Südamerikareise Teil 1: Bolivien
Am 24. Januar geht unsere Südamerikareise mit einem Flug von Panama über Bogota nach La Paz im Bolivianischen Hochland los.

Innerhalb von etwa 12 Stunden geht es von Meeresniveau auf über 4000 MüM hoch. La Paz und El Alto, wo der Flughafen liegt, sind zwei inzwischen zu einem riesigen Ort zusammengewachsene Städte. Der Ort ist über mehrere Hügel und Hochtäler zwischen 4100 und 3800 MüM verteilt.

Was wir vorher nicht wussten: Der Flughafen El Alto ist der höchstgelegene internationale Flughafen der Welt und gleichzeitig einer der gefährlichsten zum Anfliegen. Piloten brauchen ein spezielles Training, um dort landen zu dürfen, und trotzdem kam es schon zu mehreren Abstürzen mit mehreren Todesopfern.
Manchmal ist es besser, wenn man vorher nicht alles weiss…
Im gleichen Kapitel fällt die Höhenkrankheit. Wir haben uns im Vorfeld nicht wirklich mit dem Thema befasst, aber als uns immer mehr Leute ungläubig anschauen, als wir ihnen von unseren Reiseplänen berichten, werden wir langsam stutzig. Nun, die Flüge und das Airbnb waren schon gebucht und bezahlt, also hilft nur Kopf runter und durch. Wird schon nicht so schlimm werden…
Bogota liegt schon auf 2800 MüM und dort haben wir einen Zwischenstopp von knapp fünf Stunden, perfekt zum Akklimatisieren (… dachten wir…)
Die Ankunft in El Alto ist mitten in der Nacht und wir fühlen uns, abgesehen von leichtem Schwindel und Kurzatmigkeit, eigentlich ganz OK. Noch im Flughafen kaufen wir in eine nachtoffene Apotheke in der Ankunftshalle ein Medikament gegen die Höhenkrankheit und nehmen sofort die erste Tablette. (Warum wohl haben sie dort eine 7×24 offene Apotheke…?).
Mit dem Taxi geht es zum Airbnb Appartement, wo wir noch schnell einen Koka-Tee (soll auch gut gegen die Höhenkrankheit sein) trinken, bevor wir erschöpft ins Bett fallen.
Dort – also im Bett – bleibt Biggi für die folgende 48 Stunden auch liegen! Teilweise mache ich mir echt Sorgen, denn sie ist fast schon komatös. Einmal habe ich ihre Hand genommen – sie war eiskalt und hing ganz schlapp runter – bis sie endlich reagiert hat, bin ich vor Angst fast erstarrt! Ich schaffe es am ersten Tag nur mit Mühe und Not, sie dazu zu bringen, wenigstens ihre Medikamente und etwas Koka-Tee zu trinken.

Abgesehen von Kopfweh und einer offensichtlichen Kurzatmigkeit geht es mir ziemlich gut. So tigere ich am Tag nach der Ankunft alleine los um einen Laden zu finden und uns mit dem Nötigsten auszustatten, um im Appartement Essen kochen zu können.
Wie vorhergesagt, ist der ganze Spuk nach 48 Stunden vorbei, aber diese 48 Stunden waren, vor allem für Biggi, echt nicht schön!
Rückblickend hätten wir niemals sofort so weit hoch reisen sollen und es wäre sicher auch schlauer gewesen, die ersten Tage in einem Hotel zu verbringen. In den Hotels dort haben sie für solche Fälle nämlich Sauerstoff zur Hand, was es im Airbnb natürlich nicht gibt. Wie sagt man so schön „Reisen bildet“…

Um die Folgen der Höhenkrankheit zu mildern, trank v. a. Biggi grosse Mengen Koka-Tee. Die Kokablätter sind in Bolivien und Peru legal, aber in den meisten anderen Lateinamerikanischen Ländern nicht erlaubt. Sie sind zwar die Grundlage für Kokain, aber als nicht weiter verarbeitete Blätter haben sie keine berauschende Wirkung. Im Gegenteil, sie sollen viele positive Eigenschaften haben und eben auch gegen die Höhenkrankheit wirken. Anfänglich haben wir uns ein bisschen gewundert, dass der Tee so schnell abgekühlt ist und dies auf die unterkühlte Wohnung zurückgeführt. Der Grund war aber ein anderer: Auf 4000 MüM ist der Luftdruck so tief, dass Wasser schon bei 86.5 Grad kocht. Dies muss man natürlich auch beim Kochen von Nudeln, Eier usw. berücksichtigen. Angewandte Physik, halt 😉

Die folgenden Tage in La Paz sind dafür sehr eindrücklich, da es eine derartig andersartige Kultur und Landschaft ist. Die Stadt ist ein Gewusel von meistens rote Backsteingebäude. Durch die vielen Hügel und die klare Luft sieht man den Häuserteppich, der alles bedeckt sehr gut. Nur in gewisse Stadtteile, wie z. B. in Sopocachi, das Quartier in dem wir wohnen, gibt es auch Hochhäuser und moderne Läden.
Der Verkehr in ganz La Paz ist chaotisch und die Strassen chronisch von hupenden, in den Schlangen stecken gebliebenen Autos verstopft.

