Südamerikareise Teil 3: Argentinien südlicher Teil

Südamerikareise Teil 3: Argentinien südlicher Teil

Im Rucksack packen sind wir mittlerweile schon richtig effizient, das geht ratzfatz. Um 18:46 Uhr geht unser Flug in den Südwesten von Argentinien, nach Bariloche – unser erstes Ziel in Patagonien. Die landschaftlichen Unterschiede könnten grösser nicht sein. Im Landeanflug sehen wir unter uns mehr oder weniger eine rote Wüstenlandschaft, keine grossen Strassen, keine Lichter. Da, wo ein Haus steht, sind rundrum Bäume. Und kurz vor der Landung taucht ein Wald auf, der mit Sicherheit nicht natürlich gewachsen ist. Das sieht man sogar auf Google Maps. Bariloche empfängt uns im letzten Tageslicht mit einem Sonnenuntergang vom feinsten. 

Ursprünglich wollten wir nur einen kurzen Stop hier machen und dann mit dem Bus nach Puerto Montt, wo wir eine viertägige Kreuzfahrt durch die Patagonische Fjordlandschaft machen wollen. Seit der Buchung einige Wochen vorher, hat sich der Abfahrtstermin des Schiffes mehrmals wegen schlechter Witterung verschoben. Als Segler können wir das natürlich gut verstehen, aber inzwischen hat sich die Verspätung auf vier Tage verlängert. Das heisst, dass wir „zuviel“ Zeit in Bariloche hatten, aber was eigentlich schlimmer war, wir hatten zu wenig Zeit für die restlichen Sachen, die wir nach der Kreuzfahrt machen wollten. Also machen wir in Bariloche eine Umpriorisierung. Die Kreuzfahrt, auf die ich mich wirklich gefreut habe wird storniert und stattdessen neue Transporte, Unterkünfte und Mietwagen gebucht. Statt mit dem Schiff von Puerto Montt nach Puerto Natales zu fahren, werden wir leider wieder mit dem Flugzeug weiterreisen müssen.

Ausblick in den Garten von unserem Airbnb inkl. kleiner Falke

Aber erstmal verbringen wir drei Tage in Bariloche, ein Ort, der auch die Argentinische Schweiz genannt wird. Als wir durch die kleine Stadt laufen wird uns schnell klar, woher die Bezeichnung kommt: Es sieht nämlich tatsächlich aus wie in der Schweiz! Die Stadt ist eindeutig von den vielen Deutschen, Österreichischen und Schweizer Einwanderern nach europäischem Vorbild gebaut worden. Restaurant Weiss mit Lederhosen-Bierreklame, Fonduestube und Fachwerkhäuser….

Hier schaut‘s ja aus wie daheim! Und sogar die hügelige Landschaft mit den vielen Seen, umgeben von Nadel- und Mischwäldern, lässt einen glauben, irgendwo im Voralpengebiet zu sein. Hier herrscht gerade eine ungewöhnliche Hitzewelle. Mit 27° ist es viel zu warm für diese Breitengrade.

Wie so oft in Patagonien ist die Natur die Hauptattraktion, und daher buchen wir für den zweiten Tag einen Ganztagesausflug mit dem Reisebus, für die „Ruta de los siete lagos“. Abfahrt ist um 8:00 Uhr mitten in der Stadt. Der Ausflugsbus fährt zum Glück in die Richtung, wo auch unser Airbnb ist, was ca. 2 km vom Zentrum entfernt ist. So müssen wir nur bis zur nächsten Tankstelle laufen und werden dort aufgepickt. Die Route führt tatsächlich an sieben Seen vorbei und durchquert dabei drei Klimazonen, wie an der Vegetation (Pampas, Mischwälder und Nadelwälder) gut zu sehen ist. Irgendwann verlieren wir vor lauter Seen den Überblick, und ich wähne mich immer wieder in Schweden, wo es vielerorts sehr ähnlich aussieht. 

