel gebildet haben die spürbar am Boot zerrten.

Kochen unterwegs

Später in der Nacht sind wir über die Untiefe „Banc des Langoustiers“ gefahren. Vom Tiefgang her absolut kein Problem, aber die Untiefe hatte ihren Namen wohl nicht umsonst, denn es wimmelte nur so von Fischerbooten, die andauernd ihren Kurs änderten. Cynthias Nachtwache artete regelrecht in Stress aus und glich einem Katz- und Mausspiel.

Am nächsten Vormittag liefen wir – mit kräftigem quersetzendem Strom in die Einfahrt von l’Aber Wrac’h. Die Wellen haben sich an den Untiefen rechts und links von der Zufahrt gebrochen und wir haben uns peinlichst genau an das schmale und verwinkelte betonnte Fahrwasser gehalten. Ein Motorausfall wäre in der Situation sehr schnell sehr unangenehm geworden. Das sind Momente, in denen ich um die beiden Maschinen auf RARE BREED sehr froh bin.

Nach nur 9 Tagen und 511 Seemeilen zurückgelegter Distanz waren wir am Ziel des Törns angelangt. Es waren anstrengende, aber auch schöne Tage und Nächte gewesen. Wir waren beide stolz und glücklich, dass alles doch so gut gelaufen ist. Der Englische Kanal war bezwungen! Cynthia war eine sehr gute Crew und wir haben uns wirklich gut verstanden. Dass Cynthia ihr selbst gestecktes Ziel „Kein Törn ohne wenigstens einmal Baden“ nicht erreicht hat,  lösen wir, indem sie auf jeden Fall nochmals mitsegeln wird – und das Mal hoffentlich ohne Zeitdruck und bei besseren Wetter- und Windverhältnissen – z. B. in der Karibik 😉

511 Seemailen durch den Ärmelkanal in neun Tagen.

Die verbliebenen Tage von Cynthias Urlaub verbrachten wir mit einer Kombination aus Besorgungen erledigen und Ausflüge machen. Da l’Aber Wrac’h so ein kleines Örtchen ist, wo es nicht mal einen richtigen Lebensmittelladen gibt, war schnell klar, dass ein Mietauto her musste. Das bekamen wir von einem örtlichen Garagisten und es war die unkomplizierteste Automiete, die ich je erlebt habe. Bezahlung Bar auf die Hand. Handyfoto vom Fahrausweis und keinerlei Kreditkarten oder sonstige Identifikationsdaten nötig. Und das Auto könne ich statt wie bezahlt bis Sonntag-, auch erst am Montagabend hinstellen – sie hätten am Montag nämlich zu.

Mit dem Auto sind wir nach Brest und haben die kaputte Scheibe im Sprayhood (Verdeck) vom Segelmacher nachnähen lassen. Als ich deren riesige Halle gesehen habe, habe ich sie spontan gefragt, ob sie mir helfen würden, den Spinnacker in den Bergeschlauch einzufädeln, was sie gerne gemacht haben.

Auf dem Rückweg haben wir in einem riesigen Baumarkt Holz und anderes Material besorgt, welches ich für den Bau einer „Badeplattform“ unter dem Geräteträger für die Sonnenzellen verwenden wollte.

Daneben hat es noch für einen Ausflug zu einem Leuchtturm inkl. Wattwanderung und für einen Besuch im Oceanopolis in Brest gereicht, bevor ich Cynthia zum Flughafen gebracht habe.

Austernzuchtanlagen
Bretagne und Crepes – das muss auch sein!

Die To Do Liste für die Woche, die ich in l’Aber Wrac’h alleine verbringen sollte bis Biggi wieder kommt, war lang, sehr lang… RARE BREED würde sich für eine Woche wieder in eine Baustelle verwandeln.

Gastbeitrag von Cynthia:

«…und nach der Reise wurden sie getrennt voneinander befragt»…Nach diesem Motto Cynthia’s Bericht der Reise von Amsterdam nach L’Aber Wrac’h.