Es stinkt penetrant nach Abgas, viel stärker als wir es sonst empfinden. Es dauert eine Weile, bis es uns dämmert, dass ein Grossteil der Fahrzeuge hier gar keine funktionierende Katalysatoren haben! Und die Motoren werden natürlich auch nicht abgestellt, auch wenn niemand sich bewegen kann. Überall sitzen die Leute mit laufenden Motoren in den Autos und kommen nicht drauf, sie mal abzustellen. Wenn man so etwas erlebt, erscheinen die Europäischen Klimamassnahmen irgendwie absurd.

Zum Glück gibt es, als geniale Alternative zum Strassenverkehr den Teleferico – ein sich über das ganze Stadtgebiet erstreckendes Seilbahnnetz. Dieses öffentliche Verkehrsmittel ist schnell, dank Solarstrom umweltfreundlich, effizient, sehr günstig und bietet ausserdem eine fantastische Sicht auf die Stadt.

La Paz und vorallem El Alto hat einen sehr grossen Anteil an indigener Bevölkerung, die inmitten der Stadt immer noch ihre althergebrachte Kultur aufrechterhalten. Da mischen sich traditionell in weiten Röcken, Ponchos und Hüten gekleideten Indiofrauen mit jungen modern angezogenen Frauen mit Designerklamotten zu einem kunterbunten Mix. So ergibt sich ein buntes und stark kontrastierendes Stadtbild, was uns immer wieder aufs Neue begeistert. Was aber alle benutzen ist das Handy. Modern times halt…


Bei den Männern ist die Kleidung übrigens – wie so oft – durchgehend westlich, egal wie alt sie sind.


Dass die Indiokultur tatsächlich aktiv gelebt bzw. praktiziert wird, entdeckt man als Tourist vor allem im „Mercado de las Brujas“ = „Hexenmarkt“. Dieser Markt erstreckt sich über ein paar enge Gassen in der Nähe der Basilica de San Fransisco in La Paz. Die meisten Läden im Markt sind heutzutage natürlich auf Touristen ausgelegt und bieten neben viel Krimskrams auch viele Produkte aus Alpakawolle an. Dort erstehen wir verweichlichte Tropensegler einige dringend benötigte warme Kleider. Neben Mützen, Handschuhe, Schals und Socken gibt es warme und schön gestrickte Pullis für die ganze Crew. Alles schön farbenfroh und aus lokaler Herstellung.


Etwas weiter hinten im Markt kommen dann ein paar Läden, wo das Sortiment etwas anders ist: Statt farbenfrohe Alpakawollprodukte hängen dort Lamaföten(!) und zum Teil sogar Schweineföten an den Läden. Zuerst denken wir noch, dass es Stofftiere seien, aber bei näherer Betrachtung realisieren wir, dass dies echte mumifizierte Tiere bzw. Föten sind! In den Läden drin findet man haufenweise Pillen, Pülverchen und Tinkturen gegen allerlei Gebrechen und Sorgen. Auch die Ladeninhaberinnen und Kunden sind eher Einheimische als Touristen.

Aber wieso gibt es hier die vielen mumifizierte Lamaföten? Beim Bau eines Hauses in Bolivien ist es zwingend notwendig, „Pachamama“ ein Opfer in Form eines Feueropfers zu erbringen. Zudem wird beim Giessen des Fundaments ein (oder mehrere) Lamaföten mit vergraben, um das Haus und dessen Einwohner gegen Unglück und böse Geister zu schützen.
Was uns erst als skurriler Mythos vor kommt, erhärtet sich in den folgenden Tagen durch Gespräche und Recherche zur Erkenntnis, dass die Magie tatsächlich praktiziert und der Aberglaube in Bolivien heute noch lebendig ist.