Hier sehen wir aus weiter Ferne schon mal den ersten Schnee

Die Route geht der berühmten Ruta 40 entlang. Das ist Argentiniens Gegenstück zu Amerikas Route 66. Mit einer Länge von ca. 5.300 km gehört sie zu den längsten Fernstrassen der Welt! Sie beginnt am Cabo Virgenes im Südosten Patagoniens und endet an der Grenze zu Bolivien. Argentinien ist wirklich ein riesiges Land.

Die nächste Etappe geht von Bariloche bis El Calafate. Der Landeanflug auf El Calafate mit Blick auf den Lago Argentino ist gewaltig. Dieses Blau ist zum Dahinschmelzen. Am Flughafen übernehmen wir unseren Mietwagen für die kommende Woche.

Es hat schon in Bariloche ganz ordentlich geblasen, aber das war nichts gegen das, was uns in El Calafate erwartete! Für den Typ von der Autovermietung war dieser starke Wind völlig normal, aber für uns Patagonienneulinge bot es erstaunliche neue Erfahrungen. So hat er uns nicht umsonst gewarnt, die Autotüren gut festzuhalten und besser nicht schneller als 90 km/h zu fahren. Und tatsächlich: Der Wind reisst einem die Autotüre fast aus der Hand, wenn er von hinten kommt, genau wie man sie fast nicht auf bekommt, wenn es von vorne bläst. Auch das Fahren selbst ist gewöhnungsbedürftig. Schon unseren kleinen Mietwagen wiegt es beim Fahren gehörig hin und her und ich glaube sofort, dass Busse und Lastwagen hier unten ab und zu einfach umgeblasen werden. Zuerst wundere ich mich noch, wie Biggi beim Fahren ständig seitlich ausschert. Als ich es selber ausprobieren kann, stelle ich ernüchtert fest, dass es wirklich nicht so einfach ist, die Spur zu halten. Die Strecke von El Calafate nach El Chalten dauert gute drei Stunden und führt über endlos erscheinende Geraden durch die Pampa.

Auf dem Weg nach El Chalten nehmen wir zwei Anhalter mit, Backpacker wie wir, nur etwa 40 Jahre jünger. Der erste ist Lucas aus Brasilien, auf dem Weg zu seiner Schwester, die in der Nähe wohnt. Also dauert die Fahrt für ihn nur etwa 30 Minuten. Die zweite Anhalterin ist Antoinette aus Paris. 21 Jahre jung und seit Januar auf Tour. Sie möchte wie wir nach El Chalten. Wir finden gefallen daran, Anhalter mitzunehmen. Teilweise sind die Gespräche recht interessant und aufschlussreich und man schaut Themen mal aus einem anderen Blickwinkel an. Nach 3 Stunden Fahrt durch die menschenleere Steppe kommen wir in El Chalten an.

Unterwegs bekommen wir auch unsere ersten Guanacos (eine alpakaähnliches Tier) zu Gesicht. Es wird natürlich sofort angehalten und wie wild fotografiert, obwohl die Tiere ein ganzes Stück weit weg und daher nur als kleine Punkte auf den Bildern zu erkennen sind. Wenn wir da schon gewusst hätten, dass wir die Tiere eine Woche später zu Dutzenden und aus nächster Nähe vor die Linse bekommen würden…

Unser Ziel El Chalten ist ein beliebter Ort für Wanderer und Backpacker. Es gibt dort viele verschiedene Wandertrails, unter anderem zum Mount Fitz Roy. Dieser charakteristische Berg und die umliegenden Gletscher sind die Highlights einer ohnehin überwältigenden Landschaft, die nicht umsonst zum „Los Glacieres“ Nationalpark gehören. Der Ort selber hat etwas von einem Aussenposten der Zivilisation. Es wirkt alles etwas rau und ungehobelt und die kleinen Holzhäuser scheinen sich unter dem starken Wind zu ducken. Auf den Strassen sieht man nur mehr oder weniger eingemummte Menschen in bunter Outdoorkleidung, mit Wanderschuhen und grossen Rucksäcken und jedes zweite Haus scheint ein Hostel zu sein. Wir lassen den Abend im La Zorra mit Guanako-Burger (sehr lecker) und Quinoabowl ausklingen.