Es gibt gemütlichere Optionen, seine Sommerferien zu verbringen, als an Bord eines Katamarans auf der Reise von Amsterdam in die Bretagne. Ich bin mehrmals gefragt worden, warum ich mir das antue. Am Ende dann eine Aussage dazu. Aber wie kam es überhaupt dazu? Im Frühling habe ich Jan spontan angeboten, «mal mitzusegeln, falls er eine Hand brauche». Kurz darauf hat er sich tatsächlich gemeldet, und nachdem klar ist, dass An- und Rückreise quarantänefrei möglich ist, und ich im Juli auch freinehmen kann, steht dem nichts im Wege. Aber ich muss schon zugeben: so ganz genau habe ich nicht gewusst, worauf ich mich einlasse: mehr als 500 Meilen, mehrheitlich mit Wind auf die Nase (bei einem Kat gibt es gemütlicheres), viel Fähr- und Frachtverkehr, Nachtschläge… und nur zu zweit an Bord. Aber: Augen zu und durch!

Jan und ich treffen uns am Flughafen in Amsterdam. Biggi hat kurz vorher die Heimreise angetreten. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Dass «Amsterdam-Z» nicht für Amsterdam Centraal steht und nicht jeder Zug mit der Station «Centraal» in der Destination auch nach Amsterdam-Centraal fährt, finden wir dann auch heraus und schaffen wir es doch noch in den Hafen. Hoffentlich sind die Navikenntnisse auf See besser! Bereits am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe heisst es: «Leinen los». Wasser bunkern und ab in Richtung Westen. Die Schleuse in IJmuiden ist problemlos. Ich denke, um mehr als 30 Zentimeter werden wir nicht angehoben. Und dann sind wir im Ärmelkanal. Der Tag ist gemütlich, ich lerne Rare Breed etwas kennen und wir bereiten uns auf den ersten Nachtschlag vor. In Dreistundenschichten werden wir durch die Nacht motoren. Zum Glück ist um diese Jahreszeit und so weit im Norden die völlige Dunkelheit nicht lang. Ich bin dankbar für das AIS an Bord. Dank diesem Gerät können wir viel früher orten, woher ein Schiff kommt, welchen Kurs es fährt und ob wir allenfalls auf Kollisionskurs sind. Ich stelle nämlich fest: mit den Wellen und dem Fernglas in der Nacht die Positionslichter eines Schiffes wirklich bestimmen zu können, ist eine Herausforderung. Und Lichter sind viele zu sehen! Die Windparks sind beleuchtet und blinken rot und weiss, wie an einer Chilbi. Dazu gilt, dass wir uns in einem stark befahrenen Gebiet bewegen und uns ans Fahrwasser und an die Betonnung halten müssen. Immer wieder stecke ich den Kopf kurz aus dem Windschatten des Cockpits, um einen Blick nach vorne zu werfen und die nächste Tonne reell und nicht nur auf dem iPad zu suchen. Das Problem ist: mit dem Wind und der Gischt ist meine Brille im Nu salzverkrustet, was das Sehen nicht erleichtert. Um zwei Uhr nachts ist meine Schicht vorbei und ich lege mich für drei Stunden in die Koje. Das aufziehende Gewitter, und dass Jan über Funk aufgefordert wird, den Kurs wegen eines Windparks zu ändern, bekomme ich nur halbwegs mit. Ab fünf bin ich dann wieder an Deck, aber es wird schon dämmerig, und die anderen Schiffe sind wieder mehr als Positionslichter am Horizont. Gegen Mittag laufen wir in Dünkirchen ein. Bienvenue in «Froonkreisch»!

Drei Nächte bleiben wir in Dünkirchen, und lassen den heftigen Wind (mit Böen von über 30 Knoten im geschützten Hafen!) vorbeiziehen. Wir absolvieren ein kleines Touristenprogramm. Das Museum zur Operation Dynamo der Alliierten im 2. Weltkrieg ist spannend, der Spaziergang der kilometerlangen Promenade entlang tut gut. Der Wind schiebt uns rasant, und auf dem Rückweg kämpfen wir entsprechend gegen an und müssen aufpassen, dass wir vom Sand nicht paniert werden. Komischerweise ist aber niemand am Baden, obwohl der Strand eigentlich hübsch wäre. Alle sitzen im Restaurant und essen Moules et Frites. Wir dann auch.

