Südamerikareise Teil 6: Kolumbien
Von Lima geht es mit einem Übernachtungsstop in Medellin weiter nach Santa Marta an der kolumbianischen Karibikküste.

Der Flughafen in Medellin ist ziemlich weit ausserhalb der Stadt. Da wir am Abend ankommen und am nächsten Morgen schon weiterfliegen, haben wir ein Zimmer in einem kleinen Hotel unmittelbar neben dem Flughafen gemietet. Das Zimmer ist günstig, hat aber auch eine sehr starke Ähnlichkeit mit einer kargen Gefängniszelle. Aber egal, Hauptsache ein richtiges Bett.
Santa Marta empfängt uns mit tropischem schwül heissem Wetter. Vom Flughafen düsen wir mit dem Taxi über die staubigen Strassen von Santa Marta dort hin (… wo die Strassen erst gar nicht geteert sind). Die Adresse unserer Unterkunft ist nicht eindeutig und unser Taxista lässt uns mit einem ungläubigen und fast mitleidigen Blick an einer Ecke raus, die Google als Zielort vorschlägt. Ratlos gucken wir uns an und kontaktieren nochmals unseren Vermieter. Zum Glück sind wir gar nicht sooo weit weg von unserer Unterkunft. Nur noch 5 Minuten zu Fuss in sengender Hitze bepackt wie die Esel und wir haben es geschafft. Mit wenig Gepäck zu reisen haben wir trotz der inzwischen recht langen Reisezeit noch nicht hinbekommen. Ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass wir die in Bolivien dazu gekauften warmen Kleider jetzt auch mitschleppen.

Unsere bisherige Reise hat uns mehr als 25‘000 km kreuz und quer durch Südamerika geführt. Wir merken langsam, dass wir ein wenig reisemüde sind und ausserdem haben die vielen Flüge und Eintritte unserer Reisekasse ziemlich zugesetzt.
Die ursprüngliche Idee, den April in einem Strandhaus in Gorgonia, Panama zu verbringen, entpuppt sich als Reinfall, denn die Vermieter antworten gar nicht mehr auf unsere Anfragen. Ist aber nicht weiter schlimm. Kolumbien ist auch ein schönes Land und bietet neben einigen Sehenswürdigkeiten auch sehr tiefe Lebenshaltungskosten, also ideal für unsere angeschlagene Reisekasse.

Also entscheiden wir den grössten Teil der verbleibenden Reisezeit in der Gegend von Santa Marta bzw. in Taganga zu verbringen. Unser Airbnb erfüllt einiges, was im Inserat steht: Meeresblick, Blick auf die Berge, warmes + kaltes Wasser (nach Tageszeit). Beim bequemen Bett können wir nicht zustimmen und der angepriesene Whirlpool erweist sich als 1,20 m Eigenbaubadewanne und lädt nicht gerade zum Verweilen ein. Wir stellen fest, dass das, was hier als Luxusunterkunft verkauft wird noch lange nicht europäischen Erwartungen entsprechen muss. Aber wir lernen jedes Mal dazu. Die vollverglaste Fassade gibt den Blick frei auf den Atlantik, die Berge und Nachbars Garten. Und da steht ein riesiger Kaktus, der bereits morgens um 6 einigen Vögeln als Nahrungsquelle dient. Spechte, kleine Papageien und andere bunte Vögel laben sich schön nacheinander am stacheligen Gewächs. Und ein Leguan wohnt auch hier.

Wir sind zurück in der Hitze, zurück am Atlantik, zurück in der Karibik. Das Thermometer klettert tagsüber schnell mal auf über 30°. Das ist fast schon wieder zu heiss… uns kann man es auch nicht recht machen. Ziemlich spontan springen wir mittags in einen der blauen Busse und fahren rein in die City nach Santa Marta. Obacht, es gibt zwei Fahrpreise! Der günstige Fahrpreis „2700 Columbianische Pesos = 0.60 €“ gilt für Busse ohne Klima, und der „teure“ „2800 Columbianische Pesos = 0.62 €“ für die Fahrt im klimatisierten Bus. Keine Ahnung, ob es überhaupt Busse mit Klimaanlagen gibt, aber mit offener Tür fahren ist auch schön luftig. Und so wie die Busse über Unebenheiten bocken – funktionierende Stossdämpfer hatten die nie.

Die Reisekasse zu schonen und gleichzeitig auswärts Essen, ist in Kolumbien kein Widerspruch. Wir gehen meistens in ein einheimisches Restaurant ausserhalb der Touristenstrassen. Dort gibt es jeweils 3-4 Tagesgerichte zur Auswahl. Mit Suppe, Hauptgericht, Getränk und manchmal sogar ein kleines Dessert, kostet es uns zwischen € 3-4.-/Person. Und dabei ist das Essen sowohl schmackhaft wie auch sehr reichhaltig.


Taganga wird in diversen Reiseberichten als einfaches, authentisches Fischerdorf mit vielen schönen Stränden und einem unaufgeregten und entspannten Lebensrythmus angepriesen. Die Begriffe einfach und entspannt treffen es genau, aber von wegen authentisch: es ist der Ausflugsort schlechthin. An der Uferpromenade reihen sich Restaurants, Bars und Touristenshops aneinander. Überall stehen Taxis und Mototaxis rum und buhlen lautstark um Kundschaft. Am Wochenende ist der Bär los und die laute Musik von der Strandpromenade ist weit herum hörbar. Was uns aber wirklich schockt ist der allgegenwärtige Abfall. Der Strand sowie die Strassen und Hänge sind mit Müll übersäht. Und von den angeblich vorhandenen „unberührten“ Stränden ist weit und breit nichts zu sehen. Wir haben alle Strände abgeklappert und überall hat es Imbissbuden, Strandliegenverleihe und – Abfall.