Da wir weder die nötige Ausrüstung noch die Kondition/Motivation für mehrtägige Wanderungen haben, beraten wir uns am Frühstückstisch, welche Wanderungen was für uns wären und werden uns recht schnell einig. Insgesamt 3 sollen es werden. Aber Kleinvieh macht auch Mist und schlussendlich sind wir auch in einem Tag 20 km gewandert.

Ab jetzt ist es vorerst mit der Hitze vorbei – Brrrr….

Der erste Wanderweg heisst Laguna de los Tres und wäre hin und zurück 20 km. 750 Höhenmeter erscheint uns auch bisschen viel, also laufen wir „nur“ bis zum Aussichtspunkt Fitz Roy. 350 Höhenmeter, 8 km hin und zurück, das schaffen wir. Schon der erste Blick auf den Rio de las Vueltas ist toll. Als wir beim Fitz Roy Viewpoint ankommen, sind grad ziemlich viele Wolken aufgezogen. Aber der Gletscher Piedras Blancas strahlt in einem edlen Türkis. Wir sind begeistert. Auf dem Rückweg sehen wir auf El Chalten runter. Eigentlich ein kleines Kaff so aus der Ferne betrachtet. In einer kleinen Bäckerei gönnen wir uns einen Kaffee und ein paar Empanadas. 

Cerro Torre ist die 2. Wanderung für heute. Der ganze Trail heisst Laguna Torre und da wo wir hin wollen ist der Aussichtspunkt Cerro Torre. Es soll eine leichte Wanderung sein, mit 250 Höhenmetern und 6 km hin und zurück. Wir wissen nicht, wem das eingefallen ist, denn wir finden, es ist recht anspruchsvoll und zwischendrin machen wir sogar eine kleine Kletterpartie…  Die Wolken haben sich verzogen und wir haben auf einmal freien Blick auf den Fitz Roy! Der Cerro Torre ist aber auch nicht zu verachten. Die auf den Schildern angekündigten Huemules haben sich hingegen nicht blicken lassen.

Der Parkranger hat uns noch empfohlen, mit dem Auto 37 km auf der RP41 zum Lago del Desierto zu fahren. Es sei „muy bonita y muy hermosa“. Es ist wirklich sehr schön und bietet immer wieder tolle Ausblicke aufs Wasser und die Berge. Die Strasse führt am Rio de las Vueltas entlang und ein paar Mal müssen wir den Fluss auf holprigen Brücken überqueren. Auf der Schotterpiste darf höchstens 40 km/h gefahren werden, aber so schnell zu fahren, schaffen wir kaum. Denn auch bei dieser geringen Geschwindigkeit schlagen ständig Steine von unten an die Karre, das nervt. Ein paar Fotos später bzw. nach 20 km bzw. 1 h Fahrt kehren wir um und beschliessen, unsere 3. Wanderung zu machen.

Es ist zwar schon 17:30 Uhr, aber für unsere 3. und letzte Wanderung zum „Mirador de los Condores“ reicht es allemal. Die Sonne geht erst um 21:00 Uhr unter und der Trail ist nur 2 km hin und zurück und 100 Höhenmeter. Der Parkranger hat uns am Freitag schon so weisse Flecken in der Felswand gezeigt und gemeint, das sei „Condorshit“. Seit ein paar Jahren hätten sich hier Kondore angesiedelt und vom Aussichtspunkt solle man sie abends fliegen sehen. Also nix wie rauf da! Was wir nicht bedacht haben, ist der immerwährende Wind. Und den darf man echt nicht unterschätzen. Ständig wird uns Sand in die Augen geblasen und teilweise drücken uns Windböen in den Hang und machen ein Weiterlaufen zur Qual. Auch wenn es nur noch 100 m wären, drehen lieber wieder um.

Condor Lookout

Beim Runterlaufen sieht Biggi dann einen Vogel in grosser Höhe fliegen und macht ein Bild. Sie ist sicher, es ist ein Kondor, ich meine, es sei ein Fliegenschiss auf der Linse (auch hier werden wir eine Woche später mehr Glück haben). Wir lassen den Abend im Restaurant Parrilla Argentina mit einer Fleischplatte für 2 ausklingen.