Touristenprogramm in Dünkirchen

Wir verlassen die «Sch’tis» und machen uns weiter auf den Weg in Richtung Süden. Vorbei an Calais, durch viele Bojenfelder mit geankerten Riesenpötten. Kurzfristig können wir dann endlich auch einmal segeln. Aber leider ist das Vergnügen von kurzer Dauer. Trotzdem ist es entspannend, unterwegs zu sein, dem Funk auf Kanal 16 zuzuhören (besonders gefällt mir das British-English der Küstenwache von Dover) und auch die Küste der Normandie anzuschauen. Gegen Abend laufen wir in Dieppe ein. Die hübsche Altstadt sehen wir im ersten Moment allerdings gar nicht. Das Hafenbecken liegt etwa 10 Meter tiefer – nur die Mastspitzen schauen daraus hervor. Das ändert sich bei Hochwasser. Plötzlich sind wir auf Promenadenhöhe – 6.5 Meter höher. Ich bin froh, in der heutigen Zeit zu segeln: Die ganzen Gezeiten- und Stromberechnungen ohne Navionics würden mich überfordern. Sehr hilfreich ist es auch, ständig ein Handy dabei zu haben. Wir fotografieren jeweils die Zugangscodes für den Steg und die Sanitäranlagen. Vor allem in Dieppe ist das eine hervorragende Idee: drei verschiedene Codes mit je 6 Ziffern und einem Buchstaben müssten wir uns sonst merken. Und in jedem Hafen beginnt das Spiel von vorne…

: Tidenhub in Dieppe – das ist zweimal der gleiche Poller!

Nach zwei Tagen geht es weiter. Das Meer ist spiegelglatt. Ich sitze an Deck und schaue hinaus ins «grand-rien d’eau». Das Meer ist faszinierend, je nach Lichteinfall sieht es immer wieder anders aus. Rundherum ist stellenweise nichts als Himmel und Wasser zu sehen. Gelegentlich ein anderes Schiff, aber nachdem wir engste Stelle hinter uns gelassen haben, ist der Berufsverkehr hier nicht mehr prominent. Es sind Momente wie diese, welche mich immer wieder aufs Meer ziehen. Ein bisschen Wind zum Segeln wäre jetzt aber doch schön. Ohne Gerumpel «überfahren» wir um halb sechs dann den Nullmeridian. Ich passe den genauen Moment ab, damit ich den Sprung in der Anzeige von der östlichen in die westliche Hemisphäre dokumentieren kann. Geschafft! 

Stimmungsbilder des Meeres

Der Sonnenuntergang wird kitschig – unglaublich kitschig. Nur ganz wenige Wollen am Himmel, die Sonne versinkt blutrot im Meer und färbt die Wolken ein. Das Meer ist weiterhin spiegelglatt. Wir kommen kaum nach mit dem Fotografieren! Die Nacht ist ebenso traumhaft – der Sternenhimmel blinkt und glitzert. Hin und wieder gehört allerdings eines der Lichter auch zu einem Schiff. Der Strom schiebt uns kräftig – bei diesem Tempo kommen wir mitten in der Nacht in Cherbourg an, das wollen wir nicht. Wir «ziehen die Bremse an»…Mit dem Morgengrauen laufen wir in Cherbourg ein. Drei Vorhäfen sind zu durchfahren, und nach einem Zwischenstopp an einem Behelfspier bekommen wir am Ende aber doch in prominenter Lage direkt bei der Capitainerie einen Liegeplatz zugeteilt. Ein Stündchen legen wir uns aufs Ohr, und erholen uns. Cherbourg selber hat mich nicht so überzeugt. Vielleicht auch, weil Sonntag ist, und die Läden daher geschlossen sind. Der Hafen aber ist riesig, und gut ausgerüstet, die sanitären Anlagen sind ebenfalls tipp-topp. Und Pain au Chocolat findet man auch am Sonntag in Cherbourg!