Wir haben einen Wanderweg ausgemacht, der praktisch vor unserer Haustür startet. Wir laufen runter ins Dorf zum Playa de Taganga, dann einen Hügel rauf und an der Küste entlang über Stock und Stein, rauf und runter, teilweise auf sehr schmalen Pfaden an sehr steilen Hängen. Von oben haben wir jedenfalls eine tolle Aussicht auf die Buchten. Biggi lässt sich Zeit und schaut genau, denn jede kleine Pause kommt ihr gerade recht, um wieder etwas zu Atem zu kommen. Ein Wermutstropfen auch hier ist der ewige Müll, Plastik überall und in allen Variationen achtlos in die Natur geschmissen. Wir sammeln ja immer wieder Müll ein auf unseren Wegen. Aber hier ist es echt uferlos, schade und traurig! Wir kommen unterwegs an mehreren Stränden vorbei. Nicht überall ist das Baden erlaubt, da entweder „Pescadores“ ihre Netze ausgelegt haben oder die Strömung so stark ist, dass Schwimmen lebensgefährlich ist. Schliesslich gelangen wir über den Playa Genemaca und den Playa Grande an den Playa Sisiguaca. Diese Strand ist so abgelegen, dass er etwas ruhiger und vor allem sauberer ist. Endlich heisst es: Raus aus den Klamotten und rein ins kühle Nass! Nach langer Zeit mal wieder die Füsse ins Meer halten und schwimmen – was für ein tolles Gefühl .

„Highway to hell“: Unser ursprünglicher Plan bis Ende März Südamerika unsicher zu machen und dann für einen Monat in einem Strandhaus in Panama zu wohnen hatte sich ja zerschlagen , also mussten wir hier eine Alternativunterkunft suchen. Eine Bleibe zu finden stellt uns vor eine kleine Herausforderung. Nicht zuletzt, weil Ostern vor der Tür steht und viele Unterkünfte bereits ausgebucht sind. Aber wir haben Glück. Hier in Taganga gibt es ein Loft, welches frei ist. Doch bevor wir uns festlegen, möchten wir es anschauen. Unser potentieller Vermieter ist total nett und bietet mir direkt einen pick-up an, um zur Wohnung am anderen Ende von Taganga am Berg zu gelangen. Ist ja super – Biggi will natürlich auch mit! Marco wartet an der Ecke auf uns – naja, eigentlich auf mich. Er ist mit dem Motorrad gekommen. Für Marco alles kein Problem, schliesslich seien sie schon zu fünft auf der Mühle unterwegs gewesen. Marco vorne am Lenker, ich hock auf dem Sozius und Biggi hinten auf dem Gepäckträger! Alle 3 ohne Helm und in kurzen Hosen; keinen Deut besser als die Einheimischen. Zumindest haben wir richtige Schuhe an, anstelle von Badeschlappen. Und Biggis Beine baumeln schaukelnd während der holprigen Fahrt nur ein paar Zentimeter über dem Boden. Nur nicht lange drüber nachdenken und versuchen, die Fahrt zu überstehen ohne einen unsanften Abgang zu machen. Mit diesem Bild im Kopf kriegen wir uns kaum ein und kichern während der Fahrt ständig vor uns hin – die Leute am Strassenrand interessiert unser Abenteuer nicht die Bohne… Willkommen in Südamerika.

Wir haben uns kurzfristig zu Millionären gemacht. In Kolumbien alles kein Problem. Ran an den Geldautomaten (sofern er funktioniert) und kurz mal 2 Millionen ziehen – Pesos natürlich. Umgerechnet etwa 446 €… Wir rechnen damit, in den nächsten Tagen nicht immer mit Karte zahlen zu können, weil wir jetzt für einige Tage in den Tayrona Nationalpark wollen.

Der Tayrona Nationalpark ist der nördlichste Punkt unserer Südamerikareise. Er liegt nordöstlich von Santa Marta und ist für die kommenden drei Tage unser Wanderrevier. Wir lassen uns mit dem Taxi bis zum Eingang chauffieren und müssen feststellen, dass wir mal wieder nicht die einzigen sind, die da rein wollen. Die Schlange am Eingang ist lang und mit unseren Rucksäcken auf dem Buckel ist das Warten in der Wärme etwas anstrengend. Zum Glück geht es dann doch schneller als gedacht und wir machen uns zu Fuss auf zu unserer Unterkunft. Sind ja nur 20 Minuten zu laufen … ächz Mototaxis und Minibusse gäbe es schon, aber die lassen wir konsequent links liegen. Manchmal – aber nur manchmal – denke ich, wir sparen am falschen Ort.

Uns erwartet hier ein wunderbares Wandererlebnis an der karibischen Küste entlang. Von einem Strand zum nächsten, durch schattigen Dschungel mit der passenden Geräuschkulisse und an riesigen Steinformationen vorbei.



Auf den Anhöhen wird immer wieder ein fantastischer Blick freigegeben aufs Wasser oder den bergigen Dschungel. Die Luft ist diesig. Die meisten Strände sind aufgrund der starken Meeresströmung und grossen Wellen nicht zum Baden freigegeben und mit einer roten Flagge gekennzeichnet. Gemäss den Warnschildern seien bereits 100 Menschen ums Leben gekommen und man solle nicht ein Teil dieser Statistik sein. Guter Plan! Ein Strand ist sogar mit einer schwarzen Flagge bestückt, denn der ist für Schildkröten reserviert, die hierher zur Eiablage kommen.


Der Strand von Cabo San Juan ist aber zum Baden geeignet und gefällt uns sehr gut und wir geniessen die Leichtigkeit dieses natürlichen Wellenbads.