Die folgenden beiden Tage sind wettermässig eher auf der nassgrauen Seite und so sind wir umso froher, dass wir die Hauptsehenswürdigkeiten alle am ersten Tag besucht haben.

Nach drei Tagen in El Chalten geht es mit dem Mietwagen wieder den gleichen Weg zurück. Nach dem Frühstück fahren wir noch an der Tanke vorbei – ja, fast übersehen, weil sie nicht wirklich wie eine Tankstelle aussieht, und machen uns auf nach El Calafate.

Wir sind echt überrascht, wie viele Velofahrer hier unterwegs sind. Ich meine, so lange der Wind von hinten kommt ist es ja super, aber entgegengesetzt??? Nein danke! Die Strassen sind leer, aber am Strassenrand sind wieder Guanakos, die aus dem Stand über den Zaun springen. Als wenn das Gras auf der anderen Seite des Zauns grüner wäre… Ab und zu sieht man aber auch Gerippe von den Tieren, die es nicht geschafft haben und am Zaun hängend verendet sind. Und plötzlich, ein Kondor, dieses Mal ist Biggi sich noch sicherer und frägt mich erst gar nicht, was ich meine… Bevor wir unser Airbnb beziehen holen wir uns gleich noch die Bustickets für die Fahrt nach Puerto Natales und kaufen ein paar Lebensmittel ein. Nach der Fleischorgie gibt’s erstmal wieder Hausmannskost, da sind wir uns einig. Wobei, guck dir mal diese Fleischtheke an. 

17:00 Uhr, es ist noch nicht zu spät für einen Besuch im Gletscher-Museum in El Calafate. Wann und von wem wurden die Gletscher erforscht? Warum machen Gletscher Geräusche? Warum sind Schneeflocken alle symmetrisch? Warum ist das Eis blau? Wie kann eine Fliege auf dem Eis leben? Was passiert mit unserem Klima? Auf all diese Fragen versucht das Glaciarium Antworten zu geben. Informativ und gleichzeitig besorgniserregend, aber sehr eindrücklich. Zum Abkühlen gehen wir für 20 Minuten in die Glaciobar. Ich glaube, länger hält man es in diesem Gefrierhaus eh nicht aus. Da nutzen auch die Handschuh und das Cape nix. 

Von El Calafate aus wollen wir wieder zum Los Glacieres Nationalpark. Dieses Mal von Süden aus, um den wohl berühmtesten Gletscher in Patagonien zu sehen. Der Los Glacieres Nationalpark erstreckt sich über hunderte von Quadratkilometern, aber nur ein kleiner Teil ist mit dem Auto zu erreichen.

Perito Moreno Gletscher von oben. Was man vom Lookout sieht ist nur das gelb umkreiste Ende von diesem riesigen Gletscher

Von El Calafate aus sind es lediglich 70 km zu fahren, aber auf den letzten 30 km im Nationalpark ist die Geschwindigkeit mehrheitlich auf 40 km/h beschränkt.

Nach 1 1/2 h Fahrt können wir – mit einem Bus voll anderer Touristen – den ersten Blick auf den Gletscher werfen. WOW! Der Perito Moreno Gletscher ist einer der wenigen Gletscher der Welt, der noch am wachsen ist und man kann hier auf wenige hundert Meter an die Abbruchkante ran kommen. Der Gletscher ist im ständigen Umbruch, es donnert, knallt und grollt und wir können sogar beobachten, wie er „kalbt“ und grosse Eisblöcke in den Lago Argentina donnern. Es ist überwältigend so nah ran zu kommen und die Kälte vom Gletscher „fühlen“ zu können. Im Wasser schwimmen Growlers und kleinere Eisblöcke schimmern in verschiedenen Weiss- und Blautönen. Die Abrisskante ist zwischen 40-70 m hoch und man wird ganz andächtig und kommt sich sehr klein und unbedeutend vor, wenn man davor steht.

Nach zwei Tagen in El Calafate geben wir unseren Mietwagen ab und trotten mit unserem Gepäck zum Busbahnhof. Nächster Stop: Puerto Natales in Chile.

Weiter nach Chile

Zurück zur Reiseübersicht

Loading