Ein Besuch am Stadtfriedhof von la Paz zeigt auch, dass der Umgang mit den Toten ganz anders als bei uns und auch vom Aberglauben geprägt ist. Die Gräber sind vier „Stockwerke“ hoch übereinander angeordnet. Der Friedhof wirkt ein bisschen wie ein Quartier von Mehrfamilienhäusern. Jedes Grab hat ein kleines „Schaufenster“ wo Bilder vom Toten sowie allerlei Grabbeigaben zu sehen sind. Die Grabbeigaben sind oft Lieblingsgegenstände vom Verstorbenen oder Getränke und Nahrung- und Genusssmittel. Das ergibt für uns komisch anmutende Gräber, wenn in den Fenstern teilweise Coca-Cola oder Schnapsflächschen oder Zigaretten liegen.

Besonders die Kindergräber mit Spielzeug und Kuscheltiere in den Fenstern machen einen traurig.
La Paz hat nur ganz wenige Supermärkte, die Bewohner bekommen alles was sie für den täglichen Gebrauch benötigen, in offene Stände und Kleinstläden, die überall vorhanden sind. Teilweise wirken ganze Quartiere wie riesige Märkte und oft sieht man eine Häufung von gleichartigen Spezialläden in einem bestimmten Stadtteil. Da sind in einer Strasse x Läden, die z. B. Schmieröl oder Dachdeckungen, oder Kochgeschirr, oder, oder, verkaufen.

Dann gibt es natürlich ganz viele Stände mit allerlei Früchte und Gemüse, die für uns teilweise völlig unbekannt sind, wie z. B. Kartoffeln, die wie weisse Kieselsteine aussehen. Vereinzelt werden Fische aus dem Titicaca See am Strassenrand auf Tüchern am Boden feilgeboten. Kühlung? Fehlanzeige!

Ein Tag fahren wir mit dem Taxi ins „Valle de la Luna“. Nur schon die Taxifahrt war ein besonderes Erlebnis. Das Auto war in einem derart desolaten Zustand, dass es ein Schweizer Strassenverkehrsbeamte zur Schnappatmung gebracht hätte. Aber der Clou war die offene Schaltkulisse!

Dieses Tal hat seinen Namen bekommen weil Neil Armstrong, der dort zu Besuch war, gemeint hat, dass es dort wie auf dem Mond aussehe. Und tatsächlich, es hat was.


Nach einer spannenden und erlebnisreichen, aber auch kalten Woche in La Paz (das Appartement war zwar schön, aber lausig kalt) fahren wir mit dem Bus in vier Stunden nach Copacabana am Titicaca See. Dort haben wir drei Nächte in ein Hotelzimmer gebucht und freuen uns darauf, endlich ein warmes Zimmer zu beziehen.

Die Busfahrt ist eindrücklich und wir sind erstaunt wie viel hier gebaut wird. Die Strasse schlängelt sich vom Friedhof in La Paz langsam bis El Alto hoch. Dort oben geht es über eine offene Hochebene Richtung Titicaca See. Es scheint, wie wenn El Alto nie aufhören will, es gibt keine klare Stadtgrenze, sondern die Häuser gehen ewig weiter. Irgendwann sind es nur noch Häuser entlang der Strasse, aber bis wir wirklich draussen auf dem Land sind geht es sicher mehr als eine Stunde.

Irgendwann erscheint der See auf der linken Seite und nach nochmals einer Stunde Fahrt hält der Bus plötzlich und alle steigen aus und laufen ohne ihr Gepäck davon. Ziemlich verwirrt steigen wir auch aus und folgen den anderen zu einem Häuschen am Wasser. Dort muss man ein weiteres Ticket kaufen und landet in ein kleines Holzboot mit Aussenborder, welches über einen kleinen Sund zum anderen Ufer rüberfährt. Der Bus wird derweil mit einer etwas grösseren „Autofähre“ – sprich Holzfloss mit zwei Aussenbordern – rüber gefrachtet. Alles wieder einsteigen und nach weiteren 45 Minuten sind wir dann in Copacabana.


Copacabana in Bolivien ist übrigens der Namensgeber für der gleichnamige (aber viel bekanntere Ort in Brasilien). Ausser, dass beide einen Strand haben und Touristenorte sind, haben sie nicht viel gemeinsam. Copacabana in Bolivien wirkt völlig heruntergekommen. Überall sieht man unfertige Häuser und offene Strassen. Die Flaniermeile unten am Wasser, wirkt eher wie ein grosser unbefestigter Parkplatz mit einer Reihe von Zeltbuden, wo man an Plastik-Tischen und Stühlen überall die gleichen Fischgerichte essen kann.


Im See gibt es mehrere grosse Fischzuchten mit Forellen, die in allen Restaurants angeboten werden.


Auch unser Hotel ist leider eine massive Enttäuschung. Es hat zwar eine wunderschöne Aussicht über den Titicaca See, aber es ist eisig kalt im Zimmer, das Bad ist ein Witz und das Bett steinhart.