Teilweise ist der mit Holzplanken präparierte Weg schon ein wenig marode, aber mehrheitlich gut zu Laufen.

Unterwegs gibt es immer wieder Restaurants, Kioske und Eisverkaufsstände an denen man sich erfrischen kann. Kogi, Arhuaco, Wiwa und Kankuamo sind die indigenen Bewohner des Nationalparks. An ein paar wenigen Orten entlang des Wanderpfades verkaufen sie frisch gepressten Orangensaft, Kaffee und Kokosnüsse, selbstgemachte Armbänder und geflochtene Taschen. Der Park ist für die indigene Bevölkerung ein Ort der Spiritualität. Auf ihren Wunsch hin wird der Nationalpark seit 2015 mehrmals im Jahr für ein paar Wochen geschlossen, damit sich Flora und Fauna von den Touristenströmen erholen können. Wir finden das eine sehr gute Einrichtung. Umso unverständlicher ist das Verhalten jener Besucher, die jegliche Betretungsverbote ignorieren, um das vermeintlich beste Selfie aufzunehmen.

Flora und Fauna im Nationalpark begeistern uns immer wieder aufs Neue. Pflanzen so riesig, dass ich mit meinen fast 2m Körpergrösse wie ein Zwerg ausschaue. Ein schwarzer Kaiman lauert im Brackwasser hinter dem Strand. Braune Kapuziner und kleine Kapuzineräffchen kreuzen mehrmals unsere Wege. Und während sie in den Bäumen sitzen, lassen sie uns keine Sekunde aus den Augen. Wenn die Kapuzineräffchen miteinander rumtollen, scheint es ihnen egal zu sein, dass wir sie beobachten. Blattschneideameisen findet Biggi ja auch immer spannend. Da müht sich rund ein Dutzend Tiere ab mit einem 3 cm grossen Blattteil, sie ziehen und zerren in alle möglichen Richtungen, während die anderen ringsrum im Laufschritt vorbeiflitzen. Last but not least die beiden Ara‘s, die im Garten unserer Unterkunft zuhause sind.

Von Tayrona geht es direkt nach Minca. Für die Anreise nach Minca haben wir wieder ein Taxi bestellt. So können wir unterwegs noch bei einem Supermarkt in Santa Marta anhalten und uns mit den nötigsten Lebensmitteln für unseren Aufenthalt in Minca eindecken. Kleiner Schreckmoment, denn ich habe im Supermarkt meine „Gafas“ (die Sonnenbrille) verloren. Ohne bin ich draussen in der Sonne total aufgeschmissen! So suchen wir zu viert, die Ladenangestellte, unser Taxista Silfredo, Biggi und ich den ganzen Shop ab. Nix zu finden und Verzweiflung macht sich breit. Da hat die Ladenangestellte „DIE IDEE“: Wir sollen doch mal in den Einkaufstüten schauen, vielleicht ist sie ja von meinem Kopf direkt da reingefallen. Und siehe da, zwischen Käse und Milch schaut ein Brillenbügel raus. Der Tag ist gerettet!


Minca ist ein kleiner Ort in den Bergen der Sierra Nevada – das höchste Küstengebirge der Welt. In den unzähligen kleinen Läden bekommt man von Apfel bis Zwiebel alles nötige – sogar Gafas sind im Angebot. Grosse Supermärkte sucht man hier jedoch vergebens. Unsere Unterkunft ist ein Baumhaus und etwa 30 Gehminuten vom Zentrum entfernt. In der Beschreibung steht: „WICHTIG! BITTE NICHT GOOGLE MAPS FOLGEN (unless you got a Helicopter)“. Da wir nicht laufen wollen und weder einen Helikopter noch einen fahrbaren Untersatz besitzen, bestellen wir einen grossen 4×4 Geländewagen und lassen uns bis zum Eingang der Farm bringen. Von dort aus sind es noch ein paar Minuten zu Fuss.

Jan, unser etwas esoterisch angehauchter und sehr sympathischer Vermieter erklärt uns nur das Wichtigste und nachdem wir unsere 7 Sachen provisorisch verstaut haben, gehen wir erst mal runter zum Fluss und nehmen ein sehr erfrischendes Bad – eine private Badestelle nur für uns – herrlich!

Willkommen im Baumhaus! Alles, also wirklich alles, ist sehr offen gestaltet. WC und Bad sind an 2 Seiten ungesichert und wir müssen uns erst daran gewöhnen, dass wir bei unseren „Aktivitäten“ freie Sicht auf den Abhang haben. Das Schlafzimmer ist mit einer Tür ausgestattet, die wir selbstverständlich immer geschlossen halten. Durch den Spalt kommen zum Glück nur kleine Tiere… Die Aussenküche ist genau Biggis Ding! Unser Vorratsschrank ist ein grosser roter Plastikbehälter. Das Regenwasser können wir filtern und so unser Trinkwasser selbst herstellen. Sogar Abfalltrennung wird praktiziert, dafür gibt’s die grüne und weisse Tonne. Und den Biomüll bekommen die Hühner. So nah an der Natur haben wir natürlich auch diverse Tiere vorm und im Baumhaus.




Unser Vermieter Jan hat uns einen „Stadtplan“ von Minca gemalt. Super, da machen wir uns direkt mal auf den Weg ins Zentrum. Und tatsächlich finden wir alle wichtigen Geschäfte, die Kirche und das beschriebene Restaurant, in dem es für 20‘000 COL, etwa 4 € ein feines Mittagsmenü mit Suppe gibt.