Nur eine Nacht bleiben wir in Cherbourg. Nachdem Jan sich stundenlang mit den Unterlagen und Gezeitentabellen beschäftigt, den Revierführer konsultiert hat, und wir ja nun auch handfeste Erfahrungen mit der Strömung im Kanal gemacht haben, ist klar, dass wir dann auslaufen, wenn die Strömung uns hilft. Und das ist am nächsten Tag kurz vor Mittag der Fall, eine Stunde vor Hochwasser. Es ist diesig, Sicht gegen null. Im Laufe des Tages wird der Himmel aber heller, wir können tatsächlich auch segeln und sind nun CO2-neutral unterwegs. Wind und Strömung bringen uns vorwärts, die Sonne liefert die Energie für die Instrumente… Zwischen Alderney und Guernsey düsen wir durch den Kanal, kurz wird es kabbelig, aber das ist nicht weiter tragisch. Schade können wir auf den Kanalinseln nicht anlegen, ich hätte mich gerne dort umgesehen, das war schon immer eine Wunschdestination von mir. Ein langer Schlag liegt vor uns. Nach Möglichkeit wollen wir bis L’Aber Wrac’h durchziehen. Darum wechseln wir auch bald wieder in den Schichtmodus, damit sich immer einer von uns beiden ausruhen kann. Mit Schichtbeginn um 23 Uhr habe ich dann auch meine kleine Krise: es ist ruppig, überall am Horizont, und zwar rundherum (!) sind die Positionsleuchten von Fischern zu sehen. Es ist mir zu rau, um zusätzlich alle paar Minuten an den Navitisch zu gehen und auch noch das AIS zu beobachten, Jan springt hier ein. Wir ändern etwas den Kurs, um diese Langustenbank und ihre vielen Fischer weiträumiger zu umfahren, und das hilft definitiv. Krise vorbei. Es ist schweinekalt. Ferien im Juli, in Faserpelz und Ölzeug, mit Kappe und Halstuch… Aber trotzdem: ich geniesse es. In meiner zweiten Schicht schläft der Wind immer mehr ein, resp. er ändert die Richtung. Ich kann den gewünschten Kurs unter Segel nicht mehr halten. Und jetzt? Jan wecken? Da gibt es zwei Methoden: die sanfte und die harte Tour… Die harte wäre: ich starte den Motor… und ich kann sicher sein, der Skipper steht im Nullkommanichts an Deck. Oder sanfter: ich warne ihn erst… Das ist das was, ich tue. Natürlich könnte ich den Motor auch allein starten, aber eben, in meiner Erfahrung führen solche Manöver ebenso wie auch abrupte Kursänderungen unter Segel im Normalfall dazu, dass ein Skipper sofort wach und an Deck ist. Die Strömung ist nun klar gegen uns. Noch mit knapp 2 Knoten über Grund sind wir unterwegs. Die Wellen werden höher. Ist das bereits die berühmte Atlantikdünung? Ich denke schon. Die Wellen sind auf jeden Fall sehr lang. Je heller der Morgen wird, und je näher wir ans Ziel kommen, umso mehr Segelschiffe poppen plötzlich auf. Jetzt heisst es wieder richtig aufpassen. Wir sind unter Motor unterwegs, sie haben also Vorfahrt – um kaum je AIS. Mit den hohen Wellen sind auch Segler nicht immer sehr früh zu sehen. Die Einfahrt nach L’Aber Wrac’h übernehme ich. Lustige Name für die Tonnen haben sie hier: Le Grand Pot de Beurre ist nur einer davon… Nach 511 Meilen haben wir das Ziel erreicht. Ohne Zwischenfälle, ohne Blessuren, und ahead of time. Nun können wir uns noch etwas entspannen. Entspannt ist auch die Automiete. So problemlos habe ich das noch nie erlebt. Ein Foto von Jan’s Ausweis, etwas Cash übergeben, und der Peugeot «mit den blauen Ohren» gehört uns – geliefert bis zur Capitainerie. Sehr hilfreich ist das Navi. Die in bretonisch und französisch angeschriebenen Strassenschilder sind zahlreich, die Wege, Ein- und Ausfahrten aber ebenfalls. Ich war schon mehrmals in der Bretagne – und immer noch habe ich das Gefühl, Obelix mit seinem Hinkelstein auf dem Rücken kommt uns demnächst entgegen. Die Hortensien blühen traumhaft in allen Farben, ganze Alleen voll. Ein sensationeller Anblick! Vom «Quatorze Juillet» bekommen wir nicht viel mit. Vielleicht sind etwas mehr Leute als sonst am Crêpes essen, aber sonst? Das Wetter ist mittlerweile fantastisch, heiss und sonnig. Ich fange mir doch tatsächlich einen kleinen Sonnenbrand ein. Jan nutzt die Gelegenheit, ein Auto zur Verfügung zu haben, und wir klappern in diesen Tagen Handwerkerladen und Segelmacher ab. Etwas Moules et Frites dürfen auch nicht fehlen, und der Besuch im Oceanopolis in Brest gehört zum Programm.