Neben der Aussicht gibt es noch einen schönen Garten mit ein paar Liegestühle in der Sonne, wo man die Aussicht über den See geniessen kann, während Hühner und ein Lama mit Kalb herumlaufen. Dorthin flüchten wir auch nach dem Frühstück, welches wir in unsere Daunenjacken im etwa 5 Grad „warmen“ Essraum essen durften. Wir sind wahrlich nicht Leute, die luxuriöse Unterkünfte brauchen, aber das hier war auch für uns zu heftig.



Aber wir sind schlussendlich nicht wegen dem Ort oder das Hotel hierher gekommen, sondern wegen dem See.
Der Titicaca See ist mit 3812 m ü Meer das weltweit höchstgelegene schiffbare Gewässer. Er ist der grössten See in Südamerika und etwa 15,5 Mal so gross wie der Bodensee! Das Wasser ist zwar glasklar, aber leider ist er sehr stark verschmutzt.

Am zweiten Tag machen wir eine ganztägige Schiffsfahrt über den See zu Sonneninsel, wo es ein paar Inkaruinen hat. Das Geschäft mit den Ausflugsbooten brummt und am Strand können wir zwischen verschiedene Anbieter wählen. Die Boote sehen wie moderne Schnellboote aus, sind aber einfache Holzboote mit zwei Aussenbordern und relativ langsam unterwegs. Der See ist so gross, dass man sich wie auf dem Meer vorkommt, einfach ohne Dünung. Das Wasser ist glasklar und tiefblau, aber die Temperatur von max 13 Grad lädt nicht gerade zum Baden ein.

Durch die enorme Grösse und den langsamen Boot, fahren wir stundenlang bis zum ersten Stopp. Schlussendlich bleibt leider nur wenig Zeit zum Erkunden auf der Sonneninsel, wobei hier oben auf 3800 MüM längere Wanderungen zu machen, ist vermutlich sowieso keine allzugute Idee für uns. Die lange Inkatreppe beim ersten Stopp bringt uns in der dünnen Luft hier oben auf jeden Fall schnell an unsere Leistungsgrenzen. Zum Glück liegt die Ruine vom Inkatempel beim zweiten Stopp nur wenige Meter über dem Wasserniveau.



Auf dem Rückweg über den See überlegen wir uns ob wir wirklich eine dritte Nacht in dem Hotel in Copacabana bleiben wollen. Wir wollen nicht! Mobiltelefon und Internet sei dank, dass wir kurzfristig vom Schiff aus eine neue Unterkunft in La Paz buchen können. Mit der Aussicht auf eine wärmere Unterkunft ist der Ärger über die schon bezahlte, aber nicht ausgenutzte dritte Hotelübernachtung schnell vergessen.
Unterwegs versuchen wir so viel wie möglich mit unseren Debitkarten zu bezahlen. Bei diesen Karten haben wir keinen Fremdwährungszuschlag und der bessere Wechselkurs, als wenn wir Bargeld in den Wechselstuben wechseln. In Bolivien ist das anders, was wir aber leider erst in Copacabana realisieren. Dort wimmelt es von inoffiziellen Wechselstuben, die einen bis zu 40%(!!) höheren Kurs anbieten. Zuerst befürchten wir, dass wir uns dort Blüten angedreht werden, aber es ist tatsächlich kein Betrug. Die Leute wollen dringend Devisen und für Privatpersonen ist das anscheinend sehr schwer das zu bekommen. So bieten sie diesen für uns sehr vorteilhaften Wechselkurs an. Logisch, dass wir für den Rest der Zeit in Bolivien alles Bar bezahlen.

Mit dem Bus geht es also schon am dritten Tag wieder nach La Paz zurück, wo wir für zwei Tage in ein wirklich nettes – und WARMES!! – Appartement wohnen können. Was für eine Wohltat!


Ein letztes Mal auswärts Essen und das Quartier Sopocachi geniessen und dann ist es Zeit zum Flughafen zu fahren. Das nächste Land in Südamerika – Argentinien – wartet auf uns.

Das wenige, was wir von Bolivien gesehen haben, hat uns wirklich beeindruckt. Die Andersartigkeit, die Indiokultur, die überwältigende Stadt in bzw auf den Bergen. Aber gleichzeitig sind die offensichtliche Armut und die einfachen Lebensumstände der Bevölkerung ernüchternd. Hier wie auch an vielen anderen Orten ist der Unterschied zwischen arm und reich sehr auffällig und wir sind immer wieder unendlich dankbar, dass wir so privilegiert sind als Besucher hierher zu kommen aber auch wieder weg reisen zu können.
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