Auf dem Weg in den Ortskern kommen wir an einer Baustelle vorbei. Hier wird eine Art Kläranlage für Grauwasser gebaut. Wir finden, das ist eine tolle Sache für Mensch und Natur und unterstützen das Projekt über GoFundMe.
Ich habe mir irgendwas eingefangen. Anfangs ist mir nur übel und ich habe Fieber. Auf dem Weg zum Aussenklo ist es dann passiert und es hat mich vom Stangerl gedreht (heisst, ich bin kurz ohnmächtig geworden und der Länge nach auf den Boden geknallt). Biggi war in der Küche am Werkeln, hat nur einen Schlag gehört und schliesslich meinen Kopf über dem Abgrund hängen gesehen. Zum Glück ist nix schlimmes passiert und bis auf 2 Schürfwunden schien alles heil zu sein! Schwein gehabt – ein Sturz von der ungesicherten Plattform hätte mit einer unsanften Landung auf grosse Steinbrocken drei Meter tiefer geendet… Bianca, die Frau von unserem Vermieter hat gleich einen Haufen Kräuter gebracht und Biggi hat Tee daraus gekocht. Ob wir je das Geheimnis lüften werden, was mich schon nach zwei Tagen wieder auf die Beine gebracht hat? Dass ich den Tee getrunken habe oder um ihn nicht mehr trinken zu müssen? In der Zwischenzeit hat Biggi die berühmten Mincabeine bekommen, nicht so schön, aber so verstochen…

Um 8:15 Uhr laufen wir los mit dem Ziel, eine kleine Kaffeefarm zu besuchen, ein Familienbetrieb. Der Weg führt erst durchs Dorf, dann am Fussballplatz vorbei und weiter auf einer unbefestigten Strasse, runter zum Fluss und der Rest ist nur noch bergauf. Dafür ist die Aussicht der Hammer.

Für die Tour sind wir zu früh, also gönnen wir uns erstmal einen frischgebrühten Kaffee und leckere Zimtschnecken. Nach und nach kommen noch weitere Gäste und es stellt sich raus: alles Deutsche! Die Führung mit Früchtedegustation ist trotzdem auf englisch. Im Familienbetrieb arbeiten drei Generationen mit. Wir erfahren, was gut ist für die Kakao- und Kaffeepflanzen, wie und wann geerntet und verarbeitet wird, probieren geröstete Kaffeebohnen und mahlen Kakao zu einer Creme, die man entweder essen oder sich ins Gesicht schmieren kann als Kakaomaske. Im Anschluss erklärt Carlos, wo die vier indigenen Völker Kolumbiens ansässig sind und mit welchen verschiedenen Materialien jeweils Taschen und Hüte herstellt werden. Mit Kaffee und Honig im Gepäck treten wir den Rückweg an, überqueren wieder den Fluss und kommen am Wasserfall vorbei. Die vier Adonisse oben am Beckenrand denken wohl, Biggi macht das Video wegen ihnen und grüssen freundlich in die Kamera… Ein richtig toller Tag war das.


Es ist noch dämmrig, 6:15 Uhr, als ich Biggi anstupse und ihr ganz aufgeregt im Flüsterton sage: „Du musst rausgehen, da ist ein Vogel.“ Sie ist nämlich immer dabei, wenn es darum geht ein Tier zu fotografieren. Schlaftrunken quält sie sich aus dem Bett. „Nein, von der Küche aus siehst du ihn nicht. Du musst zur Dusche, du siehst ihn nur von dort aus. Es ist ein grosser Vogel mit langen gelben Federn und er sitzt unter dem Baumhaus. …ausserdem hat er lange rote Beine.“ setze ich nach. Mit ihrem Handy bewaffnet und total gespannt wackelt sie von der Küche rüber zur Dusche und wundert sich noch einen winzigen Augenblick, dass ich das Federvieh so exakt beschreiben kann, wo ich doch eigentlich so schlecht sehe… Aber der Wunsch nach dem ultimativen Bild ist zu stark. Biggi steht da und schaut sich echt die Augen aus dem Kopf, aber weit und breit alles nur grün – kein Vogel. Enttäuscht geht sie zurück ins Bett, wo ich drin liege und mich schlafend stelle. Auf ihr: „Ich habe keinen Vogel gesehen!“, antworte ich: „Also der Jan (unser Vermieter) hat erzählt, dass der Vogel nur sehr selten – einmal im Jahr – auftauchen würde – immer am 1. April…“

Die Sonne trägt heute einen Ring und wir machen uns auf zum Marinka Wasserfall. Unterwegs treffen wir schnieke Caballeros auf edlen Rössern, die gerne ein Foto mit uns machen wollen. Noch ein kurzer Smalltalk, dann geht’s schon weiter, für uns natürlich mal wieder nur bergauf. Biggi hätte wohl jetzt auch gern ein Pferd unterm Hintern.


Aber so können wir uns nach der Anstrengung zumindest mit einem Bad im kühlen Nass und einem Burger hinterher belohnen. Aus Deckeln von Plastikflaschen haben findige Menschen Kunst durch Upcycling erschaffen in Form einer Flaschensammelstelle, Blumenampeln oder Sitzgelegenheiten. Schön bunt und eine coole Sache.

Die Zeit im Baumhaus verging wie im Flug, ratzfatz sind 2 Wochen rum und es heisst Abschied nehmen. Wir beschliessen, die 20 Minuten bis zur Bushaltestelle zu laufen. Auf dem Weg ins Dorf kommen wir ein letztes Mal am Baum vorbei, in dem der Tukan wohnt. Wir sind vor ein paar Tagen mit einem Forscherteam von der Universität Bogota ins Gespräch gekommen, die in der Nähe des Baumes campiert haben und die haben uns den Vogel gezeigt. Und seitdem wir das wissen, gucken wir natürlich, ob er zuhause ist. Und tatsächlich, erst schaut der lange Schnabel aus dem Baumloch, dann kommt der Tukan raus und fliegt davon.