: Impressionen aus der Bretagne

Als Abschluss ein unterhaltsames Nachtessen, zusammen mit Sandra und Gottfried von der Moana, und am Samstag in aller Frühe muss ich los zum Flughafen. Die zwei Wochen sind schnell vorbei. Ich beneide Jan und Biggi um die Erfahrungen und Eindrücke, welche sie nun sammeln dürfen. Die Zeit auf der Rare Breed war körperlich anstrengend, mit den drei Nachtschlägen und der Wache jeweils für drei Stunden ganz allein an Deck. Aber: mental war die Reise erholsam. Warum tue ich mir dies an? Ich hätte zwei Wochen Ferien auch stressfreier verbringen können, aber ich finde, das Wort «stressfrei» ist relativ. Die Art, auf einem Segelschiff unterwegs zu sein, ist unschlagbar. Die Welt zieht im Schritttempo vorbei, die Seele mag mithalten. Das Schaukeln wiegt mich in den Schlaf, und frische Luft den ganzen Tag ist unschlagbar. Frisurentechnisch nicht ideal, das gebe ich zu…Am Ende eines Schlages warten neue Destinationen auf Entdeckung. Ich freue mich, dass ich Jan auf dieser Strecke habe begleiten können. Wir haben uns gut verstanden, unser Schoggi-Geschmack war komplementär, nicht mal das hat zu Problemen geführt! Gerne wieder!

Cynthia 

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Hausbootferien in Holland

Hausbootferien in Holland

Windmühlen in Dokkum

Im Vorfeld der Reise haben wir uns überlegt welche Route wir am Anfang nehmen wollten. Entweder von Helgoland außen um den Friesischen Inseln bis Den Helfer in Holland oder durch die Staandemast Route durch die Kanäle in Holland. Die erste Variante wäre bei guten Wind wesentlich schneller aber hätte auch 1-2 zwei Nachtschläge bedeutet. Die Staandemast Route geht wesentlich länger hat aber einen ganz besonderen Reiz – man tuckert durch viele schöne Landschaften und Orte und sieht so ganz viel von Holland. in Anbetracht von Biggis verkürzte Ferien waren wir im Vorfeld v

Davon ausgegangen, dass es wohl die schnellere Route aussen herum werden würde, nachdem wir aber den ersten Teil von Neustadt bis Helgoland so zügig zurückgelegt haben wurde die Route durch die Holländischen Kanäle wieder aktuell und so sind wir in Delfzijl durch die Schleuse in den Zeehavenkanaal gefahren. Leider haben sie uns durch die engere Sportbootschleuse gelotst. Diese ist nur geringfügig breiter als RARE BREED und so hat uns diese Schleusen einen hässlichen Kratzer in der Bordwand beschert, da die Fender zu hoch hingen und wir unten an die Betonwand der Schleuse kamen

Danach waren aber alle Brückendurchfahrten und Schleusen etwas breiter und problemlos passierbar – oder wir haben uns einfach daran gewähnt und dazu gelernt? Naben den Naturschönheiten entlang der Strecke war es immer wieder faszinierend wie prompt die Brücken und Schleusen für uns geöffnet wurden und die Autos warten mussten, bis wir durch waren.

Bis auf ganz wenige Ausnahmen musste man fast nie etwas für diesen Service bezahlen. Dort wo man bezahlen musste, hat der Brückenwärter einen holländischen Holzschuh an einer Angel runtergelassen in dem man den geschuldeten Geldbetrag passend reingelegt hat. 