Von den kühlen Bergen der Sierra Nevada geht es wieder zurück auf Meeresniveau. Der Bus schafft es gerade noch nach Santa Marta, dann tut es einen Schlag und nix geht mehr. Alle aussteigen. Wir schnappen uns ein Taxi, was hier überhaupt kein Problem ist, denn es gibt sehr viele, und lassen uns nach Taganga bringen. Das Loft, welches wir für die nächsten 3 Wochen beziehen, ermöglicht uns eine tolle Aussicht über die Bucht. Was natürlich heisst, die Wohnung liegt am Berg… Sind ja „nur“ 200 Stufen *KEUCH* Ziel erreicht *ÄCHZ* Das wars für heute!

Den Aufstieg zu unserem Appartement nennt Biggi nur noch den „Eichhörnliweg“ (weil am Ende der Treppe ganz oben eine solche Zeichnung prangt ), obwohl „Chatzenstrick“ (ein Wanderweg in Einsiedeln) auch passend wäre. Einmal am Tag die Wohnung verlassen reicht uns schon als Fitnesstraining. Zurzeit ist nicht so viel los (mit) bei uns, und das ist auch gut so. Mal die Seele baumeln lassen und entspannen, nicht jeden Tag Programm zu haben – einfach „Sein“ und vielleicht noch den Mond anglotzen.


Das ohnehin laute Taganga hat sich für die Feiertage regelrecht zum Touristenhotspot entwickelt. Aus dem Ort wird eine laute Partymeile und die Musik dröhnt bis in die frühen Morgenstunden aus diversen Lautsprechern. Das christlich-beschauliche Osterfest ist hier offenbar nicht so das Ding… Frohe Ostern!

Inzwischen bin vor allem ich überall verstochen. Ohne Klimaanlage müssen wir auch nachts alle Türen und Fenster offen lassen um nicht zu verschmachten. Und die Mücken haben es offenbar auf Nordländer abgesehen. Trotz Mückenmittel und laufenden Ventilatoren drehe ich vor lauter Juckreiz fast durch.
Die 6. schlaflose Nacht. Jetzt langt‘s uns. Auch nach den Feiertagen kennen die Tagangeros kein Erbarmen mit uns und beschallen uns nachts weiter unentwegt mit so lauten Beats, dass an Schlaf nicht zu denken ist. Zumindest für mich, Biggi – die Glückliche – legt sich einfach hin und es schläft. Jetzt wacht aber sogar sie auf, weil ich neben ihr wegen dem Lärm und der Mückenplage fast ausraste. Deshalb zücken wir beide mitten in der Nacht die Mobilgeräte und schauen nach einer anderen Unterkunft. Weit weg von hier! Am besten auf der anderen Seite von Santa Marta. Wir werden fündig.
Neuer Tag – neues Glück, die neue Unterkunft ist fix gebucht und dem Umzug steht nix mehr im Weg. Auf nach Gaira, 6,5 km südlich von Santa Marta in eine moderne Wohnung mit Aufzug, Klimaanlage und einem Swimmingpool auf dem Dach. Ein schöner sauberer Strand ist auch in der Nähe, und ein Biergarten und ein Friseur – alles richtig gemacht. Und horch mal – ich hör nix – Stille, in der Nacht – willkommen in der ruhigen Nachbarschaft.

Nach Freitag kommt Samstag, zumindest für uns, aber für Südamerikaner nicht immer! Mañana muss nicht morgen sein, es bedeutet einfach „nicht heute“. Das haben wir gemerkt, als Biggi ein Kleid in der Schneiderei abgegeben hat. Die freundliche Señora an der Nähmaschine meinte, sie könne ihr Kleid mañana (für uns am Samstag) wieder abholen.

Das passt perfekt, denn wir bleiben nur bis Montagmorgen hier. Als wir am Samstag wieder hingehen ist die Frau immer noch genauso freundlich, aber Biggis Kleid liegt unbearbeitet auf dem gleichen Haufen wie gestern, unter anderen Klamotten. Die Señora meint dann so mit einem verständnislosen Blick: Lunes! Also Montag sei abgemacht. Nö! Da sind wir ja schon wieder weg. Biggi kann es ihr verständlich machen und sie erklärt sich bereit, die Arbeit in 5 Minuten fertigzustellen. Es sind zum Glück nur zwei Nähte und wir können warten, bis sie alles genäht hat.

Nach ein paar sehr entspannten Tagen mit allen möglichen Annehmlichkeiten (z.B. der Dachpool mit Whirlpool) verlassen wir heute Gaira und somit den Distrikt Santa Marta.
Nach einem etwas holprigen Landeanflug kommen wir sicher und pünktlich am Flughafen von Medellin José María Córdova an. Ein Taxi ist auch gleich gefunden und der junge Taxista schnappt sich direkt mal die schwarze Tasche von mir. Biggi trottet mit ihrem inzwischen auf 16 kg angeschwollenen Rucksack auf dem Buckel hinter uns beiden her und ich „Gentleman“ denke mir nichts dabei… Zum Glück sind es nur 50 m, aber trotzdem blöd von mir.

Unser Airbnb ist im Viertel Belen und befindet sich im Gebäude mit dem Namen Zurich. Da fühlt man sich ja gleich ein wenig heimisch. Das Inserat vom Airbnb verspricht, dass man in dieser luxuriösen Küche direkt zum Sternekoch wird. Das Erste, was Biggi in der Küche sieht, ist eine Kakerlake. War das im Film Ratatouille nicht eine Ratte…?

Ein paar Informationen zu Medellin: Nach Bogotá die zweitgrösste Metropolregion in Kolumbien; Einwohnerzahl rund 4 Mio.; bekannt als die Stadt des ewigen Frühlings; liegt 1379 MüM; in den 1990er Jahren eine der gefährlichsten Städte der Welt; 2012 vom Wallstreet Journal zur innovativsten Stadt der Welt ernannt; verfügt über ein ausgeklügeltes ÖV-System mit Bus, Metro, Strassen- und Seilbahnen; braucht eine eigene Wetter-App, da die „normalen“ Vorhersagen oft nicht zutreffen.

Wir ziehen ohne grossen Plan mal los um ein Gefühl für die Stadt und den öffentlichen Verkehr zu bekommen. Scheinbar gibt es da gerade ein Problem, die nächstgelegene Haltestelle La Palma ist gesperrt und wir müssen statt mit dem modernen Metrobus mit einem kleinen blauen Bus nach El Poblado fahren. Nach einem Besuch im arabischen Restaurant Greta nehmen wir von El Poblado aus die Metro zum Botanischen Garten. Schön ist es hier, sehr gepflegt, der Eintritt ist frei, einzig der einsetzende Regen macht es etwas ungemütlich.

Die Heimreise ins Airbnb wird dann zur Odyssee. Es regnet in Strömen, wegen Biggi sind wir eine Station zu früh ausgestiegen, die rush-hour hat eingesetzt und wir finden kein Taxi. Es ist zum Piepen, wir sind nass bis auf die Knochen und total genervt. Wir versuchen es zu Fuss und dann sehen wir den Grund, warum der ÖV so eingeschränkt ist: Der Fluss Medellin ist aufgrund des vielen Regens über die Ufer getreten und sorgt in verschiedenen Stadtteilen für massive Überschwemmungen.

OK, Plan B – zurück zur Metrostation und Mitschwimmen im Pendlerstrom, Reinquetschen in die überfüllte Bahn, um bereits bei der nächsten Station wieder ausgespuckt zu werden. Hier finden wir zum Glück ein Taxi, das uns zum dreifachen Preis (Umweg? schlechtes Wetter? Gringopreis?) zum Apartment bringt. Was für ein Tag!
Uber funktioniert hier in Medellin super. Unser Fahrer Alejandro steht 5 Minuten vor dem Termin schon vor der Haustür und bringt uns für kleines Geld in die Comuna 13.

Bis vor 11 Jahren der gefährlichste Stadtteil in Medellin, hat er sich heute zum Touristen-Hotspot gemausert. Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es hier weder Strom noch fliessend Wasser. Von den Rolltreppen ganz zu schweigen. Schmale Strassen schlängeln sich bis ganz nach oben, und das ganze Viertel ist mit steilen Treppen ausgerüstet. Es reiht sich Haus an Haus in den Steilhängen, manchmal lediglich durch einen schmalen Gehweg getrennt, das muss man mögen und auch ertragen können.

Dazwischen gibt es Cafés, Restaurants und Souvenirläden. Und natürlich Streetfood und Strassenhändler. Wir sehen wenig bis keine Grünflächen, ab und zu einen Baum oder Strauch. Das Viertel ist bunt und laut. Es gibt vermutlich genauso viele Motorräder wie Einwohner. Kevin ist unser Tourguide. Er ist hier geboren und aufgewachsen. Er hat hautnah erlebt, wie sich „sein Viertel“ von roher Ganggewalt mit Hinrichtungen auf dem Sportplatz zu einem Touristischen Viertel entwickelt hat. Seine Generation wurde mit Hip-Hop, Graffiti und Breakdance gross, eine Alternative zu Drogengangs, denn die „Kämpfe“ werden mit Tanz und Worten beim Rappen ausgefochten.



Kevin erzählt, dass er, wie alle anderen Tourguides, Strassenhändler, Laden- und Restaurantbesitzer jeden Monat ein Schutzgeld bezahlen muss, um sich die Sicherheit im Quartier zu erkaufen. 50 US$ und in schlechten Monaten, wenn nicht so viele Touristen kommen, kann es auch mal auf 20 US$ runtergehandelt werden. Und dann kann es sein, dass derjenige, der das Schutzgeld kassiert, mal dein Klassenkamerad war in der Schule. Die Zahl der Gewaltverbrechen ist sehr stark gesunken, vielleicht unter anderem, weil diejenigen, die die Schutzgelder kassieren gemerkt haben, dass mit einem „sicheren Viertel“ viel mehr Geld zu holen ist. Verrückte Welt! Uns stimmt das alles nachdenklich, denn das ganze System ist sehr fragil und man könnte meinen, momentan herrsche lediglich eine Art Burgfrieden. Die Comuna 13 ist im Moment sicher, aber sicher nicht perfekt.

Wir wollen mehr über die Geschichte Kolumbiens erfahren und buchen eine Real City Tour. Um 10 Uhr treffen wir unseren Tourguide Dio und etwa 20 anderen Interessierten an der Metrostation Alpujarra. Dio ist der Typ von Mensch, dem man an den Lippen hängt, wenn er Geschichten erzählt. Und davon hören wir während der Tour viele – eine spannender als die andere. Schnell wird klar, Dio ist eine ganz andere Nummer als Kevin von gestern. Es mag vielleicht daran liegen, dass er ein Studium absolviert hat, eher kritisch auf die Geschichte seiner Heimat blickt und sehr engagiert ist. Kolumbien ist wirklich ein gebeuteltes Land. Ob es jetzt Drogenkriege zwischen den Kartellen waren oder militärische Aktionen – es hat immer wieder unschuldige Zivilisten getroffen, die mit ihrem Leben bezahlt haben, nur weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Zigtausende Menschen sind auch hier in Medellin verschleppt worden und niemand kann Auskunft geben wohin, oder wo ihre Überreste zu finden sind. Erschreckende Ähnlichkeit mit der Geschichte von Buenos Aires.