Viele Brücken waren Videoüberwacht und von einer Zentrale gesteuert. Wenn man darauf zu gefahren ist konnte man entweder per Funk anfragen, oder aber auch warten, dass das Signal von Rot (=keine Durchfahrt) auf „Rot über Grün“ (=Brücke geht demnächst auf, Durchfahrt vorbereiten). Meistens ist das sehr zügig passiert.

Es gibt aber an einigen Orten manuell bediente Brücken. Ein Brückenwärter ist dabei in der Regel für mehrere Brücken zuständig. D.h. er macht die erste Brücke auf, lässt alle Boote durchfahren und macht sie wieder zu. Danach schwingt er sich auf sein „Fietje“ (Fahrrad) und radelt gemütlich zur nächsten Brücke, derweil die Boote im Kanal langsam fahrend bzw. still stehend warten. Da ein Boot nicht einfach stehen bleibt, muss immer wieder ein wenig korrigiert werden um nicht im Vordermann oder die Kanalböschung rein zu treiben. So dauert z.B. die Durchfahrt durch Groningen im Konvoi mehrere Stunden. Hausbootferien entschleunigt 🙂

Eine kompetente Steuerfrau…
… führt zu einem entspannten Skipper 🙂

Der erste Stopp war in Groningen, eine quirlige Universitätsstadt mit vielen Kneipen und Tante Emma Läden sowie einen grossen Fisch- und Gemüsemarkt. Da es uns dort so gefallen hat, haben wir einen Hafentag eingelegt und die Stadt besichtigt und im Bootsladen ein paar „Kleinigkeiten“ für’s Boot gekauft. Das Abendessen in der Kneipe am Hafen war wirklich hervorragend und auch der bald einsetzende Regen (wir sassen natürlich draussen…) konnte unsere Laune nicht trüben.

Im Groningen Passantenhafen mitten im Stadtzentrum ist es kuschelig eng.
Fischmarkt in Groningen

Überall in der Stadt wimmelte es von den typischen holländischen Fahrrädern und auffand viele davon hatten blaue Vorderreifen. Unser Liegeplatznachbar hat uns dann erklärt, dass diese geleast waren, ein preiswertes Angebot, welches bei den vielen Studenten offenbar gut ankam.

Nach Groningen sind wir in einem grossen Bogen über das Lauwersmeer, durch Dokkum und Leuwarden bis Lemmer am Markermeer getuckert.

Zoutkamp Reitdiep

Unterwegs haben wir zwei Mal an extra angelegte Liegeplätze mitten im Nirgendwo übernachtet. Diese Plätze waren einfach eine kleine Mauer entlang dem Kanal mit ein paar Poltern zum Festmachen. Es gab weder Wasser noch Strom, aber dafür konnte man dort für bis zu drei Tage umsonst und vor allem sehr idyllisch liegen. Da die Brücken zwischen Abends um ca 18 Uhr bis morgens um 9 nicht bedient waren, gab es keinen Schiffsverkehr mehr und es war absolut ruhig dort.

Sundowner im Kanal

Beim durchfahren von Städten und kleineren Ortschaften sind wir mehrmals durch pittoreske Wohngebiete nur wenige Meter von den Häusern und Gärten entlang gekommen. Die Leute haben alle fröhlich gegrüsst und wir waren von den sauber gepflegten Gärten (Englischer Rasen scheint bei den Holländern Pflicht zu sein) und der teilweise sehr innovative und mutige Architektur der Häuser beeindruckt. Die Grundstücke und auch die Häuser waren im Vergleich zu der Schweiz sehr gross und durch die vielen grossen Fensterflächen und Wintergärten wirkte alles sehr einladend und hell. Viele Häuser hatten natürlich auch einen eigenen Anlegesteg und es lagen viele Boote in allen Grössen und Arten dort. Es wurde an vielen Orten gebaut und so vermuten wir, dass wir nicht die einzigen sind, die uns vorstellen könnten so zu wohnen.