Die Erde Kolumbiens enthält scheinbar gewisse Stoffe, die in keinem anderen südamerikanischen Land zu finden sind. Zwei Güter, die dadurch in Kolumbien die allerbesten Wachstumsbedingungen haben, sind Kaffee und Koka. Der grösste Teil von beidem wird exportiert und der Verdienst verschwindet in irgendwelchen Taschen. Die Bevölkerung hat keinen Vorteil davon. Medellin galt bis vor 30 Jahren als die gefährlichste Stadt der Welt, heute steht sie für innovative Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit. Es wurde unheimlich viel Geld in Infrastruktur, soziale Projekte und Ausbildung investiert. Dazu zählen zum Beispiel die Rolltreppen in der Comuna 13 oder die elektrischen Seilbahnen, die die ärmsten Viertel an den steilen Hängen des Valle de Aburra an die städtische Infrastruktur im Tal anbinden. Dio erzählt auch, dass die Stadt öffentliche moderne interaktive Bibliotheken ganz bewusst bis in die Randgebiete gebaut hat. So soll allen Bevölkerungsschichten Zugang zu Bildung ermöglicht werden. Die Stadtteile sind in Zonen unterteilt. Wer aus den ärmeren Zonen kommt, muss keine Studiengebühren bezahlen. Die aus den reicheren Zonen bezahlen je nach Einkommen. Die Comuna 13 ist aus Dio’s Sicht wie Disneyland und alle Touristen, die dort eine Tour machen oder Souvenirs kaufen, würden nur das korrupte erpresserische System unterstützen.

Nach 3 sehr intensiven Stunden brauchen wir eine Pause. Das Café Malaga scheint der perfekte Ort dafür. In den 1950ern erbaut und seitdem wurde nichts verändert. Wir setzen uns auf eine Tasse Kaffee und lassen uns von der Musik berieseln.
Wenn man durch Medellin läuft, kommt man irgendwann an einer der Skulpturen von Fernando Botero (1932-2023) vorbei. Er war Maler und Bildhauer, geboren in Medellin und wie man sieht, nahm er es mit den Proportionen nicht so genau. Seine Werke werden in Museen und an öffentlichen Orten rund um den Globus gezeigt, darunter in Berlin, Paris, Jerusalem und Singapur. In einer von Boteros Bronzefiguren in Medellín, einer Friedenstaube, explodierte 1995 eine Bombe und tötete 23 Menschen. Noch heute steht der zerfetzte Vogel auf dem Plaza San Antonio im Stadtzentrum. Botero bestand darauf, dass der beschädigte Vogel erhalten bleibt als Symbol, dass Kunst stärker als Terror ist und fertigte eine Replik an, die daneben steht.

Mitten in der City in der Nähe der Metrostation San Antonio befindet sich in einem historischen Gebäude die Galeria de Arte Palacio Nacional. Auf den ersten beiden Stockwerken sind lauter kleine Läden, in denen „Original-Designerware“ verkauft wird. Schuhe, T-shirts, Hemden, Sportbekleidung für wenig Geld. Und wie hat uns Dio erzählt, alles im Gebäude gegenüber in der Schneiderei hergestellt. In den oberen Etagen finden wir Skulturen und Bilder verschiedenster Künstler, man könnte stundenlang durchschlendern. In der Rooftopbar gönnen wir uns einen feinen Jugo natural – frischen Saft.

Der Nationalpark Arvi ist unser heutiges Ziel, weil es heisst, dass es hier unter anderem tolle Wandermöglichkeiten gibt. Der Park ist etwa 16’000 Hektar gross und hat im Jahr ca. 100‘000 Besucher. Von Picknickservice über geführte Wanderungen, Radtouren, Ausflüge auf Pferden, Zip-Lining, Camping, ein Markt für Souvenirs und Essen bis hin zu kulturellen Veranstaltungen, da ist für jeden was dabei. Wir kratzen heute mit unserem Besuch nur bisschen an der Oberfläche. Los geht’s. Zuerst mit dem Bus: La Palma bis Industriales (1522 müM), dann Metro A: Industriales – Acevedo, umsteigen auf Seilbahn K: Acevedo – Santo Domingo und schliesslich die Seilbahn L: Santo Domingo – Arvi (2527 müM). Auf der Fahrt mit der ersten Seilbahn wird deutlich, dass – je höher die Menschen in den Steilhängen wohnen, desto ärmlicher die Wohnverhältnisse sind. Man sieht mehr Wellblechdächer und die Häuser sind enger aneinander gebaut. Für die letzte Seilbahn müssen wir für hin und zurück knapp 100’000 COL (20 €) berappen. Was uns anfangs teuer erscheint, erweist sich durchaus als berechtigt, denn die Fahrt geht so 20 Minuten über die Baumkronen hinweg mit einem phänomenalen Ausblick auf die Stadt und das Hochland.

Der Eintritt in den Park sind nochmal 60‘000 COL (12 €). Wir bekommen ein orangefarbenes Band ans Handgelenk und nach einer kurzen Einweisung werden wir zum Eingang des Wanderwegs begleitet. Da wir nur einen halben Tag eingeplant haben, ist unsere Auswahl an Aktivitäten nicht so riesig. Das passt mit den paar Möglichkeiten laut Plan gut zusammen. Auf uns warten 3 ausgeschilderte Wege, die alles in allem etwa 4 km lang sein sollen. Das sollte gut ohne Guide zu bewerkstelligen sein. Wir – als die Meister unter den Pfadfindern – schaffen es tatsächlich mal wieder uns zu verlaufen. Egal, drehen wir halt eine Ehrenrunde. Die Höhe, die kalte und feuchte Luft im Nebelwald und das ständige rauf und runter zehrt an den Kräften. Wir sind gar nicht so unglücklich über die kurze Distanz. Es ist unglaublich grün und unterwegs sehen wir ganz viele verschiedene Orchideen (die kleinste so gross wie ein Fingerglied), Bromelien, Farne, Flamingoblumen, Pilze etc. etc.

Nach einem wunderschönen Ausflug gehen wir noch in den Mercado del Rio, wo es das beste Sushi der Stadt gibt.
Also eines müssen wir echt sagen, wir waren noch nie mit einem so sauberen ÖV unterwegs wie hier. Ganz egal, ob an den Haltestellen, im Metrobus, in der Metrobahn oder in einer der Seilbahnen. Du findest nirgends auch nur ein Krümelchen auf dem Boden, kein altes Taschentuch oder Bonbonpapier, keine beschädigten Sitze und keine Schmierereien – nix – nada! Die Einwohner Medellins, die sogenannten Paisas sind sehr stolz auf die innovative Entwicklung ihrer Stadt, die in den schwersten Stunden begonnen hat. Und dementsprechend werden diese Errungenschaften gehegt und gepflegt. Hier wird eindeutig gelebt, was im Bus auf der Leuchtreklame propagiert wird: La Cultura Metro. Da stehen dann so Sätze wie „wir nehmen Rücksicht aufeinander“, „wir respektieren einander“, „wir verzehren hier nichts“, „wir hinterlassen alles sauber“, „wir grüssen und lächeln, weil das alles einfacher macht“ und hinter jedem Satz steht ein Lach-Smiley 🙂 Und es funktioniert tatsächlich! Es ist eine wahre Freude. Auf einer Fahrt mit Bus und Metro wird Biggi gleich dreimal ein Sitzplatz angeboten – Muchas Gracias, aber das ist ihr dann fast schon wieder zu viel.

Eine geführte Tour ins farbenfrohe Städtchen Guatapé ist noch auf unserem Programm. Wir buchen einen Tagesausflug einschliesslich Frühstück, Mittagessen und Bootsfahrt. Die Busreise führt durchs grüne hügelige Hochland Kolumbiens – das kommt mir irgendwie bekannt vor, denn es hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Zugerland. In dieser Region wird alles Mögliche angebaut und eigentlich sind hier alle auf Grund der geologischen Verhältnisse Bergbauern. Über 2000 m gelegen und alles steil. Wir wollen auf den Berg, ein Monolith, den Fels von Guatapé (spanisch El Peñón de Guatapé). Wir stehen davor und Biggi darf gar nicht gross darüber nachdenken, erstens wegen der vielen Stufen und zweitens wegen ihrer Höhenangst.
O-Ton Biggi: „Aber heute habe ich ein gutes Gefühl“ und wir kaufen zwei Tickets.

Die ersten 100 Stufen sind ein Klacks, dann ist es anstrengend und ab Stufe 400 wirds schon richtig zäh und ab 500 würde ich am liebsten heulen. Die Beine schmerzen und so langsam wird die Luft dünn, meine Lunge tut weh. Ja nicht einbrechen jetzt, immer schön weiter durchziehen, 600 Stufen… Alle 25 Stufen prangt die Zahl der erklommenen Stufen auf dem Beton. Für mich kein Ansporn. Menno, wann hört das endlich auf? 675! Oh leck! 675 Stufen, stell dir das mal vor! Geschafft, japs!

Und dann die spektakuläre Aussicht aufs Land und einen der grössten Stauseen Kolumbiens. Die Mühe hat sich definitiv gelohnt!“
Rumgucken, geniessen und wieder zu Atem kommen, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Der hat es übrigens auch in sich, die Stufen sind schmal und die Treppen führen aneinander vorbei, mal an der Felswand und mal aussen – was für ein tolles Erlebnis.

Der Ausflug ins Städtchen Guatapé ist was ganz Besonderes. Nach einem feinen Kaffee sind wir bereit für die Stadtrundfahrt mit einem der Motochivas (chivas sind übersetzt Ziegen). Unser Fahrer versucht es erst mit englisch, aber nachdem er merkt, dass wir bisschen spanisch sprechen, verfällt er komplett in seinem Kauderwelsch. Nicht alles was aus ihm rauskommt verstehen wir, aber die Erklärung für die dreidimensionalen Wandmalereien, die an den bunten Häusern angebracht sind schon. Da darf scheins jeder machen, wie er gerne möchte. Entweder ist es ein Hinweis auf den Beruf, was beim Bäcker, Metzger oder in der Näherei ganz eindeutig ist. Oder das Hobby ist abgebildet, wie mit den Radfahrern, oder einfach, was einem gefällt, Blumen, Vögel, Ornamente. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.


Bevor es zurück nach Medellin geht, machen wir noch die Bootsfahrt auf dem Stausee. Vorbei an der verfallenen Villa vom Drogenbaron Pablo Escobar weiter bis zu den supermodernen Glasbauten einiger kolumbianischer Fussballstars. Überall ragen kleine Inseln und Halbinseln mit Ferienhäusern und Villen aus dem Wasser. Ein wahres Idyll.

Am Tag darauf geht unsere Südamerikareise mit dem Rückflug nach Panama City zu Ende. Jetzt freuen wir uns darauf das nächste Bootskapitel aufzuschlagen – wird CHILI unseren Erwartungen entsprechen oder werden wir den geplanten Kauf absagen müssen?


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