Die futuristischste Brücke, die wir zu sehen bekamen – Ferbiningskanaal
Wir fahren ÜBER die Autobahn – Aquädukt bei Leeuwarden
Einmal bitte rechts abbiegen 🙂
Jedem sein eigener Leuchtturm…
… oder Badenixe!
Dreh- statt Hebebrücke
Sogar Eisenbahnbrücken wurden für uns geöffnet.

In Lemmer wurden wir auf’s Markermeer rausgeschleust und zum ersten Mal während unsere bisherige Reise konnten wir bei einem schönen achterlichen Wind die Segel setzen und ohne brummende Dieselmotoren segeln. Das Wetter war zwar eher trüb aber der Wind hat uns zügig geschoben und unsere überladene Lady hat ihre Qualitäten gezeigt und ist mit Rauschefahrt gen Enkhuizen gedüst. 

Biggi fühlt sich am Steuer zusehends wohler.
Wetter durchzogen, aber es hat Wind!
Endlich wieder Segeln!
Enkhuizen by night

Tags darauf ging es durch die Schleuse bei Kornwerdezand ins IJsselmeer und nach einen schönen Segeltag kamen wir in Amsterdam an. Durch der „Oranjesluis“ kamen wir in der IJ, ein Süsswasserstrasse, die von Amsterdam nach IJmuiden geht. Da wir noch in der Vorsaison waren, hatten wir keinen Platz in der Marine vorreserviert. Im Törnführer wurde die Sixhaven Marina vorgeschlagen, aber mit keinem Wort erwähnt wie eng diese ist. Da sie voll belegt war mussten wir das Boot dort drin wenden um wieder raus zu kommen. Ein Katamaran lässt sich mit den beiden Motoren an Ort und Stelle kehren, wenn der Platz aber nur wenige cm grösser als das Boot ist wird das zur einer richtigen Herausforderung. In der wenige km weiter vorne gelegenen Amsterdam Marina haben wir schlussendlich einen Platz bekommen. 

Princess Margriet Sluis – die Einfahrt nach Amsterdam

Der Törn durch die Kanäle war ein Highlight und hat uns als Crew bei den vielen Brücken und Schleusen viel Routine beim Manövrieren und Anlegen gebracht.

Für Biggi war der erste Teil der Reise hier zu Ende und wir haben die letzten Tage von ihren Ferien mit Putzen, Aufräumen aber auch mit einer Stadtbesichtigung von Amsterdam verbracht. Um von der Marina nach Amsterdam City zu kommen, konnen wir eine Shuttelfähre benutzen. Diese ist gratis und wir rege von Fussgängern und „Fietjes“-Fahrern benutzt. Dass Zürich als reiche Stadt keinen solchen Service anbieten kann, stimmt einem nachdenklich.

Auf der Shuttlefähre muss eine Maske getragen werden.

Amsterdam hat so viel zu bieten, dass ein Eintagesausflug bei weitem zu wenig ist. Wir haben versucht das Beste daraus zu machen und zuerst einen Ausflug mit einem Kanalboot durch die Grachten gemacht und sind danach zu Fuss durch die Altstadt gepilgert. Für uns Touristen ist Amsterdam wegen den vielen schnell daherredende Fahrradfahrer nicht ganz ungefährlich. Die Fahrradfahrer kennen offenbar keine Angst und radeln einfach über die Kreuzungen ohne sich um allfällig kreuzende Autos (oder kurzsichtige Touristen wie mich…) zu scheren.

Fast wie in den Limmatböötchen 🙂
Auf den Grachten unterwegs
Kindermuseeum „Nemo“ im Amsterdamer Hafen
Und die obligaten Amsterdamer Fritten – natürlich eine „Obelix“-Tüte 🙂
Abendstimmung in der Amsterdam Marina.
Die „Hoffotografin“ am Werk 🙂

Am Samstag den 3.7. habe ich Biggi zum Flughafen gebracht und mein neues Crewmitglied Cynthia abgeholt. Wir hatten den Auftrag RARE BREED in zwei Wochen die ca. 400 Seemeilen von Amsterdam nach L’Aber Wrac’ bei Brest zu bringen, wo Biggi wieder an Bord kommen wird.

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